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Per Autostopp um die Welt – Woche 58: Von Gangneung (Südkorea) nach Busan (Südkorea)

Der Brief von Yee Won.
Bild: Thomas Schlittler

Dieser Brief einer 17-jährigen Koreanerin zeigt, wieso Reisen immer noch die schönste Sache der Welt ist

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Per Autostopp um die Welt – Woche 58: Von Gangneung (Südkorea) nach Busan (Südkorea)

Die Worte von Yee Won berühren mich tief:

«Ich bin glücklich, dass ich dich getroffen habe. Auch wenn es nur eine kurze Zeit war, werde ich den heutigen Tag nie vergessen.»

Dieser Satz steht in dem Brief, den mir die 17-jährige Koreanerin zugesteckt hat, kurz bevor sie aus dem Auto gestiegen ist.

Ihr Vater Jang Hoo Inn und ich haben sie vor ihrer Schule abgesetzt. Sie ist im Prüfungsstress, heute stehen die Abschlussexamen in Mathe, Musik und Physik auf dem Programm.

Unerbittlicher Konkurrenzkampf

Der Konkurrenzkampf an südkoreanischen Schulen ist unerbittlich. Für jedes Fach wird ein öffentliches Ranking erstellt. Die Nummer eins erhält Komplimente und Schulterklopfer, die Nummer zwanzig Tadel, Spott oder im besten Fall Mitleid.

Trotz dieses Leistungsdrucks hat sich Yee Won gestern vor dem Einschlafen Zeit genommen für ein paar Zeilen an den Gast aus der Schweiz, den ihr Vater am Strassenrand aufgelesen und kurzerhand zum Übernachten eingeladen hat: 

«Es war das erste Mal, dass ich ein langes Gespräch hatte mit einem Ausländer. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so gut kommunizieren können.»

Nach der Bildstrecke mit den Stationen und Fahrern dieser Woche geht es unten weiter ...

Es ist faszinierend, welche Überraschungen das Reisen immer wieder bereithält: Da komme ich nach vielen Monaten in Entwicklungsländern nach Südkorea, ein hochentwickeltes, modernes Land, in dem ich nicht erwartet hätte, dass ein Europäer noch die Neugierde der Einheimischen weckt, – und dann erhalte ich nach einer Nacht in der kleinen, sehr einfachen Blockwohnung einer Mittelstandsfamilie einen so herzwärmenden Brief eines jungen Mädchens: 

«Du bist ein sehr netter Mensch, ich respektiere dich. Es ist auch mein Traum, um die Welt zu reisen. Ich hoffe, dich dann zu treffen.»

Per Autostopp um die Welt – Woche 58: Von Gangneung (Südkorea) nach Busan (Südkorea)

In diesem Wohnblock ist Yee Won mit ihrer Familie zuhause. Bild: Thomas Schlittler

Die Worte treffen mich auch deshalb so unerwartet, weil die Familie gestern Abend so reagierte, als sei es die normalste Sache der Welt, dass der Vater nach der Arbeit einen Fremden mit nach Hause bringt.

Der Kleine zupft an meinem Bart

Die 17-jährige Yee Won und ihr ein Jahr jüngerer Bruder sagen mir nur kurz hallo, vertiefen sich dann aber gleich wieder in ihre Schulbücher. Und auch die Mutter geht nach der Begrüssung sofort zurück an den Herd, um das Abendessen zuzubereiten.

Einzig der 7-jährige Nachzügler zeigt sein Interesse am unbekannten Gast. Der Kleine fordert mich auf, ihm seinen Plastikball zuzuwerfen. Nach wenigen Minuten hat er keine Berührungsängste mehr, zupft an meinem Bart und betastet meine Beine – die meisten Koreaner haben dort kaum Haare.

Per Autostopp um die Welt – Woche 58: Von Gangneung (Südkorea) nach Busan (Südkorea)

Das jüngste Familienmitglied interessiert sich am meisten für mich (und meinen Bart). Bild: Thomas Schlittler

Beim Abendessen legen auch die anderen Familienmitglieder ihre Scheu langsam ab. Sie fragen mich aus über die Schweiz, meine Reise und meine Eindrücke von Korea. Ich will mehr wissen über das koreanische Schulsystem, den Arbeitsalltag und die Beziehung zu Nordkorea.

Per Autostopp um die Welt – Woche 58: Von Gangneung (Südkorea) nach Busan (Südkorea)

Bild: Thomas Schlittler

Das letzte Thema scheint Vater Jang Hoo Inn nicht zu behagen. «Eine Wiedervereinigung ist schwierig, weil sich die Wirtschaft so unterschiedlich entwickelt hat», sagt er ausweichend. Stattdessen öffnet er lieber eine Flasche Soju, eine Art Reiswein. «Du musst dein Glas mit beiden Händen halten, wenn ich dir einschenke», erklärt er mir die koreanischen Anstandsregeln.

Per Autostopp um die Welt – Woche 58: Von Gangneung (Südkorea) nach Busan (Südkorea)

Mein Zimmer mit Bett.
Bild: Thomas Schlittler

Nach dem Essen richten sie mir in einem kleinen Zimmer einen Schlafplatz ein – auf dem Boden. «Das ist koreanische Tradition. Wir haben keine Betten.» Als ich lesend auf der dünnen Matratze liege, steht auf einmal die ganze Familie im Türrahmen. «Können wir ein Foto zusammen machen?», fragt Yee Won. Dann setzt sich die ganze Familie strahlend zu mir ins Bett.

Per Autostopp um die Welt – Woche 58: Von Gangneung (Südkorea) nach Busan (Südkorea)

Die ganze Familie in meinem Bett.
Bild: Thomas Schlittler

Die Selbstverständlichkeit, mit der das alles geschieht, beeindruckt mich. Folgende Aufforderung in Yee Wons Brief empfinde ich deshalb nicht als leere Worte: 

«Wenn du wieder einmal in Korea bist, komm erneut in unser Haus. Vergiss uns nicht.»

Liebe Yee Won, das werde ich bestimmt nicht!

Weil es so schön ist: Das sind die schönsten Liebesbriefe der Geschichte

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18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Eisenhorn 12.07.2016 10:43
    Highlight Highlight Hey Thomas

    Hammer Blog wie immer! Kleine Frage: Wie gut sprechen die Südkoreaner Englisch? Ich schaue viel E-Sport und für Südkoreaner und Chinesen haben sie immer Übersetzer weil die kaum bis gar kein Englisch sprechen (oder sprechen wollen?).
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 07:47
      Highlight Highlight Hallo Eisenhorn. Vielen Dank für das Kompliment! Mit dem Englisch ist es nicht so einfach. Man kann sich zwar irgendwie verständigen, aber tiefschürfende Diskussionen darfst du nicht erwarten. Einfach so zufällig auf der Strasse findet man kaum jemanden, der wirklich gut Englisch spricht. Am ehesten noch in grossen Städten wie Seoul oder Busan. Also es gibt sicher Leute, die wirklich gut Englisch sprechen. Per Zufall bin ich aber nur zwei, drei Mal so jemandem begegnet. Bei der jüngeren Generation ist die Chance sicher höher. LG
  • ksayu45 10.07.2016 22:15
    Highlight Highlight stöppelst du eigentlich immer mit einem schild mit zielort oder einfach klassisch den daumen hoch?
    • Thomas Schlittler 11.07.2016 03:14
      Highlight Highlight Nein, ich habe nicht immer ein Schild dabei. Ich glaube, bis China hatte ich gar nie ein Schild (bin aber ehrlich gesagt gar nicht mehr sicher...) Jetzt mache ich, wonach mir gerade ist. Grundsätzlich gilt aber: je unbekannter Hitchhiken in einem Land und je schwieriger die verbale Kommunikation, desto eher nehme ich ein Schild zu Hilfe. Und es kommt auch darauf an, wo ich gerade stehe. Auf dem aktuellen Bild aus Korea warten wir unter einer Autobahnbrücke (Regenschutz), von der es danach in verschiedene Richtungen geht. In einem solchen Fall verhindert ein Schild unnötiges Anhalten ... ;-)
    • ksayu45 11.07.2016 12:45
      Highlight Highlight okay danke für die antwort! :)
  • Stromer5 09.07.2016 21:39
    Highlight Highlight Vielen herzlichen Dank, dass du uns an deiner Reise teilhaben lässt. Ich freue mich jedes Mal riesig auf einen Beitrag von dir und wünschte, die Reise wäre endlos.
    Alles Gute, viel Glück und vor allem weiterhin schöne und interessante Begegnungen 😊
    Bin schon ein wenig neidisch 😉
    • Thomas Schlittler 10.07.2016 19:25
      Highlight Highlight Vielen Dank für die lieben Worte! Und um mich mal ein bisschen als Möchtegern-Philosophen zu profilieren: Keine Reise auf Erden ist endlos ... #habichdaswirklichgesagt?
  • 's all good, man! 09.07.2016 16:28
    Highlight Highlight Sehr schön. Mich berühren solche Geschichten von herzlicher Gastfreundschaft immer sehr.

    Einmal mehr vielen Dank für diesen tollen Blog!
    • Thomas Schlittler 10.07.2016 19:27
      Highlight Highlight Einmal mehr vielen Dank für die Blumen!
  • SanchoPanza 09.07.2016 14:03
    Highlight Highlight schöne Geschichte!
    darf ich fragen wie teuer das Leben und vor allem das Reisen in Südkorea ist? Das Land interessiert mich schon seit längerem :)
    • Thomas Schlittler 10.07.2016 19:37
      Highlight Highlight Lieber Sancho
      Im Vergleich zu Südostasien und China (countryside) ist Südkorea ziemlich teuer. Wenn du direkt aus der Schweiz einfliegst, siehst du es aber wahrschinlich etwas gelassener. Ein paar Beispiele ...

      Streetfood: von 2 bis 3 Franken aufwärts
      Anständiges Korean BBQ in Seoul: 20 bis 30 Franken (für 2 Personen)
      Bier in Bar: vielerorts ab 3 Franken
      Bett in Dorm: in grösseren Städten zwischen 15 und 25 Franken
      U-Bahn: 1.50 Franken (für ziemlich grosse Distanzen, guter Deal!)
      150km mit dem Bus: 20 Franken

      Wildcamping und Autostöppeln sind gratis bzw. unbezahlbar! ;-)
    • SanchoPanza 10.07.2016 22:18
      Highlight Highlight Hey vielen lieben Dank für deine ausführliche Antwort Thomas!

      Ja wie du schreibst, direkt aus der Schweiz tiptop machbar :-) Genau, auf Korean BBQ bin ich total scharf! Alles selbst einzulegen und zu marinieren dauert einfach immer viel zu lange 😇😋.

      Danke nochmals und weiterhin gute Reise!
  • Calvin Whatison 09.07.2016 14:00
    Highlight Highlight Thomas Schlittler, inzwischen das Highlight am Samstag. Dieses Mal wieder berührend und unterhaltsam 😂 merci viu mou
    • Thomas Schlittler 10.07.2016 19:37
      Highlight Highlight Ein tolles Kompliment, vielen Dank!
  • Luca Brasi 09.07.2016 12:56
    Highlight Highlight Oh wow! Das ist aber eine tolle Geschichte. Besten Dank dafür. Ich hoffe, Sie haben auch weiterhin so viel Glück auf Ihren Reisen. ;)
    • Thomas Schlittler 10.07.2016 19:42
      Highlight Highlight Da bin ich optimistisch! ;-)
  • Locusto 09.07.2016 12:38
    Highlight Highlight Danke für die schönen Eindrücke! Lese deine Berichte immer gern :)
    • Thomas Schlittler 10.07.2016 19:43
      Highlight Highlight Gern geschehen. Ich danke dir!

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