Wirtschaft
Schweiz

M365-Abhängigkeit: Zürich testet Open-Source-Alternative

Daniel Leupi, Stadtrat und Vorsteher des Finanzdepartements der Stadt Zuerich, spricht an der Medienkonferenz zum Wahlkampfauftakt der Gruenen Partei zu den bevorstehenden Stadtratswahlen am 8. Maerz, ...
Stadtrat Daniel Leupi (Grüne) ist der politisch verantwortliche Chef für die städtische Informatik und die Bemühungen rund um die digitale Souveränität.Bild: keystone
Analyse

Zürich will sich von teurer Microsoft-Software lösen – doch da gibt es ein Problem

Die Zürcher Stadtverwaltung soll sich aus dem M365-Würgegriff lösen und auf eine europäische Büro-Software wechseln. Das Vorhaben ist politisch breit abgestützt. Doch da sind die Tücken des «Vendor Lock-in».
23.05.2026, 10:0723.05.2026, 10:40

Eine komplette Ablösung des Microsoft-Pakets M365 «wäre derzeit noch nicht möglich», teilte die Zürcher Stadtregierung am Donnerstag mit. Zwar decke eine europäische Software-Alternative die grundlegenden Büro-Funktionen ab, bei komplexeren IT-Themen gebe es jedoch Hürden.

Diese Erkenntnis wird durch eine eigene Studie gestützt, die Fachleute der Zürcher Stadtverwaltung gemeinsam mit der Berner Fachhochschule verfasst haben.

Der Stadtrat will dennoch die Abhängigkeit von grossen ausländischen Techkonzernen schrittweise reduzieren. Um die webbasierte Open-Source-Lösung «openDesk» im Alltag zu testen, soll noch 2026 ein Praxisversuch starten.

Zudem unterstütze man den Aufbau eines nationalen Zentrums für digitale Souveränität. So soll über alle staatlichen Ebenen (Bund, Kanton, Gemeinden) hinweg die Basis geschaffen werden für den Einsatz von M365-Alternativen.

Hier erfährst du die Hintergründe.

Wo ist das Problem?

Luftaufnahme der Baustelle der Stadt Zuerich zur Sarnierung der Rathaussbruecke anlaesslich einer Medienfuehrung am Donnerstag, 21. Mai 2026 in Zuerich. (KEYSTONE/Claudio Thoma)
Sanierung der Zürcher Rathausbrücke: Auch im IT-Bereich gibt es «Baustellen».Bild: keystone

Die Ausgaben der Stadt Zürich für Microsoft-Software haben sich innerhalb von nur sieben Jahren vervierfacht. Wegen der «explodierenden Lizenzkosten» hat im vergangenen Jahr der politische Druck massiv zugenommen.

Im Dezember 2025 überwies das Stadtparlament (Gemeinderat genannt) ein einschneidendes Postulat (PDF) an die Stadtregierung. Der ursprünglich von der SVP aufgegleiste Vorstoss wurde schlussendlich von einer Koalition aus SVP, FDP und den Linksparteien (SP, Grüne, AL) getragen.

Im US-Würgegriff

Wie viele andere öffentliche Verwaltungen steckt die Stadt Zürich in einem sogenannten «Vendor-Lock-in» fest. Konkret heisst das, die IT-Verantwortlichen haben sich freiwillig in eine dermassen grosse Abhängigkeit von Microsoft-Software begeben, dass nun ein Wechsel zu einem anderen Anbieter mit relativ hohen Kosten verbunden ist.

Es besteht aber auch das Problem, dass Microsoft wegen seiner marktbeherrschenden Position die Preise nach Belieben erhöhen kann – und solche Änderungen seiner Lizenzierungsmodelle in den letzten Jahren vorgenommen hat.

Zudem ergeben sich aus der Abhängigkeit vom US-amerikanischen Techkonzern beträchtliche juristische und gesellschaftliche Gefahren. Die USA haben unter den geltenden gesetzlichen Bedingungen – Stichwort: «US Cloud Act» – Zugriff auf Daten, die von Microsoft und anderen US-Techkonzernen verwaltet werden – selbst dann, wenn diese Daten auf Servern in Europa oder in der Schweiz gespeichert sind.

Microsoft-Anwälte sagten unter Eid aus, man könne nicht zu 100 Prozent garantieren, dass ausländische Kundendaten vor dem Zugriff von US-Behörden sicher sind.

Für eine öffentliche Verwaltung, die sensible Bürgerdaten verarbeitet, kollidiert das potenzielle Zugriffsrisiko der USA direkt mit den strengen Vorgaben des hiesigen Datenschutzes und dem Wunsch nach digitaler Unabhängigkeit.

Die Stadtzürcher Datenschutzstelle hat die Cloud-basierte M365-Plattform in ihrem Tätigkeitsbericht 2025 als zentrales Problemfeld der digitalen Verwaltung identifiziert.

Die Trump-Regierung hat zudem demonstriert, dass sie die europäische Abhängigkeit von US-Software missbraucht, um politisch unliebsame Akteure zu bestrafen. Konkret traf es Richter des Internationalen Strafgerichtshofes.

Der Fall der Stadt Zürich zeigt, dass die Verfügbarkeit einer Open-Source-Alternative nicht ausreicht, um einen Lock-in sofort zu beenden. Die technischen und administrativen Verstrickungen sind dermassen gross, dass ein Wechsel Jahre an Vorbereitung und Überzeugungsarbeit benötigt.

Was wurde mit der Studie untersucht?

Gemeinsam mit der Berner Fachhochschule hat die Zürcher Stadtverwaltung die Web-Software «openDesk» unter die Lupe genommen. Das Fazit der dazugehörigen Studie: Für «viele Bereiche des Büroalltags» wie E-Mails, Chats oder Dateiablagen im Browser reiche die Open-Source-Alternative bereits aus. Mobile Apps fehlten allerdings noch.

Die vorliegende Studie zeige auch, dass «openDesk» eine Verbesserung der digitalen Souveränität schaffe.

Problematisch seien vor allem die Verknüpfungen der Microsoft-Software mit der bestehenden IT-Infrastruktur. Microsoft 365 liefert neben der Büro-Software automatisierte Betriebslösungen, Internet-Telefonie und Cybersicherheits-Dienste mit. Für einen Ausstieg müsste Zürich zuerst gleichwertigen Ersatz für diese Bereiche finden.

Ausserdem gilt es für die Stadt auch noch die Frage zu klären, was eine Umstellung von den Microsoft-Lizenzen auf ein europäisches Software-Abonnement kosten wird.

Die Studien-Verfasser halten fest:

«Eine detaillierte Kostenrechnung für eine ‹openDesk›- Online-Subscription für die Stadt Zürich ist erst nach Klärung der Wahl des konkreten Modells und offener Realisierungsfragen möglich. Die für diese Studie eingeholten Angebote weisen darauf hin, dass ‹openDesk›-Subscriptions zurzeit teurer wären als vergleichbare Microsoft-Lizenzen.»

Was hat es mit dem Zentrum für digitale Souveränität auf sich?

Akteure aus der Schweizer Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben die Zeichen der Zeit erkannt und wollen die Abhängigkeit von ausländischen Anbietern – und speziell von amerikanischen Big-Tech-Konzernen – verringern.

Das «Netzwerk SDS – Souveräne Digitale Schweiz» wurde ursprünglich im Juli 2025 als fachliche Austauschplattform lanciert. Und zwar vom Institut Public Sector Transformation (IPST) der Berner Fachhochschule gemeinsam mit dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD), der Organisation und Informatik (OIZ) der Stadt Zürich und der Schweizerischen Post. Ende April 2026 erfolgte der offizielle Start des daraus entstandenen «Zentrum SDS – Souveräne Digitale Schweiz» mit festen Strukturen und Gründungsmitgliedern aus Verwaltung, Wirtschaft und Forschung.

Ziel des Netzwerks ist es, die Open-Source-Bürosoftware «openDesk» als echte, herstellerunabhängige Alternative zu Microsoft 365 im öffentlichen Sektor zu etablieren.

Quellen

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176 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Regenmaker
23.05.2026 10:39registriert Juni 2018
Die Dänen habens vorgemacht. Es ist möglich und nötig.
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Rolandriedi
23.05.2026 10:48registriert Mai 2021
gut wird nun die Abhänigkeit verringert, sonst wird es in ein paar Jahren vermutlich immer schwieriger, sind davon zu lösen.
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Hermina3000
23.05.2026 10:42registriert September 2024
Das eigentliche Problem ist nicht Softwareentwicklung.
Das Problem ist:

* Standardisierung
* Governance
* Finanzierung
* Betrieb
* politische Kontinuität
* Haftung
* Support
* Sicherheitsverantwortung
Aber es würde gehen:
Wenn Bund, Kantone, Städte, Hochschulen und staatsnahe Betriebe gemeinsam arbeiten würden, könnte eine europäische/schweizerische Plattform entstehen.
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