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Garri Kasparow über den Ukraine-Krieg, Diktator Putin und den Westen

Super Rapid & Blitz Croatia 2026. Grand Chess Tour Mirko Filipovic CroCop and chess grandmaster Garry Kasparov during Opening Ceremony of Super Rapid & Blitz Croatia 2026. Grand Chess Tour at  ...
Garri Kasparow an einem Blitzschach-Turnier, 2026. Auch abseits des Spielbretts ist er ein kühler, analytischer Denker.Bild: imago-images.de

Einer der bekanntesten russischen Putin-Kritiker hat eine klare Warnung für den Westen

Der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow gilt als scharfer Kritiker Russlands und von Diktator Wladimir Putin. Ein aktuelles Interview mit dem 63-jährigen Intellektuellen liefert spannende Einblicke.
06.07.2026, 19:1506.07.2026, 19:15

Garri Kasparow hat österreichischen Medien ein Interview gegeben. Im Gespräch äusserte er sich zum Ukraine-Krieg, zur Bedrohung westlicher Demokratien und den gesellschaftlichen Folgen von künstlicher Intelligenz.

Hier sind seine interessantesten Aussagen.

Wird Putin den Angriffskrieg stoppen?

Einer der Kasparow-Interviewer spricht ihn zunächst auf die erfolgreichen militärischen Gegenschläge der Ukraine an. Zuletzt seien etwa Ölraffinerien und Ziele in Moskau und St. Petersburg mit Drohnen attackiert worden.

Ist es demnach eine Gefahr für Putin, dass die Menschen in Russland die Auswirkungen des Krieges zu spüren bekommen?

Kasparows ernüchternde Antwort:

«Russland ist krank und von Paranoia geprägt. Wenn Putin zehntausend Soldaten verliert, zuckt er nicht mit der Wimper. Er hat einen ausgeprägten Überlebensinstinkt, ohne den er sich nicht 26 Jahre lang an der Spitze der grössten Mafia-Organisation der Welt gehalten hätte. Putin weiss, dass es politischer Selbstmord für ihn wäre, den Krieg unter den jetzigen Bedingungen zu beenden. In Russland sind Zaren und Diktatoren gestürzt, wenn Kriege schlecht liefen.»

Eskaliert Russland den Krieg gegen Europa?

Auch diese Antwort lässt aufhorchen:

«Die Wahrscheinlichkeit, dass Putin nach den Scheinwahlen im September kleine Angriffe startet, bei denen er die Nato-Grenzen in Lettland und Estland überschreitet, steigt von Tag zu Tag.

Tief im Inneren weiss Putin, dass er in der Ukraine keinen Erfolg haben wird. Aber werden andere europäische Hauptstädte Attacken verkraften? Putin rechnet damit, dass die meisten europäischen Länder innerhalb der nächsten zwei Jahre Regierungen haben werden, die ihm sehr freundlich gesinnt sind.»

Konkret genannt wird Frankreich, das 2027 einen neuen Präsidenten wählt und das laut Kasparow aktuell zwischen «zwei Putin-Sympathisanten» wählen müsste. Derweil werde in Deutschland die pro-russische AfD immer stärker.

Zwar habe Putin in in Ungarn seinen «Freund» Viktor Orbán verloren, doch dafür in Bulgarien einen gewonnen. Und in Österreich sei die FPÖ die populärste Partei. Die Rechtspopulisten gelten als ausgesprochen Putin-freundlich und pflegen seit Langem enge Verbindungen nach Moskau.

Was können wir tun?

Dazu sagt der im Exil lebende Putin-Kritiker:

«Stellt sicher, dass die bestehenden Sanktionen greifen! Derzeit funktionieren sie nicht. Russland findet immer wieder Schlupflöcher. Man sollte Unternehmen, die gegen Sanktionen verstossen, hart bestrafen.

Ausserdem halte ich es für sehr wichtig, Putins Elite unter Druck zu setzen. Die Loyalität gegenüber Putin beruht nicht auf Ideologie, sondern auf Geld.»

Kasparow argumentiert, die Menschen in Putins engstem Kreis und die reich gewordenen Bürokraten müssten begreifen, dass der Krieg ihren Untergang bedeute.

Schach-Genie und Putin-Gegner
Garri Kasparow gilt als einer der grössten Schachspieler der Geschichte. 1963 in Aserbaidschan geboren, wuchs er hinter dem Eisernen Vorhang, unter sowjetischer Terrorherrschaft, auf. Er trug von 1985 bis 1993 offiziell den Titel des Schachweltmeisters. Seit seinem Rückzug vom Profi-Schach ist Kasparow als Oppositioneller und Demokratie-Aktivist tätig und übt regelmässig scharfe Kritik am russischen Machthaber Wladimir Putin und dem Regime im Kreml. 2014 nahm er die kroatische Staatsbürgerschaft an. Er lebt heute im Exil in den USA und in Westeuropa.
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Bild: Sandra Day O'Connor Institute For American Democracy

Kommt es nach Putin noch schlimmer?

Hier zeigt sich Kasparow vorsichtig optimistisch:

«Ein Diktator, der 25 Jahre regiert hat, ist das Rückgrat des gesamten Systems. Alles ist um ihn und seinen engsten Kreis herum aufgebaut. Fällt er weg, entstehen konkurrierende Machtzentren. Und fünf Kriminelle an einem Tisch sind besser als einer. Denn sie müssen miteinander verhandeln. Irgendjemand wird anfangen nachzudenken und sagen: Vielleicht sollten wir mit Selenskyj und der EU reden. Und sobald sie anfangen, über Geschäfte und Interessen zu verhandeln, entsteht eine Chance.»

Der Einfluss neuer Technologien

Die Kriegsführung habe sich wegen neuer Technologien, allen voran natürlich Drohnen, grundlegend verändert, sagt Kasparow. Und er prognostiziert, dass dies «massive politische und gesellschaftliche Veränderungen» nach sich ziehe.

«Die eigentliche Gefahr für den Westen besteht darin, dass China hinter Russland steht. Alles, was China aus diesem Krieg lernt, fliesst unmittelbar in chinesische Systeme ein.»
26 years ago, IBM computer defeated chess grandmaster Kasparov ANKARA, TURKIYE - ARCHIVE: A file photo dates December 09, 2011 shows World Chess Champion Garry Kasparov playing a game during his visit ...
So kannte die Welt den Schachgrossmeister. Garry Kasparov trat aber auch gegen Deep Blue an – den von IBM entwickelten, leistungsfähigen digitalen Kontrahenten.Bild: imago-images.de

China sei aber auch für die Zukunft Russlands eine Bedrohung. Das Regime in Peking erhebe massive territoriale Ansprüche auf russisches Gebiet. Persönlich halte er das für «die weitaus wichtigere Expansion Chinas als Taiwan».

Und die zukünftige Führung Russlands werde sich entscheiden müssen: Will man sich Europa zuwenden, Reparationen zahlen, also für die verursachten Kriegsschäden aufkommen und die Existenz der Ukraine als unabhängige Nation akzeptieren? Oder will man von China abhängig werden?

Was ist die grösste Gefahr wegen KI?

Angesprochen auf die Veränderungen wegen künstlicher Intelligenz reagiert Kasparow wohltuend unaufgeregt. Er spricht von einer grossen Hysterie um ChatGPT und andere Systeme, die auf grossen Sprachmodellen (LLM) basieren.

«Es wird zunehmend deutlich, dass diese Systeme nicht das sind, was viele von ihnen erwartet haben. Sie sind wichtige Werkzeuge – aber keine Maschinen, die uns ersetzen werden. Meine Botschaft lautet: Die eigentliche Gefahr für Ihren Arbeitsplatz geht nicht von der KI aus, sondern von einem anderen Menschen, der KI besser nutzen kann als Sie.»

Warum sagen westliche Politiker nicht, dass Russland verlieren muss?

Auch hierzu hat Kasparow eine klare Meinung:

«Wir haben keine Führungspersönlichkeiten mehr, sondern Manager, deren oberstes Ziel der Erhalt des Status quo ist. Viele schrecken davor zurück zu sagen, dass Russland verlieren muss. Denn sie wissen nicht, was danach passiert.»

Historisch betrachtet gebe es nur einen Weg, in Russland etwas gesellschaftlich und politisch zu verändern, und das sei ein verlorener Krieg. Nichts anderes habe in den vergangenen 200 Jahren zu Veränderungen geführt.

Wird Putin taktische Atomwaffen einsetzen?

Kasparow verneint:

«Das ist ein Bluff. Dem mafiösen Regime geht es letztlich um persönliche Bereicherung. Niemand dort ist bereit, für Putin zu sterben. Putin ist nicht Stalin oder Hitler, sondern eher Don Corleone. Sterben gehört nicht zum Geschäftsmodell. Im Fall eines Atomwaffeneinsatzes würde jeder zum Ziel werden – übrigens auch Putin selbst.»

Ist Amerika wegen Donald Trump verloren?

Auf den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten angesprochen, sagt Kasparow:

«Mein Problem ist nicht nur der Präsident, den ich morgens, mittags und abends kritisiere. Das politische Leben in den USA polarisiert sich immer weiter. Auf beiden Seiten werden die Positionen immer extremer. Das ist die grösste Gefahr für die amerikanische Demokratie.»

Und jetzt du!

Was hältst du von Kasparows Einschätzungen und Prognosen zur Bedrohung Europas durch autokratische Staaten wie Russland und China, zu KI und den USA?

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