Vom Westen an die Kriegsfront: Warum Putin der Ukraine nicht beikommt
Die Militärkapelle hat sich in der glühenden Hitze vor dem Rathaus aufgestellt und spielt inbrünstig «What a wonderful world» von Louis Armstrong. Vor dem Orchester steht eine mit Banknoten gefüllte Hülse einer Artilleriegranate mit der Aufschrift «Spendet für die Streitkräfte».
Hier im Westen der Ukraine leben die Menschen tatsächlich in einer vergleichsweise «wunderbaren Welt». Sirenenalarme sind selten, und die rund 85’000 Einwohner der Stadt Mukatschewo mussten in viereinhalb Jahren Krieg erst zwei russische Luftangriffe über sich ergehen lassen.
Durch die Karpaten nach Kiew
Trotzdem ist das Kampfgeschehen in aller Köpfe: Am Rand des Rathausplatzes stehen Stellwände mit Fotos von 72 gefallenen Einwohnern, unter ihnen gerade einmal eine einzige Frau. Die Stadt gehört zur Region Transkarpatien, die – wie andere Gebiete der Westukraine – von Investitionen aus dem In- und Ausland profitiert. Zu den Investoren gehören auch Rüstungsunternehmen, die aus dem östlichen Donbass in den relativ sicheren Westen umgezogen sind.
Von Mukatschewo mache ich mich durch die Serpentinen der Karpaten auf den Weg in die Hauptstadt Kiew. Was auffällt: In den letzten Monaten haben die Ukrainer viele wichtige Strassen repariert – und zwar im ganzen Land. Zyniker geben zwar zu bedenken, dass solche Bauvorhaben immer auch mit erheblicher Korruption verbunden seien. Dennoch bleiben die Vorteile, die bessere Verkehrsverbindungen für den gesamten Nachschub bieten, unübersehbar. Gute Logistik kann Kriege entscheiden.
Wer glaubte, dass sich in Kiew als Folge der häufigen Luftangriffe Resignation breit macht, hat sich getäuscht. Die Hauptstadt ist von sommerlicher Hitze und Smog geprägt. Im Gegensatz zu manchen russischen Regionen, wo der Treibstoff knapp ist, rollt der Verkehr, wenn die Strassen nicht gerade überlastet sind. Die Stimmung ist viel besser als beim letzten Besuch vor zwei Monaten.
Den Raketen- und Drohnenattacken zum Trotz lassen es sich die Menschen nicht nehmen, den Abend im Freien zu verbringen und in den Ausgehvierteln zu flanieren. Das Wissen, dass ukrainische Drohnenangriffe den Krieg inzwischen auch regelmässig nach Moskau tragen, empfinden hier viele als Genugtuung. Und nicht minder grosse Freude bereitet die Erkenntnis, dass weder Putins Luftwaffe noch die Flugabwehr in der Lage sind, Zerstörungen in russischen Raffinerien und Rüstungsbetrieben zu verhindern.
Bisher tödlichster Angriff
Realisten empfinden die lauen Abendstunden im Freien als Ruhe vor dem Sturm. Das Kalkül sieht etwa so aus: Russland macht an der Front kaum noch Fortschritte. Nach der verpassten Frühlingsoffensive ist bisher auch die Sommeroffensive ausgeblieben. Das will Putin mit Angriffen auf das ukrainische Hinterland und vor allem auf Kiew kompensieren. Statt vieler kleiner Attacken sparen die Russen ihre ballistischen Raketen, Marschflugkörper und Drohnen jeweils ein paar Tage auf, um dann mit einem Massenangriff die ukrainische Luftverteidigung zu überwältigen.
In den frühen Morgenstunden des Donnerstags werde ich durch schwere Explosionen geweckt. Noch schlaftrunken zähle ich im Bett mehr als 20 Detonationen, manchmal auch mehrere in kurzer Folge. Weil der Ukraine amerikanische Patriot-Flugabwehrlenkwaffen fehlen, schaffen es weit über 30 russische Raketen, den über der Hauptstadt aufgespannten Schutzschirm der Luftverteidigung zu durchbrechen.
Später wird die U-Bahn die Zahl von 52’000 Personen melden, die sich in den unterirdischen Stationen in Sicherheit gebracht haben – ein Rekordwert, der die Schwere der Attacke unterstreicht. Am Morgen ist dennoch vieles wie immer: Verkehrsstau im Stadtzentrum, und ein Traktorfahrer fährt mit einem Tankanhänger von einem Baum zum nächsten, um das spärliche Grün der Metropole zu giessen. Beim «City Hotel Residences» hat die Polizei die Strasse gesperrt, weil Einsatzkräfte ein Feuer im Dach des fünfstöckigen Gebäudes löschen. Etwas weiter ausserhalb sind Raketenteile auf ein Hochhaus gestürzt und haben dieses in Brand gesteckt.
Auch hier stehen Löschfahrzeuge am Strassenrand. Die Feuerwehrleute machen gerade eine Pause in einem weissen Zelt mit einem Schweizerkreuz. Es wurde von der Loge «Odd Fellows» gespendet, die auch über Ableger in der Schweiz verfügt. Ein grosses Wohnhaus in einem anderen Quartier wurde komplett zerstört, ebenso ein Lagerhaus des ukrainischen Roten Kreuzes. Am Freitag steigt die Opferbilanz allein in Kiew auf mindestens 31 Tote und mehr als 90 Verwundete. Es ist der bisher tödlichste Luftangriff auf die Hauptstadt. Auch wenn Moskau jeweils von «Präzisionswaffen» und Angriffen auf militärische Ziele spricht, sind die russischen Raketen notorisch ungenau.
Tankstellen im Visier
Bei der Fahrt weiter in den Osten fallen zahlreiche zerstörte und ausgebrannte Tankstellen auf. Als Rache für die ukrainischen Angriffe versuchen russische Drohnen zunehmend auch die Treibstoffversorgung in der Ukraine zu sabotieren. Doch es gibt da einen gewaltigen Unterschied: Russland hat schon zu Beginn der Invasion alle ukrainischen Raffinerien bombardiert, so dass das Land inzwischen vollständig auf Benzin- und Dieselimporte angewiesen ist. In den ukrainisch kontrollierten Gebieten hat es aber immer noch schätzungsweise 6000 Tankstellen.
Es gibt aber noch einen weiteren Unterschied: Schon lange, bevor wir das eigentliche Kriegsgebiet erreichen, führt die Strasse durch nicht enden wollende Netztunnels. Diese schützen zwar nur vor kleinen Drohnen. Auf der anderen Seite der Front zeigen Bilder von der Fernstrasse E58 in den russisch besetzten Gebieten der Südukraine jedoch nichts Vergleichbares. Auch das ist ein Grund, warum die ukrainischen Drohnen dort so grosse Schäden anrichten.
Das Abschiessen von Drohnen ist nicht so einfach, wie sich das der Laie vorstellt. In einem gut versteckten Trainingslager in der Nähe von Kramatorsk feuern Frontsoldaten, die sich gerade ein paar Tage im Hinterland erholen dürfen, mit Schrotflinten und Sturmgewehren auf einen Quadcopter, der von einem Kameraden gesteuert wird. Ein Soldat mit einer Schrotflinte holt die Drohne mit dem dritten Schuss vom Himmel, doch dazu braucht es ziemlich viel Übung. Mit den Sturmgewehren haben nur mehrere Kämpfer, die zusammen aus allen Rohren schiessen, eine Chance, das kleine Fluggerät zu treffen.
Während des Trainings überfliegt eine filigrane Flügeldrohne vom Typ Liuti (Ukrainisch für «wütend») das Gelände in Richtung Russland. Es ist eine dieser Waffen, die Putin kürzlich dazu gezwungen haben, Probleme bei der Treibstoffversorgung Russlands einzuräumen. Auch wenn der Diktator die Folgen herunterzuspielen versuchte, sind Nachschubprobleme infolge der Angriffe auf das russische Hinterland ein wichtiger Faktor, warum die Invasionsarmee kaum noch vorankommt.
«Es ist die Hölle»
Südlich von Kramatorsk ist Panzersoldat Ihor in der Nähe der heftig umkämpften und schon fast von den Russen eingenommenen Stadt Kostiantiniwka stationiert. Viele der Kampfpanzer, die noch aus den Siebzigerjahren stammen, hat Ihors Einheit schon durch Drohnenangriffe verloren. Seit fast zwei Wochen graben er und seine Kameraden mit Pickel und Schaufel eine grosse Grube, um eines ihrer letzten Gefährte unter dem Blätterdach eines Wäldchens zu verstecken.
Doch die Soldaten kommen gar nicht mehr dazu, den Panzer einzusetzen, weil die Russen die Stellung schon vorher bombardieren. Per Kurznachricht schreibt Ihor, dass russische Quadcopter in jede Ritze spähten, um Soldaten zu finden und zu töten. In der Hitze sei Trinkwasser wertvoll wie Gold geworden. «Es ist die Hölle.» Ihor glaubt nicht, dass sich Kostiantiniwka auf die Dauer halten lasse.
Dennoch haben die Ukrainer an anderen Frontabschnitten mit lokalen Gegenangriffen Erfolge erzielt und Terrain zurückerobert. Der Rest des Sommers wird zeigen, ob es Russland schafft, den ukrainischen Vorteil bei Kurz- und Mittelstreckendrohnen wieder auszugleichen und seine Nachschub- und Personalprobleme zu lösen. (schweizheute.ch)
