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Ulrike Herrmanns neues Buch «Geld als Waffe» zu Putins Russland

epa12704168 Russian President Vladimir Putin during his meeting with Chinese President Xi Jinping via videoconference in the Kremlin, Moscow, Russia 04 February 2026. EPA/VYACHESLAV PROKOFYEV/SPUTNIK/ ...
Wenn Xi Jinping spricht, muss der russische Diktator zuhören.Bild: keystone
Review

«Dieser Krieg wird Putins Reich endgültig ruinieren»

Das neue Sachbuch von Ulrike Herrmann lässt kein gutes Haar an Wladimir Putin. Die Wirtschaftsjournalistin erklärt auf verständliche Weise, wie Russland auf den Abgrund zusteuert – und China gleich mit.
22.03.2026, 12:3422.03.2026, 12:34
«Jede Waffe kostet Geld.
Das macht das Geld zur Waffe aller Waffen.»
Ulrike Herrmann

Nach ihrem Bestseller «Das Ende des Kapitalismus» meldet sich die deutsche Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann mit einem provokativen Titel zurück.

So viel vorn weg: Ihr neues Sachbuch «Geld als Waffe – Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet» – hält, was es verspricht. Die Autorin liefert nicht nur plausible Erklärungen zu Putins Ukraine-Krieg und den ökonomischen Mechanismen dahinter. Sie macht auch die entscheidende Verbindung zu China. Einem weiteren Unrechtsstaat, der am Abgrund steht.

watson geht auf einige ihrer Thesen ein.

Warum lohnt sich das Buch?

Ulrike Herrmann, deutsche Wirtschaftsjournalistin und Buchautorin.
Die Autorin Ulrike Herrmann vertritt klar begründete Thesen und ist auch von Fernsehauftritten bekannt.Bild: imago-images.de

Bevor wir zu dem auch aus Schweizer Perspektive wichtigen, ja überlebenswichtigen Thema kommen, eine kurze Anmerkung zu den Stärken der Autorin.

Ulrike Herrmann versteht es wie kein anderer Wirtschaftsjournalist, komplexe Fakten und nüchterne Zahlen in eine spannende Erzählung zu verwandeln. Sie formuliert ihre Thesen klar und ohne Schnörkel.

Und diese faktenbasierten Thesen haben es in sich.

«Dieser Krieg wird Putins Reich endgültig ruinieren.»
Ulrike Herrmann

Warum setzt Russland voll auf Krieg?

Russland hat bekanntlich nach dem misslungenen «schnellen» Überfall auf die Ukraine 2022 Schritt für Schritt auf Kriegswirtschaft umgestellt.

Mit schwerwiegenden Folgen, wie die Wirtschaftsjournalistin Herrmann in ihrem neuen Buch schreibt.

Wladimir Putin könne nun gar nicht mehr anders – und auch sein Nachfolger wird sich mit den gleichen wirtschaftlichen Zwängen konfrontiert sehen. Denn: Ein Kriegsende würde keine Rückkehr in die alten Zeiten bringen, argumentiert Ulrike Herrmann. Vielmehr drohe eine massive Wirtschaftskrise und letztlich Chaos.

Ihre Begründung: Die normale russische Wirtschaft sei bereits schwer angeschlagen. Und wenn die hochgefahrene Rüstungsindustrie schrumpfen müsse, sei mit Massenarbeitslosigkeit und Unruhen zu rechen.

Frieden wäre für Putin riskant. Millionen arbeitslose Arbeiter und Ex-Soldaten ergäben eine explosive Mischung – gerade in den Grossstädten.

Grosse Armeen, die nicht auf Eroberungsfeldzug sind – man bezeichnet sie als stehende Heere – seien teuer und liessen sich in Friedenszeiten kaum finanzieren.

Und so sei auch Putin bei seinem erfolglosen Angriffskrieg gegen die Ukraine in der Zwickmühle:

«Sobald der Krieg endet, wäre er mit der verzwickten Frage konfrontiert, was die Ex-Soldaten im Frieden eigentlich machen sollen. Also lässt er weiter kämpfen.»

Herrmann ruft als abschreckende historische Beispiele Napoleon und Saddam Hussein in Erinnerung. Diese Herrscher zogen ihre Kriege absichtlich in die Länge, «um den Nöten des Friedens zu entgehen».

Zwar sei nicht ausgeschlossen, dass sich Putin zwischendurch auf eine Waffenruhe einlasse. Sie werde aber nur vorübergehend sein – bis zum nächsten Angriff.

Tatsächlich habe es Russland in der Vergangenheit nie geschafft, eine gegenüber dem Westen konkurrenzfähige Wirtschaft aufzubauen. Und nun habe sich die Lage mit Putins Angriffskrieg weiter verschlimmert.

«Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war.»

Löst sich das Problem Putin von selbst?

Nein. Herrmann zerstört die Hoffnung, der demokratische Westen könne einfach abwarten und Russland wirtschaftlich ausbluten lassen.

«Putins Kriege werden Russland ärmer machen. Aber das ist kein Trost für Europa. Denn je ärmer Russland wird, desto aggressiver wird der Kreml auftreten, um die eigene Macht zu erhalten.»

Und: Das Reservoir an kriegstauglichen Männern und Frauen sei noch längst nicht erschöpft.

«Bislang hat Putin vor allem Minderheiten, Häftlinge, Söldner und Nordkoreaner in den Krieg geschickt und die ethnischen Russen in den Städten geschont, um keinen Widerstand zu provozieren.»

Zudem stehe der russische Diktator nicht isoliert da. Vielmehr helfe China massiv. Und auch dessen Machthaber Xi Jinping könnte versucht sein, einen Krieg zu starten, um von ökonomischen Problemen abzulenken.

Droht wegen China der Dritte Weltkrieg?

Machthaber Xi Jinping sitze in der Falle, erklärt Herrmann. Trotz seines Rufs als Exportweltmeister stecke China in einer massiven wirtschaftlichen Krise.

Da der Aufstieg der Kommunistischen Partei auf «dem Versprechen von wachsendem Wohlstand» basiere, gefährde die wirtschaftliche Stagnation die Macht.

Buchcover: Ulrike Herrmann: Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet. Kiepenheuer & Witsch Verlag (2026)
Das Buchcover.Bild: zvg

Um die unzufriedene Bevölkerung von den hausgemachten Problemen abzulenken, könnte Xi Jinping den gleichen Weg wie Wladimir Putin wählen. Oder wie es nun auch Donald Trump tut, ist anzumerken.

Die militärische Annexion von Taiwan sei aus Pekings Sicht wohl ein attraktives Ziel, um den internen Zusammenhalt durch Nationalismus zu erzwingen.

Herrmann warnt davor, dass ein solcher Konflikt nicht lokal begrenzt bliebe, sondern in einen Dritten Weltkrieg münden könnte. Wobei ein solcher Weltkrieg nicht bedeute, dass gleich überall gekämpft werde. Es drohe eine Zusammenführung der Krisenherde in Asien und Osteuropa, die bisher getrennt betrachtet wurden.

Sobald China Taiwan angreife, wären auch die globalen Lieferketten betroffen. Und die Bündnisverpflichtung gegenüber Taiwan mache die USA zur Kriegspartei.

Die Welt würde dann in zwei Blöcke zerfallen, die wirtschaftlich fast vollständig entkoppelt sind. Und in einem solchen Szenario würde in den autokratischen Staaten nur noch ein «Produkt» hergestellt: Krieg.

Herrmann zieht interessante historische Parallelen. Zur überwiegend friedlichen Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Europas Politiker hätten geglaubt, durch günstiges russisches Erdgas und intensiven Handel mit China den Frieden gesichert zu haben.

Das gleiche Phänomen war schon viele Jahre früher zu beobachten. Vor 1914 sei die Welt so globalisiert gewesen wie nie zuvor. Und die Politik habe gemeint, ein grosser Krieg sei unmöglich, da er für alle Beteiligten den wirtschaftlichen Ruin bedeuten würde.

Wie kann sich Europa wirksam schützen?

Die 62-jährige Wirtschaftsjournalistin Herrmann ist im politischen Spektrum links einzuordnen. Doch in ihrem neuen Buch vertritt sie auch eine Position, die Leserinnen und Leser schockieren dürfte: Sie plädiert für eine europäische nukleare Abschreckung.

Herrmann bezeichnet Atombomben als «politische Waffen», deren einziger sinnvoller Zweck darin bestehe, nicht eingesetzt zu werden. Und doch brauche es sie. Denn wirtschaftliche Stärke allein reiche nicht, wenn man es mit einer Atommacht wie Russland zu tun hat.

Natürlich wünsche sich das niemand, es sei aber eine gefährliche Tatsache, dass Atomwaffen bereits in grosser Zahl vorhanden und auf Europa gerichtet sind.

Und nun drohe wegen der Unzuverlässigkeit der USA als militärische Schutzmacht ein Szenario, in dem Europa etwa durch Russland «maximal erpressbar» sei.

Das knallharte wirtschaftliche Kalkül Herrmanns: Nach ihrem Kenntnisstand sei Abschreckung im aktuellen geopolitischen Klima – vor allem gegenüber Putin – das einzige Mittel, um einen konventionellen Krieg auf europäischem NATO-Territorium zu verhindern.

Die französischen Atomwaffen allein würden nicht helfen, so Herrmann. Denn diese unterliegen allein der Entscheidung des französischen Präsidenten. Deutschland und andere EU-Staaten sollte deshalb die nukleare Infrastruktur mitfinanzieren müssen, um ein echtes europäisches Abschreckungspotenzial zu schaffen.

Anzumerken ist, dass Herrmann mit dieser gewagten These bereits vor der Buchveröffentlichung für gewaltige journalistische Aufregung sorgte. Und sie hatte den Gedanken auch schon 2024 in einem Kommentar für die deutsche Wochenzeitung «taz» formuliert.

Was den politischen Zusammenhalt innerhalb der Europäischen Union betrifft, ist Herrmann im Buch auffallend optimistisch. Und dies trotz Russland-freundlicher EU-Mitglieder wie Ungarn oder der Slowakei.

«Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und Europa einen.»

Wie wird es der Ukraine ergehen?

In einem aktuellen Interview mit dem «Tages-Anzeiger» prognostizierte Ulrike Herrmann:

«Die Ukraine wird sich von ihrem sowjetischen Erbe befreien – und boomen. Ausgerechnet der Krieg hat der Welt gezeigt, wie innovativ die Industrie und die IT-Firmen in der Ukraine sind. Sie stellen jetzt viele Waffen selbst her, die der Westen nicht liefern konnte oder wollte. Das Land wird zu einem wesentlichen Exporteur von IT-Dienstleistungen und technischen Produkten aufsteigen.»
quelle: tages-anzeiger.ch

Im Buch geht die Wirtschaftsjournalistin auch darauf ein, wie Putin nicht nur in seiner Heimat, sondern auch in ehemaligen Sowjetstaaten wie der Ukraine «Korruption als Waffe» einsetzte und weiter einsetzt.

Die gute Nachricht: Unter Präsident Wolodymyr Selenskyj habe die Korruptionsbekämpfung – auch auf Druck von aussen – zugenommen und zeige Wirkung.

Und die Schweiz?

Ulrike Herrmanns Buch legt den Fokus auf die drei militärischen Grossmächte Russland, China und USA sowie die Europäische Union (EU).

Sie zeigt sich gegenüber dem Schweizer Modell skeptisch, den eigentlich sei Neutralität eine Illusion. Militärisch könne man sich heraushalten, ökonomisch aber sei man längst Teil des westlichen Blocks.

Herrmann sieht denn auch kaum Spielraum für einen Sonderweg. Wer zum Westen gehöre, müsse im Ernstfall auch dessen «finanzielle Waffen» mitführen. Oder wie sie im «Tages-Anzeiger»-Interview erklärt:

«Die Schweizerinnen und Schweizer werden erkennen, dass ihre eigene Prosperität untrennbar mit der Stabilität Europas verbunden ist. Das betrifft nicht nur die Verteidigung, sondern auch die Finanzmärkte.

Geld ist, wie gesagt, eine Waffe – und die Schweiz ist ein zentraler Tresor dieses Geldes. Die EU wird zunehmend darauf drängen, dass es dort zu keinen Lücken in der gemeinsamen Strategie kommt.»

Quellen

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Walter Sahli
22.03.2026 13:25registriert März 2014
"Die Schweizerinnen und Schweizer werden erkennen, dass ihre eigene Prosperität untrennbar mit der Stabilität Europas verbunden ist."

Das wage ich zu bezweifeln. Schliesslich wählen hier rund 30% eine Partei, die das Märchen von der unabhängigen und sich selbst genügenden Schweiz erzählt.
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