Kurz nachdem die Nachricht von der unerwarteten Freilassung des WikiLeaks-Gründers die Runde gemacht hatte, meldete sich ein Gruselkabinett zu Wort, das wir leider nur zu gut kennen. Ob Tucker Carlson, Glenn Greenwald oder sonst ein Putin-Fanboy: Sie alle vereint eine unappetitliche, ja gefährliche Verachtung für unser freiheitlich-demokratisches System.
Tatsächlich hatte und hat Julian Assange viel Unterstützung sowohl aus dem linken als auch rechten Spektrum, und alle interpretieren sein zugegeben schwieriges Schicksal nach eigenem Gusto.
Ein australischer Journalist bringt die Wandlung Assanges wie folgt auf den Punkt:
Sicher ist: US-Präsident Joe Biden hat dank der Freilassung von Assange eine Sorge weniger im Wahlkampf. Wobei nicht alle Details des Deals, der vom US-Justizministerium besiegelt wurde, bekannt sind.
Beinhaltet der Deal eine Schweigeklausel, oder tritt Assange bald wieder im russischen Propaganda-TV auf?
Wenn man genau hinschaut, nahm er es in der Vergangenheit nie so genau mit den Fakten. Hoffentlich ändert sich das – falls er wieder in die Öffentlichkeit tritt.
Sicher ist: Politisch und gesellschaftlich relevante Enthüllungen fanden in den vergangenen Jahren nicht über WikiLeaks statt, sondern durch journalistische Medien. Erinnert sei hier etwa an die Panama Papers oder an den NSA-Whistleblower Edward Snowden, der allerdings ebenfalls zu einem «Asset» des russischen Geheimdienstes wurde – wenn auch unfreiwillig.
Assange, der nächste Woche seinen 53. Geburtstag feiern kann, wäre wohl längst tot, hätte er mit WikiLeaks die gefährlichsten Despoten auf dem Planeten attackiert. Stattdessen wurde seine Enthüllungsplattform zu dem, was er eigentlich bekämpfen wollte: eine intransparente, undemokratische Organisation.
Das hat mit dem narzisstischen Wesen des Australiers zu tun. Seine hehren Vorsätze aus der Gründungszeit von WikiLeaks rückten komplett in den Hintergrund, als ihn die US-Regierung wegen der Anprangerung von Kriegsverbrechen zum Staatsfeind erklärte.
Assange liess sich vom russischen Geheimdienst instrumentalisieren und verschwor sich mit Donald Trump, um das verhasste US-Establishment zu zerstören. WikiLeaks wurde letztlich zur Desinformations-Waffe im hybriden Krieg, den Putin gegen den Westen führt.
Wer sich für die unschönen Details interessiert, sollte «Aufstieg und Fall des Julian Assange» lesen, eine 2019 veröffentlichte Analyse (siehe Quellen).
Das vorläufige Fazit: Die Freilassung des WikiLeaks-Gründers kommt zu spät, aber immerhin ist sie nun da. Und damit können wir uns wieder der derzeit grössten Bedrohung für unsere Freiheit und Demokratie zuwenden. Diese sitzt nicht in Washington, D.C.
Für Putinisten mag Assange ein Held sein. In ihrem Gelobten Land wäre er aber längst "entnazifiziert" (oder wie die das dort gerade nennen).
Dabei lassen sie gekonnt weg, dass Chelsea Manning nur wegen Assange überhaupt als Whistleblowerin aufflog.
Er hat das Quellmaterial nicht bereinigt und damit seine Quelle mehr oder weniger namentlich der ganzen Welt präsentiert.