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Jesidinnen suchen in einer Schule in der kurdischen Stadt Dohuk Zuflucht vor dem gewaltsamen Vormarsch der IS-Miliz.
Jesidinnen suchen in einer Schule in der kurdischen Stadt Dohuk Zuflucht vor dem gewaltsamen Vormarsch der IS-Miliz.Bild: AFP
Vorstoss von «Islamischer Staat» im Nordirak

Dschihadisten drohen Kurden mit Terrorherrschaft

Ein Artikel von
Spiegel Online
Immer weiter rückt die IS-Miliz im Nordirak vor, auch in kurdische Gebiete. Wer sich nicht bedingungslos unterordnet, wird hingerichtet. Nun eilt sogar Bagdad der ungeliebten kurdischen Minderheit zur Hilfe. 
05.08.2014, 21:4112.08.2014, 08:17
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hasnain kazim, istanbul / spiegel online

Die Entscheidung des irakischen Premierministers Nuri al-Maliki kam überraschend. Am Montag wies er erstmals die Luftwaffe an, die kurdischen Peschmerga-Einheiten im Kampf gegen die Terrororganisation «Islamischer Staat» zu unterstützen. Bislang hatte Maliki den Kurden bei jeder Gelegenheit vorgeworfen, den Vormarsch der Extremisten für die eigenen Zwecke zu nutzen. Für einen eigenen Kurdenstaat im Norden – vielleicht sogar in Kooperation mit IS. 

Iraks Premier Nuri al-Maliki.
Iraks Premier Nuri al-Maliki.Bild: THAIER AL-SUDANI/REUTERS

Doch die Ereignisse vom Wochenende haben ihn offenbar umgestimmt. Gleich mehrere Städte wurden von den Dschihadisten überrannt. Sie haben die Kontrolle über zwei Ölfelder und den grössten Staudamm des Landes, die Mossul-Talsperre, übernommen. Berauscht von diesen Erfolgen kündigten sie an, ihre Herrschaft nun auf das gesamte autonome Kurdengebiet im Nordirak auszuweiten. «Mit Hilfe von Allah, dem Allmächtigen, werden wir die ganze Region befreien», so die Ansage. 

Das Vorgehen ist immer das gleiche: Erst erobern sie einen Ort. Sofort hissen sie dort ihre schwarzen Flaggen mit dem weissen Schriftzug, um deutlich zu machen, dass sie nun das Sagen haben. Anschliessend fordern die Kämpfer die Bevölkerung auf, sich IS unterzuordnen. Alles andere dulde man nicht. Jedem Widerständler droht der Tod. 

Strategisch wichtig: Seit dem Wochenende herrscht der «Islamische Staat» über den grössten Staudamm des Landes, die Mossul-Talsperre. Berauscht von diesen Erfolgen kündigten die Kämpfer an, ihre Herrschaft nun auf das gesamte autonome Kurdengebiet im Nordirak auszuweiten.
Strategisch wichtig: Seit dem Wochenende herrscht der «Islamische Staat» über den grössten Staudamm des Landes, die Mossul-Talsperre. Berauscht von diesen Erfolgen kündigten die Kämpfer an, ihre Herrschaft nun auf das gesamte autonome Kurdengebiet im Nordirak auszuweiten.Bild: Khalid Mohammed/AP/KEYSTONE
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Sich der IS-Miliz unterzuordnen bedeutet: Jeder Bürger muss sich zur radikalen Auslegung des sunnitischen Islams bekennen. Wer das nicht tut, hat zwei Möglichkeiten: Flucht oder Tod. Es traf bereits Christen, am Wochenende die kurdische Minderheit der Jesiden, aber auch immer wieder Sunniten, die sich der ebenfalls sunnitischen IS nicht anpassen wollten. 

Wo leben die Jesiden?
Die religiöse Minderheit der Jesiden stammt aus dem Irak, Syrien, der Türkei und Iran. Die Jesiden sind Kurden und leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen der Verfolgung vor allem im Irak sind viele Anhänger der monotheistischen Religion ins Ausland geflohen. Weltweit soll es nach Schätzungen rund 500'000 bis 800'000 Jesiden geben.
Woran glauben die Jesiden?
Der wichtigste heilige Ort der monotheistischen Religion liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Iraks. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal. Viele Muslime betrachten die Jesiden als «Teufelsanbeter», weil sie auch den «Engel Pfau» als zentrale Figur ihres Glaubens verehren. 
Notverpflegung für jesidische Familien in der kurdischen Stadt Dohuk. Tausende sind auf der Flucht.
Notverpflegung für jesidische Familien in der kurdischen Stadt Dohuk. Tausende sind auf der Flucht.Bild: AFP

Erobern, hinrichten, filmen, prahlen 

Ihr nächster Schritt: Die Kämpfer filmen Hinrichtungen, veröffentlichen ihre Videos im Internet und brüsten sich mit ihrer Grausamkeit. Damit setzen sie ein Signal, dass sie es ernst meinen. Wir sind zu allem bereit – so die Botschaft. Die Einnahme weiterer Regionen wird damit umso einfacher, aus Furcht leistet kaum jemand noch Widerstand. 

Auch die jüngste Offensive verlief nach diesem Muster. Erst nahm die Miliz die nordirakischen Städte Sindschar und Samar ein, die bislang von kurdischen Kämpfern kontrolliert wurden. Anschliessend zwangen sie die dort lebenden Jesiden, zu konvertieren oder zu flüchten. Und schliesslich tauchten im Internet Bilder von Exekutionen auf. Augenzeugen berichteten am Montag von 67 hingerichteten Männern, kurdische Medien sogar von 88 und noch mehr Getöteten. 

Iraker aus Sindschar auf der Flucht in kurdische Gebiete, nachdem die IS-Miliz die Kontrolle über ihre Heimatstadt übernommen hatte.
Iraker aus Sindschar auf der Flucht in kurdische Gebiete, nachdem die IS-Miliz die Kontrolle über ihre Heimatstadt übernommen hatte.Bild: AFP
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Auch wenn Peschmerga-Kämpfer bis Dienstag Teile der Gebiete zurückerobern konnten, verschärft der Vormarsch der Dschihadisten im Norden die Flüchtlingssituation. Mehr als 200.000 Menschen suchen nach Angaben der Uno Schutz in den umliegenden Bergen. «Sie sind ohne Essen und Wasser, einige sind schon gestorben», sagte Chodr Domli, der in der kurdischen Stadt Dohuk für die Rechte der Jesiden eintritt. Den IS-Kämpfern warf er gegen Jesiden gerichtete «ethnische Säuberungen» vor. 

Der Uno-Sondergesandte für den IRAK, Nickolay Mladenov, sprach von einer «humanitären Tragödie» in Sindschar. Man müsse sich «ernste Sorgen» um die Sicherheit der Menschen machen. Die Kurdisch sprechende religiöse Minderheit wird von den Dschihadisten als «Teufelsanbeter» verfolgt. 

Brennende Ölquelle in Baiji in Zentralirak. Zahlreiche Anlagen befinden sich inzwischen unter IS-Kontrolle. Auch im Norden des Landes übernahmen die Dschihadisten mehrere Quellen.
Brennende Ölquelle in Baiji in Zentralirak. Zahlreiche Anlagen befinden sich inzwischen unter IS-Kontrolle. Auch im Norden des Landes übernahmen die Dschihadisten mehrere Quellen.Bild: STR/EPA/KEYSTONE

Nun reagiert der Irak. Malikis Anordnung von Luftschlägen kann man aber auch als Eingeständnis werten. Möglicherweise bereut er, die Kurdennicht frühzeitig im Kampf gegen die Islamisten unterstützt zu haben. Selbst die USA haben die Lage im Irak trotz jahrelanger militärischer Präsenz falsch eingeschätzt. Lange war Washington der Ansicht, dass die Kurden mit ihren Forderungen nach mehr Autonomie eine grössere Gefahr für die Stabilität des Irak darstellen als IS. 

Jetzt auf

Parlament will neuen Premier bestimmen 

Die USA haben deshalb bislang Ölexporte aus den kurdischen Regionen blockiert und Waffenverkäufe an die Kurden unterbunden. Für eine Kurswechsel gibt es keine Anzeichen. Als eine kurdische Delegation zuletzt auf das Recht beharrte, Öl verkaufen zu dürfen, lehnte Washington ab. Eine Pipeline, die ins türkische Ceyhan führt, wurde am 2. Mai in Betrieb genommen. Aber unter Druck der USA kauft die Türkei kein Öl von den Kurden im Irak. Auch lehnt es die Regierung von US-Präsident Barack Obama weiterhin ab, die Peschmerga-Milizen mit Waffen zu unterstützen. 

Um die Krise in den Griff zu bekommen, wollte das irakische Parlament am heutigen Dienstag einen neuen Regierungschef bestimmen. Maliki möchte weiter im Amt bleiben, doch sunnitische und kurdische Politiker fordern seine Ablösung. Die Parteien und die religiösen Gruppierungen sind zerstritten, eine Einigung auf einen neuen Premier gilt als unwahrscheinlich. Irakische Medien meldeten, die Abgeordneten hätten ihre Sitzung auf Donnerstag vertagt. 

Doch bevor die Regierungskrise nicht beendet ist, wird auch keine überzeugende Antwort auf die Dschihadisten zu finden sein. 

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