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Prokrastination ist die Krankheit unserer Zeit: Warum uns das ständige Aufschieben depressiv macht

Das Aufschieben, das wir alle kennen, kann krankhaft werden: Menschen, die unter Prokrastination leiden, treiben in einem Teufelskreis aus Hoffnungslosigkeit und verfehlten Zielen.

anna miller



Wir tun es alle: Wir schieben Dinge auf. Immer wieder. Wir tragen die leeren Flaschen nicht weg, sammeln E-Mails unbeantwortet in unseren Posteingängen und vergessen, die Grossmutter zurückzurufen.

«Aufschieben hat durchaus seinen Reiz», sagt Urs Braun, leitender Psychologe bei den St.Gallischen Kantonalen Psychiatrischen Diensten. Und sei sinnvoll. Warte man mit einer Handlung ab, erledige sich das Problem manchmal von ganz alleine. «Wenn man den neuen Computer nicht sofort kauft, sondern den Kauf drei Monate hinauszögert, gibt es einen schnelleren Computer oder er ist viel günstiger geworden.»

20 Prozent leiden unter chronischem Aufschieben

Etwa 90 Prozent der Leute würden ab und an wichtige Dinge aufschieben. Das sei ganz normal. Gefährlich werde es dann, wenn das Aufschieben ausser Kontrolle gerät: «Wenn das Aufschieben den Alltag beherrscht, und man seine Ziele nicht mehr erreicht, obwohl man möchte, sollte man sich Hilfe suchen», sagt Braun.

«Aufschieben hat durchaus seinen Reiz.»

Urs Braun, leitender Psychologe, psychiatrische Dienste Kanton St.Gallen

Zweifel am eigenen Wert und ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit stellen sich ein. Dauert der Zustand an, kann es sogar zu einer Depression kommen. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung leiden unter chronischem Aufschieben, im Fachjargon Prokrastination genannt.

Die Prokrastination ist bisher noch keine offizielle psychische Erkrankung. Dementsprechend gibt es bisher kaum systematische Behandlungsansätze, die auf die Behandlung einer isolierten Aufschiebe-Symptomatik abzielen. «Vielmehr ist es so, dass Leute wegen einer Angststörung in Behandlung gehen und man im Rahmen dieser Therapie auch das Aufschieben thematisiert und behandelt», sagt Braun.

Die Angst vor der Aussenbewertung

Im Zentrum des chronischen Aufschiebens stehen die Angst vor der negativen Beurteilung durch Dritte und damit indirekt die Angst, zu versagen. Ob diese Anforderungen von Aussen nun real oder nur vermeintlich sind, ist dabei zweitrangig. Perfektionismus, wie bisher oft angenommen, hat mit chronischem Aufschieben nicht viel zu tun – ein hoher, eigener Anspruch an Topleistungen arbeitet dem Problem eher entgegen.

«Wenn das Aufschieben den Alltag beherrscht, und man seine Ziele nicht mehr erreicht, obwohl man möchte, sollte man sich Hilfe suchen.»

Urs Braun, Psychologe

Angetrieben von der Angst, negativ bewertet zu werden, schiebt man die Aufgabe immer weiter hinaus. Man fühlt sich zwar schuldig, aber auch irgendwie erleichtert, weil die Versagensängste nicht aufkommen. Dazu kommt, dass man seine vermeintlich «freie Zeit» nun mit anderen Aufgaben füllt, die rasch zu erledigen sind und ein klares Erfolgserlebnis bieten. Und so waschen wir plötzlich immer ab oder räumen den Keller auf.

Das Problem ist dabei: Langfristig negative Konsequenzen, wie zum Beispiel eine Jobkündigung oder eine Betreibung, sind in der Regel zeitlich viel zu weit weg, um uns bedrohlich zu erscheinen. Die Erfahrung aber, beim Ausfüllen der Steuererklärung Fehler zu machen, ist viel näher – und die negativen Gefühle kommen viel schneller.

Im Job wie im Privaten

Studien zeigen: Wer im Studium oder Job prokrastiniert, tut es auch im Privaten. «Natürlich sind im Job Grenzen gesetzt», sagt Urs Braun. «Wer in der Lehre oder im Job immer alles hinausschiebt, wird schnell rausgeworfen.» Deshalb könne das Aufschieben in festen Strukturen weniger Raum einnehmen.

«Die Betroffenen finden ausserdem im Allgemeinen oft gute Ausreden für ihr Verhalten», so Braun. Man sage dann, «so bin ich halt», oder, «ich arbeite so effizienter».

Tatsächlich müssen Menschen, die Dinge länger aufschieben, die Arbeit innert viel kürzerer Zeit erledigen als ihre Kollegen, die nicht unter Prokrastination leiden. Die Zweifel aber bleiben. Das ist wohl das grösste Paradox des ewigen Aufschiebens: Die Betroffenen wollen unbedingt gute Leistungen erbringen, sind mit dem Ergebnis danach aber nur selten zufrieden. Warum sie aufschieben, ist den meisten dabei völlig schleierhaft.

Prokrastination – kennst du das ständige Aufschieben wichtiger Dinge?

Was hilft?

«Klare Stukturen, klare Abmachungen helfen, aus dem Kreis auszubrechen», sagt Braun. Und eine emotionale Verpflichtung gegenüber Drittpersonen. «Hängen andere Leute von meiner Arbeit und meinem Erscheinen ab, bin ich eher verpflichtet, meine Aufgaben zu erledigen – sonst leidet die ganze Gruppe», so Braun.

«Prokrastinierer sind nicht weniger fleissig oder weniger klug als andere Leute.»

Urs Braun, leitender Psychologe, Psychiatrische Dienste St.Gallen

Man müsse lernen, sich selbst eine feste Struktur zu geben und diese auch einzuhalten. «Prokrastinierer sind nicht weniger fleissig oder weniger klug als andere Leute», sagt Braun. Sie hätten nur Mühe, ihre Absichten auch in die Tat umzusetzen. Man solle sich in Erinnerung rufen, warum die Aufgabe ursprünglich gelöst werden sollte. Und sich bewusst machen, wovor man eigentlich Angst habe. «Das Wichtigste: Bleiben Sie sitzen. Halten Sie Ihrem Drang stand, die Tätigkeit abzubrechen. Ziehen Sie eine Aufgabe durch.»

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Fango 27.09.2015 23:27
    Highlight Highlight Was zum teufel ..
    Wenn man nichts mehr findet, erfindet man einfach etwas ??
    Aufschiebe.. Was ??
    Alles was recht ist .. Was möchte man noch alles "vorschieben" um sich selbst nicht rechtfertigen zu müssen ??

    Langsam entwickel ich eine Angst gegen meine Fingernägel .. Ich will doch hoffen, dass es dafür auch schon eine Krankheitsbezeichnung gibt.. Langsam hört es aber echt auf ...
    • Ton 28.09.2015 02:37
      Highlight Highlight Und das da oben war ein Beispiel, was passiert, wenn man die Deutschaufgaben stets bis zwei Uhr morgens hinausgeschoben hat und es dann sein gelassen hat. :-)
    • 's all good, man! 28.09.2015 08:32
      Highlight Highlight Schön, dass du grad ein gutes Beispiel dafür ablieferst, warum es notwendig ist, dass über psychische Krankheiten noch viele solcher Artikel verfasst werden müssen, um offenbar notwendige Aufklärungsarbeit zu leisten. Nur, weil du dir das nicht vorstellen kannst, heisst es noch lange nicht, dass eine solche Erkrankung nicht existieren würde.
    • Fango 28.09.2015 12:00
      Highlight Highlight Schön.. Ich schiebe auch auf .. Das ist aber keine "krankheit" .. Und mir ist bewusst, dass meine Ausführung manchen vor den Kopf schlägt. So können sie schön weiter machen mit "ich kann nix dafür, ist halt ne krankheit" .. Und was die tollen psychologen betrifft.. Frag 10 und es gibt 8 unterschiedliche Meinungen .. Dieser ganze Psycho-Hype ist masslos übertrieben ..
    Weitere Antworten anzeigen
  • ylva 27.09.2015 23:01
    Highlight Highlight zu diesem artikel geb ich dann später mal meinen senf dazu.
  • niklausb 27.09.2015 22:45
    Highlight Highlight den Artikel kann ich auch später noch lesen ;-)
  • The Destiny // Team Telegram 27.09.2015 22:35
    Highlight Highlight Irgendwie erinnert mich der Artikel an meine Einzahlungen...oh 27. wird morgen erledigt. <.< , wenn ich sie denn noch finde xD
  • The Destiny // Team Telegram 27.09.2015 22:31
    Highlight Highlight @watson, Artige neu aufgelegt ?
    Irgendwie kommt mir das ganze bekannt vor... möglicherweise hab ichs aber auch von einer anderen Zeitung.
    • The Destiny // Team Telegram 27.09.2015 23:45
      Highlight Highlight whups typo, "Artige neu aufgelegt ?"
      Artikel*

Kommentar

«Liebes Home-Office, das war's dann wohl mit uns ...» 💔

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir uns wieder zurück ins Büro begeben. Unsere Autorin bereitet sich schon auf die Trennung vor und schreibt dem Home-Office einen Abschiedsbrief.

Liebes Home-Office

Völlig unangekündigt wurden wir uns am 9. März vorgestellt. Innerhalb weniger Stunden mussten wir uns kennenlernen und gemeinsam arrangieren. Zuerst dachte ich, das würde nur ein kurzer Flirt. Oder zumindest nur einer für ein paar Tage die Woche. Doch schnell wurde dann klar: Wir werden länger Zeit zusammen verbringen.

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