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epa08459003 George Floyd's brother Terrence Floyd (white t-shirt) addresses the protesters as they gather near the intersection of 38th and Chicago in front of the Cup Foods at the spot where George Floyd was arrested on the seventh day of protests over the arrest of George Floyd, who later died in police custody, in Minneapolis, Minnesota, USA, 01 June 2020. A bystander's video posted online on 25 May, appeared to show George Floyd, 46, pleading with arresting officers that he couldn't breathe as an officer knelt on his neck. The unarmed black man later died in police custody.  EPA/CRAIG LASSIG

George Floyds Bruder Terrence besuchte am Montag den Tatort in Minneapolis. Bild: keystone

Analyse

Ein Land sieht schwarz: Warum der Rassismus in den USA schlimmer geworden ist

In den USA bilden Coronapandemie, Massenarbeitslosigkeit und Polizeigewalt einen toxischen Mix, der keine Gruppe so stark trifft wie die Afroamerikaner. Ihre Lage hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert. Im Gegenteil.



Das Knie drückt auf den Hals. Minutenlang. Nichts scheint den weissen Polizisten Derek Chauvin zu beeindrucken, als er George Floyd langsam zu Tode würgt. Nicht das Flehen des Opfers, dessen letztes Wort «Mama» ist. Nicht die Smartphones, die das Geschehen dokumentieren. George Floyd ist schwarz. Er stirbt am 25. Mai 2020 in Minneapolis.

Ein Fall von Polizeigewalt, wie er in den USA (zu) alltäglich ist? Dieses Mal ist vieles anders. Chauvins Brutalität hat die grösste Protestbewegung seit Jahren ausgelöst. George Floyd ist ihre Symbolfigur, sein Hilferuf «I can’t breathe» ihre Parole. Teilweise schlägt sie in Gewalt um, und Präsident Donald Trump giesst Öl ins Feuer, statt zur Versöhnung aufzurufen.

Proteste in Minneapolis

Das Jahr 2020 hatte in den USA verheissungsvoll begonnen. Die Wirtschaft brummte, die Arbeitslosigkeit war so tief wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Trumps Chancen auf eine Wiederwahl waren intakt. Nun ist knapp die Hälfte vorbei, und 2020 ist zu einem Annus Horribilis in der turbulenten Geschichte des Landes geworden.

Die Coronapandemie hat die strukturellen Schwächen der vermeintlichen Weltmacht Nummer eins schonungslos offen gelegt. Mehr als 100’000 Amerikaner sind bislang an Covid-19 gestorben, doppelt so viele wie im Vietnamkrieg. Die Arbeitslosigkeit ist eskaliert. Fast 40 Millionen Menschen haben zumindest zeitweise ihren Job verloren.

Die Afroamerikaner sind vom Virus und der Wirtschaftskrise so stark betroffen wie keine andere Bevölkerungsgruppe. Sie sterben überdurchschnittlich oft an Covid-19 und werden überdurchschnittlich oft arbeitslos. Die Tötung von George Floyd war in diesem Kontext nicht mehr als der letzte Funke, der eine tief sitzende Frustration zur Explosion brachte.

Manche verglichen George Floyds Tod mit einer Hinrichtung. Die Schwarzen selbst fühlten sich an die Lynchmorde erinnert, die in den Südstaaten bis weit ins 20. Jahrhundert vorkamen. Die Gesetzeshüter schauten nicht nur zu, sie beteiligten sich teilweise aktiv daran, schwarze Männer für Nichtigkeiten an Bäumen aufzuknüpfen.

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«Southern trees bear a strange fruit», sang Jazzlegende Billie Holiday.

Dieses Mal ist vieles anders, wenn sogar die fast krankhaft unpolitische Basketball-Ikone Michael Jordan ihre Empörung über «den tief verwurzelten Rassismus und die Gewalt gegen farbige Menschen in unserem Land» äussert. Der alles andere als unpolitische George Clooney bezeichnete den Rassismus in einem Essay für «The Daily Beast» als «unsere Pandemie».

«Wir sind alle infiziert und in 400 Jahren haben wir noch keinen Impfstoff gefunden.»

George Clooney

Der Hollywoodstar bezieht sich mit diesem Vergleich auf die erste Ankunft eines Schiffs mit Sklaven aus Afrika in der englischen Kolonie Jamestown in Virginia anno 1619. Es war der Beginn der «Erbsünde» Amerikas, wie die Sklaverei heute häufig bezeichnet wird.

Oberflächlich betrachtet hat sich vieles positiv entwickelt. Doch der Schein trügt. Mehr als 50 Jahre nachdem die Bürgerrechtsbewegung die rechtliche Gleichstellung erkämpft hat, ist der strukturelle Rassismus in den USA nicht nur lebendig wie eh und je. Manches hat sich in den letzten Jahrzehnten für die schwarze Bevölkerung sogar verschlechtert.

Segregation

FILE-In this Oct. 19, 1960 file photo, Dr. Martin Luther King Jr. under arrest by Atlanta Police Captain R.E. Little, left rear, passes through a picket line outside Rich's Department Store, in atlanta. On King's right are Atlanta Student Movement leader Lonnie King and Spelman College student Marilyn Pryce. Holding the sign is Spelman student activist Ida Rose McCree. Following the publication of

Unter Führung von Martin Luther King (Mitte) erkämpften sich die Schwarzen die Gleichstellung. Faktisch aber existiert die Rassentrennung noch heute. Bild: AP

Die Rassentrennung wurde in den 1960er Jahren formell aufgehoben. In der Realität hat sie sich eher vertieft. Viele Weisse aus dem Mittelstand sind in die Suburbs «geflüchtet» und haben zuvor durchmischte Stadtviertel den Schwarzen und Latinos überlassen. Sie erlebten einen Niedergang, teils durch gezielte Vernachlässigung, teils wegen fehlendem Geld.

Das hat negative Folgen in verschiedener Hinsicht: Miese Wohnverhältnisse, schlechte Schulen, fast keine gut bezahlten Jobs, eine ungenügende Versorgung mit Gesundheitsdiensten und Lebensmitteln. Die wackere Michelle Obama ist eine Verfechterin gesunder Ernährung. Aber woher nehmen, wenn es in den Läden weder frische Früchte noch Gemüse gibt?

Viele Schwarze ernähren sich von Convenience- und Junkfood. Die Folge sind Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes. Deshalb sind sie eine leichte Beute für das Coronavirus. Im Bundesstaat Minnesota haben die Afroamerikaner einen Bevölkerungsanteil von knapp sieben Prozent. Ihr Anteil an den Covid-19-Fällen beträgt rund 22 Prozent.

Wirtschaft

A Food Bank for New York City volunteer hands out packages at a mobile food pantry at Barclays Center Friday, April 24, 2020, in the Brooklyn borough of New York. (AP Photo/Frank Franklin II)

Die Schwarzen sind häufig auf Lebensmittelhilfe angewiesen. In der Krise erst recht. Bild: AP

Donald Trump rühmte sich bis zur Coronakrise, die «beste Wirtschaft aller Zeiten» geschaffen zu haben. Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Die Industriejobs, die einst auch vielen Schwarzen den Aufstieg in den Mittelstand ermöglichten, brachte er nicht zurück. Vor Beginn der Krise waren rund 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung im Niedriglohnsektor tätig.

Sie hangeln sich von Zahltag zu Zahltag und können kaum Reserven bilden. Schon die Mietkaution kann zum Problem werden. Afroamerikaner sind überdurchschnittlich betroffen. Rund ein Fünftel lebt unter der Armutsgrenze. Das Medianeinkommen der schwarzen Haushalte liegt bei 41’000 Dollar. Die Weissen kommen auf 67’000 Dollar.

Kriminalität

In this Thursday, March 12, 2020, inmates at the Cook County Jail from left, Joshua Cavin, Sean Allen, and Sirjerathan Wilson, pose for a portrait outside cell pod

Das Strafrecht sorgt in den USA dafür, dass Schwarze weit eher im Gefängnis landen als Weisse. Bild: AP

In den 1970er und 80er Jahren grassierte in den US-Städten die Kriminalität. Die Antwort der Politiker waren immer härtere Strafen. Wer nicht «tough on crime» war, hatte kaum Wahlchancen. Selbst Minderjährige wurden hart angepackt, und besonders im Visier waren Drogendelikte. Eine rassistische Schlagseite nahm man dabei in Kauf.

So wurde der Besitz von Crack erheblich härter bestraft als von Kokain. Das billige Crack aber wurde und wird primär von Schwarzen konsumiert, während Kokain die «Modedroge» der Weissen ist. Der «War on Drugs» führte dazu, dass 37 Prozent der jungen schwarzen Männer ohne Highschool-Abschluss mindestens einmal im Leben im Gefängnis sassen.

In den letzten zehn Jahren hat sich einiges gebessert. Barack Obama erreichte gewisse Erleichterungen. Mit einer ambitionierten Strafrechts-Reform scheiterte der erste schwarze Präsident jedoch an den Republikanern im Senat. Es war ausgerechnet Donald Trump, der 2018 eine Reform durch den Kongress brachte, die das harte Regime flexibler machte.

Polizeigewalt

Die Fälle seit Ferguson

1991 verprügelten vier Polizisten den schwarzen Kleinkriminellen Rodney King in Los Angeles. Ihr Freispruch vor Gericht führte im Jahr darauf zu den schlimmsten Rassenkrawallen der letzten Jahrzehnte. Seither kam es immer wieder zu Gewalt von Polizisten gegen Schwarze, häufig mit Todesfolge. 2014 starben Michael Brown in Ferguson und Eric Garner in New York.

Letzterer wehrte sich ebenfalls mit «I can’t breathe» gegen die Polizisten, die ihn zu Boden gedrückt hatten. In beiden Fällen kam es zu keiner Anklage, was unter anderem die «Black Lives Matter»-Bewegung auslöste. Ob sich die Zahl der Fälle gehäuft hat, ist umstritten. Durch die Allgegenwart des Smartphones sind sie nicht mehr so leicht zu vertuschen.

Wenn der NZZ-Korrespondent jedoch schreibt, das Verhältnis zwischen afroamerikanischen Männern und der Polizei sei auf beiden Seiten von Angst geprägt, ist das eine groteske Verzerrung. Hinter den Polizisten steht die Staatsmacht, die Schwarzen sind ohnmächtig. Selbst bei Verkehrskontrollen werden sie viel häufiger angehalten als weisse Autofahrer.

Paternalismus

«Ich habe nichts gegen Schwarze. Einige meiner besten Freunde sind schwarz.» Alle Amerikaner kennen solche Sprüche. Nicht selten werden sie von Angehörigen einer «aufgeklärten» linksliberalen Elite geäussert. Dahinter verbirgt sich eine Mentalität, die den Schwarzen vermeintlich wohl gesinnt ist, sie aber doch nur von oben herab behandelt.

Damit schaden sie den Afroamerikanern mehr, als dass sie ihnen helfen. Selbst Joe Biden, der ihnen sein politisches «Überleben» verdankt, tappte kürzlich in diese Falle, als er einem Fernsehmoderator sagte, er sei «kein Schwarzer», wenn er sich nicht zwischen ihm und Trump entscheiden könne.

Politik

FILE - In this Aug. 6, 1965, photo, President Lyndon Baines Johnson signs the Voting Rights Act of 1965 in a ceremony in the President's Room near the Senate Chambers on Capitol Hill in Washington. Three years ago, the Supreme Court warned there could be constitutional problems with a landmark civil rights law that has opened voting booths to millions of African-Americans. Now, opponents of a key part of the Voting Rights Act are asking the high court to finish that provision off.  Surrounding the president from left directly above his right hand, Vice President Hubert Humphrey; House Speaker John McCormack; Rep. Emanuel Celler, D-N.Y.; first daughter Luci Johnson; and Sen. Everett Dirksen, R-Ill.  Behind Humphrey is House Majority Leader Carl Albert of Oklahoma; and behind Celler is Sen. Carl Hayden, D-Ariz.  (AP Photo)

Präsident Lyndon Johnson unterzeichnete 1965 das Wahlrechtsgesetz, das nun von den Republikanern torpediert wird. Bild: AP NY

In den Südstaaten wurden die Schwarzen während langer Zeit an der Ausübung ihres Wahlrechts gehindert, etwa mit unlösbaren «Intelligenztests». Das Wahlrechtsgesetz von 1965 beseitigte die Schikanen. Nun erleben sie ein Comeback, und verantwortlich sind ausgerechnet die Republikaner, die Partei des Sklavenbefreiers Abraham Lincoln.

Unter dem Vorwand des Kampfes gegen Wahlbetrug haben sie in von ihnen regierten Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die für die Stimmabgabe einen amtlichen Ausweis mit Foto verlangt. Das zielt in erster Linie auf die arme und schwarze Bevölkerung, die zu den Demokraten tendiert, häufig aber nicht einmal einen Fahrausweis besitzt.

Das so genannte Gerrymandering, die teilweise absurde Einteilung von Wahlkreisen, wird ebenfalls von den Republikanern vorangetrieben. Ihr Ziel ist es, möglichst viele konservative Mehrheiten zu erzeugen. Dies schadet den Schwarzen, deren Stimme entwertet wird. Weil viele im Gefängnis waren, dürfen sie häufig nicht einmal wählen.

Und nun kommt der toxische Mix aus Corona, Arbeitslosigkeit und Polizeigewalt hinzu. Wie wird er sich bei den Wahlen im November auswirken? Eine Prognose ist schlicht unseriös. Vieles hängt davon ab, ob die Lage weiter eskaliert. Die Proteste wegen George Floyds Tod lassen nach. Vielleicht versanden sie, wie so viele in den letzten Jahren.

Vieles hängt davon ab, ob Derek Chauvin und seine drei Mittäter vor Gericht müssen. Donald Trump möchte wohl einen «Law and Order»-Wahlkampf betreiben wie Richard Nixon 1968, einem anderen Annus Horribilis, in dem der Vietnamkrieg die Nation zerriss und mit Martin Luther King und Robert Kennedy zwei Hoffnungsträger ermordet wurden.

Sein Rivale Joe Biden steht tief in der Schuld der Schwarzen. Er wird wohl eine Afroamerikanerin für die Vizepräsidentschaft nominieren. Aber Biden ist nicht ohne Fehl und Tadel, und das nicht nur wegen seinen paternalistischen Sprüchen. In den 90er Jahren war er als Senator besonders aktiv an der unheilvollen Verschärfung der Strafgesetze beteiligt.

Um den Rassismus, Amerikas ewige «Pandemie», nachhaltig zu bekämpfen, braucht es mehr als Pflästerlipolitik. Ein Kraftakt ohnegleichen wäre notwendig. Die aktuelle Krise könnte dabei auch eine Chance sein. Der Optimist sagt, dass kein Land bessere Voraussetzungen dafür hat. Der Pessimist fragt sich, ob die USA ihre besten Tage nicht hinter sich haben.

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Jadon Sancho und Co. protestieren gegen Rassismus

Dieses Video zeigt die Ausschreitungen in den Strassen von Minneapolis

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