Jagd auf den Bomber von Monaco – darum ist der Hintergrund des Anschlags brisant
Stell dir vor, es ist Krieg, und die Reichen flüchten.
Während im Jahr 2022, zu Beginn der grossangelegten russischen Invasion, die Mehrheit der normalen Bürgerinnen und Bürger unter Raketenbeschuss ausharrte und kämpfte, setzte sich ein beachtlicher Teil der ukrainischen Elite aus Politik und Wirtschaft an die französische Riviera ab.
Dann explodierte am Montagabend bei einem Luxus-Wohnhaus in Monaco eine Bombe. Ein ukrainischer Multimillionär und dessen Gattin wurden schwer verletzt, ein gemeinsamer 13-jähriger Sohn erlitt leichte Verletzungen.
Egal, welches Tatmotiv die Ermittlungen der monegassischen und französischen Behörden am Ende ergeben: Der Bombenanschlag rückt eine für die ukrainische Gesellschaft schmerzliche Debatte wieder ins Zentrum. Und wir müssen über die politische Instrumentalisierung des Verbrechens reden.
Was ist passiert?
Nachdem am Montagabend ein Bombenanschlag im Quartier La Rousse fünf Menschen zum Teil schwer verletzte, laufen die Ermittlungen auf Hochtouren.
Ob russische Agenten, ukrainische Geheimdienstler oder die organisierte Kriminalität hinter der Zündung des Rucksack-Sprengsatzes stecken, ist nicht bekannt.
Das Ziel des mutmasslichen Mordversuchs war ein zyprisch-ukrainischer Multimillionär, der mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen Sohn im europäischen Exil lebt.
Sein Name: Wadym Jermolajew. Alter: 58.
Alle drei kamen in eine Klinik im südfranzösischen Nizza. Die Verletzten konnten noch nicht befragt werden, wie es heisst. Die Frau schwebe weiterhin in Lebensgefahr.
Tatsächlich versuchten kurz nach der Tat Putin-freundliche Kräfte, den regionalen Schockzustand in politisches Kapital für ihre Anti-Ukraine-Agenda umzumünzen.
Der Bürgermeister der südfranzösischen Stadt Fréjus, der dem rechtsnationalen Rassemblement National angehört, griff bei X die ukrainische Regierung an.
Demnach ginge die Gefahr nicht primär vom noch unbekannten Bombenleger aus, sondern von der ukrainischen Elite selbst, die sich an der Riviera aufhält …
Was hat es mit dem «Monaco-Bataillon» auf sich?
Das ist eine symbolische und journalistische Bezeichnung. Sie geht auf eine aufsehenerregende Recherche der ukrainischen Zeitung «Ukrainska Pravda» im Jahr 2022 zurück.
Wie die Recherche zeigte, flohen wohlhabende ukrainische Politiker, Oligarchen und Geschäftsleute direkt vor und nach Beginn der russischen Invasion an die französische Riviera. Dies taten sie oftmals trotz des in der Ukraine geltenden Kriegsrechts, das allen Männern zwischen 18 und 60 Jahren das Verlassen des Landes untersagte.
Ukrainische Journalistinnen und Journalisten machten das Phänomen unter dem Begriff «Monaco-Bataillon» im August 2022 publik. Ihr Video zeigte ukrainische Superyachten vor der Küste, aber auch luxuriöse Anwesen und 300'000-Franken-Limousinen mit ukrainischen Kennzeichen.
Auch Jermolajew war in der Reportage zu sehen.
Die 2022 veröffentlichte Reportage:
Männer im wehrpflichtigen Alter entzogen sich also der nationalen Wehrpflicht – geschützt durch Vermögen, Diplomatenpässe oder, wie im Fall von Jermolajew, durch eine bereits früher erworbene ausländische Staatsbürgerschaft.
Der moralische Aufschrei war gross.
Die zuständige ukrainische Ermittlungsbehörde leitete in der Folge strafrechtliche Untersuchungen gegen mehr als 80 in der Recherche namentlich genannte Personen ein, um die Umstände ihres Grenzübertritts zu klären.
Tatsächlich steuerten viele dieser ukrainischen Multimillionäre und Milliardäre ihre Firmenimperien weiter aus sicherer Distanz oder profitierten finanziell davon, während das Heimatland wirtschaftlich blutete.
Jermolajew wurde 2023 von der ukrainischen Regierung mit harten Sanktionen belegt. Dies, weil er 2014, nach Beginn der russischen Invasion auf der Krim, seine Geschäfte auf der besetzten Halbinsel weitergeführt haben soll. Seine öffentliche Verteidigung – er habe Millionen an die ukrainische Armee gespendet – verfing bei den Behörden nicht.
Und nun versuchte ihn jemand zu töten.
Wer steckt hinter dem Bombenanschlag?
Hypothese 1: Russische Geheimdienstler
Die russischen Geheimdienste haben in den letzten Jahren europaweit eine Kampagne von Sabotageakten, Brandstiftungen und gezielten Liquidationen gegen Unterstützer der Ukraine gefahren. Ein Anschlag auf einen Exil-Ukrainer in Westeuropa beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung und sorgt für Verunsicherung und Zweifel. Und genau dies ist eines der Ziele, die Wladimir Putin mit seinem hybriden Krieg gegen westliche Ukraine-Unterstützer verfolgt.
Russland könnte den Anschlag auf Jermolajew zudem als False-Flag-Aktion verübt haben, um ihn so aussehen zu lassen, als wäre es eine Attacke anderer Akteure.
Sicher ist: Es besteht in Europa ein Netzwerk, das im Auftrag russischer Geheimdienste Auftragsmorde und Sabotage plant und ausführt. Hintermänner rekrutieren lokale Kriminelle über Telegram und bezahlen sie mit Kryptowährungen.
Hypothese 2: Ukrainische Geheimdienstler
Die ukrainischen Geheimdienste – allen voran der von Kyrylo Budanow geführte Militärgeheimdienst HUR – haben offen das Modell des israelischen Mossad adaptiert: Sie jagen und liquidieren russische Akteure, Kommandeure und Kollaborateure, teils tief im feindlichen Hinterland.
Gegen ukrainische Geheimdienste als Auftraggeber des Bombenanschlags gibt es triftige Gründe: Das Kriegsglück scheint sich klar zugunsten der Ukraine zu wenden. Und die ukrainische Regierung dürfte kaum riskieren, wichtige Unterstützerländer wie Deutschland mit einem Bombenanschlag auf europäischem Boden zu verlieren.
Die ukrainische Geheimdienst-Kampagne abseits der Front richtete sich bislang fast ausschliesslich gegen hochrangige russische Militärs in Russland oder besetzten Gebieten.
Hypothese 3: Ukrainische Rache
In der Ukraine herrscht eine enorme, kriegsbedingte Wut auf eigene Landsleute, die im Verdacht stehen, mit dem Kreml zu kooperieren oder sich am Krieg zu bereichern.
Jermolajew war nicht für seine prorussischen Ansichten bekannt, wie der britische «Guardian» schreibt. Nach Moskaus grossangelegter Invasion 2022 habe er erklärt, sein Privatjet vom Typ Gulfstream G150 sei bei einem russischen Raketenangriff auf den Flughafen Dnipro zerstört worden.
Da er wegen seiner Krim-Geschäfte offiziell als Kollaborateur sanktioniert war und sich im Ausland dem Zugriff der ukrainischen Justiz entzog, könnte die Tat das Werk radikalisierter ukrainischer Akteure oder Partisanen sein. Das Motiv wäre demnach gewaltsame Selbstjustiz gegen jene, die als Verräter der Nation wahrgenommen werden.
Hypothese 4: Kriminelles Milieu
Der Anschlag könnte das Resultat einer brutalen Umverteilung oder unbeglichenen Rechnung innerhalb der organisierten Kriminalität oder unter rivalisierenden Oligarchen sein.
Jermolajew ist einer der grössten Bauunternehmer in seiner ostukrainischen Heimat und zählte gemäss «Forbes» regelmässig zu den reichsten Ukrainern. Er hat aber Jahre vor der russischen Vollinvasion die ukrainische Staatsbürgerschaft aufgegeben und besitzt einen zyprischen Pass.
Eine im Rucksack deponierte und mittels Fernsteuerung oder Zeitzündung detonierte Bombe lässt auf professionelle Urheber schliessen. Doch ein islamistischer Terroranschlag wurde von der Staatsanwaltschaft ausgeschlossen.
Die «Ukrainska Pravda» berichtete am Dienstag unter Berufung auf ungenannte Quellen, die französischen Strafverfolgungsbehörden gingen davon aus, dass der Anschlag von Vertretern der organisierten Kriminalität verübt wurde.
Weitere unbestätigte Berichte bringen den Bombenanschlag auf Jermolajew mit betrügerischen Callcenter-Aktivitäten seines ältesten Sohnes Arthur in Verbindung. Dieser war Ende 2025 nach einer Interpol-Fahndung in Zypern festgenommen und nach Estland ausgeliefert worden. Er soll nach einer Verurteilung bereits wieder auf freiem Fuss sein.
Das vorläufige Fazit: Selbst die vermeintlich sichere Luxus-Kulisse von Monte Carlo bietet keinen Schutz vor Verwerfungen des Krieges und krimineller Vergeltung.
Quellen
- theguardian.com: Monaco in shock after parcel bomb injures Ukrainian-born business leader (30. Juni)
- nicematin.com: Explosion criminelle à Monaco
- pravda.com: Monaco explosion: businessman's wife has legs amputated, attack may be linked to fraud call centres in Dnipro
- liga.net: Explosion in Monaco. What is known about the assassination attempt on Yermolaiev
- kp.ua: Перший теракт в історії Монако: що відомо про замах на Вадима Єрмолаєва (2022)
- pravda.com.ua: Батальйон "МОНАКО". УП знайшла елітних біженців на Лазурному узбережжі (2022)
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