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Eine Primarschullehrerin aus Seoul unterrichtet Mitte Januar via Videokonferenz.
Eine Primarschullehrerin aus Seoul unterrichtet Mitte Januar via Videokonferenz. Bild: keystone

5 Gründe, warum Südkorea Corona immer wieder besiegt

Nach der dritten und bisher stärksten Corona-Welle in Südkorea sinken die Zahlen erneut deutlich. Warum schafft Südkorea, was europäischen Ländern zurzeit kaum gelingt?
14.01.2021, 09:1609.03.2021, 10:40
Lea Senn
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Mitte Februar wurden in Südkorea so viele Menschen positiv auf das neue Coronavirus getestet wie nirgends ausserhalb des vermuteten Ursprungslandes China. Ab Mai wurden stets weniger als 100 Neuinfektionen gemeldet. Auch die zweite Welle im August und September bekam man schnell wieder in den Griff.

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Wie in Europa stiegen auch in Südkorea die Zahlen im November wieder deutlich an. Die dritte Welle forderte so viele Tote wie nie zuvor. Inzwischen steht Südkorea bei rund 70'000 Fällen und 1'185 Toten. Doch die täglichen Fall- und Todeszahlen sinken erneut.

Gemessen an den rund 50 Millionen Einwohnern Südkoreas, hat das Land die Pandemie insgesamt gut gemeistert. Im Infektionen-pro-Kopf-Vergleich schneidet die Schweiz deutlich schlechter ab.

Gründliches Contact Tracing

Am 16. Februar betrat eine 61-jährige Frau mit Fieber eine Kirche in der südkoreanischen Stadt Daegu. In den geschlossenen Räumlichkeiten befanden sich rund 1000 weitere Personen. Diese Stunden führten zu tausenden Ansteckungen und damit zu einem der grössten Ausbrüche der Welt.

Innert wenigen Tagen kamen die südkoreanischen Behörden dem Cluster auf die Spur und forderten von der betroffenen Kirche eine vollständige Mitgliederliste. Alle wurden aufgefordert, sich in Isolation zu begeben und ihre Kontakte zu melden.

«Mit wem haben Sie zu Abend gegessen? Wie viel haben Sie dafür bezahlt?»
Südkoreanische Contact Tracer erfragen jedes Detail eines Infizierten und überprüfen später, ob die Angaben korrekt waren.

Doch die Contact Tracer hatten weit mehr Möglichkeiten, als es ihre Kollegen in der Schweiz haben: Mittels GPS-Signalen des Smartphones der Infizierten wurde herausgefunden, wo sie sich aufgehalten hat – Smartphone-Besitzer, die sich in der Nähe befanden, wurden via Nachricht gewarnt.

Braucht es noch mehr Information, schreckt die Regierung nicht davor zurück, die letzten Kreditkartenzahlungen oder öffentliche Überwachungskameras auszuwerten. Die Arbeit der südkoreanischen Contact Tracer gleicht der eines Detektiven – und macht sie zu den weltweit effizientesten ihres Fachs.

Schnelle Reaktion, strikte Massnahmen

Südkorea erlangte bereits im Frühling Bekanntheit für die schnellen und harten Eingriffe in den Alltag der Menschen. So wurde beispielsweise ein Fall bekannt, bei dem ein Partygänger in einem Viertel von Seoul eine Nacht durchgefeiert hatte und damit fast einen landesweiten Ausbruch ausgelöst hätte.

Doch Seouls Regierung war schneller: Sie liessen über Nacht alle Bars und Clubs schliessen, testeten mithilfe der Kontaktlisten der Clubs 82'000 Personen und entdeckten dabei 237 Infizierte, die mit dem Partygänger in Verbindung standen. Wo die Kontaktlisten nicht vollständig waren, griffen die Contact Tracer auf Handydaten zurück.

Auch im Dezember, als die dritte Welle anrollte, zeigte sich, dass Südkorea bei steigenden Fallzahlen «nicht lange fackelt». Als Präventivmassnahme wurden alle Schulen inklusive Kindergärten in Seoul und den Vororten auf Online-Unterricht umgestellt.

Nicht zuletzt gehört zu den Massnahmen auch das schnelle und kostenlose Testen. Während der dritten Welle im Dezember hat Südkorea nochmals 150 Testzentren eingerichtet – zusätzlich zu den 210 bestehenden Standorten.

Mentalität

Die Akzeptanz gegenüber der von der Regierung erlassenen Massnahmen bei einer landesweiten Gesundheitskrise ist in Südkorea höher als in vielen Ländern Europas. Das hat auch damit zu tun, dass Asien in jüngster Vergangenheit mit mehreren Epidemien zu kämpfen hatte.

So starben beispielsweise im Jahr 2002 bei einem SARS-Ausbruch mehrere Hundert Menschen in Ostasien. Im Jahr 2009 infizierte sich weltweit mehr als eine Million Menschen mit der H1N1-Influenza, weit über Hundert Südkoreaner verstarben.

Und dann folgte im Mai 2015 die virale Atemwegsinfektion MERS, die sich innert weniger Wochen in den südkoreanischen Krankenhäusern verbreitete. «MERS war für Koreaner überwältigend und beängstigend, weil sich die Krankheit in überfüllten Krankenhäusern und deren Warteräumen ausbreitete», sagte Korea-Experte Scott Snyder gegenüber dem Atlantic. «Die Menschen wurden krank, hatten aber Angst, ins Krankenhaus zu gehen.»

Seither weiss man, was Epidemien anrichten können, und nimmt sie entsprechend ernster. Südkoreaner haben in der Geschichte gelitten und daraus gelernt.

Vorbereitung

Nebst der grösseren Akzeptanz und dem grösseren Respekt wurde auch in die Vorbereitung der nächsten Epidemie investiert. Weil man 2015 zu wenige Testkits und Labore hatte, wurden Vorräte aufgestockt.

Die Regierung wurde auch kritisiert, dass sie damals keine Liste der betroffenen Krankenhäuser publizierte. Heute arbeitet man daher in dieser Hinsicht deutlich transparenter.

Auch die Gesetzgebung im Umgang mit viralen Infektionskrankheiten wurde revidiert. So gelten im Notfall folgende Sonderregelungen:

  • Um Tests zu beschleunigen, dürfen Labors auch nicht genehmigte Diagnosekits verwenden
  • Die Gesundheitsbehörden erhalten uneingeschränkten Zugriff auf das Material von Überwachungskameras und Geodaten der Telefone von Neuinfizierten
  • Um die Transparenz zu erhöhen, müssen die Gemeinden umgehend Warnmeldungen senden und den Aufenthaltsort von Neuinfizierten offenlegen

Geografische Lage

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die geografische Abgeschiedenheit Südkoreas. An der natürlichen Grenze mit Nordkorea herrscht kein Pendlerverkehr, wie wir es in Europa kennen. Der Luftweg lässt sich einfacher kontrollieren.

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