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Hochspannung im Neonazi-Prozess: Zschäpe bricht ihr langes Schweigen – und lächelt



Die mutmassliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe bricht ihr mehr als zweieinhalbjähriges Schweigen. brechen. Anwalt Mathias Grasel liest ihre Aussagen vor.

Zu Beginn der Erklärung geht es um die Kindheit der Hauptangeklagten in der DDR, wie spiegel.de berichtet: Zschäpe, die 1975 in Jena zur Welt kam, erwähnt Alkoholprobleme und Streitigkeiten mit ihrer Mutter. Von der Mutter habe sie so gut wie kein Geld bekommen, so dass sie sich an kleineren Diebstählen habe beteiligten müssen.

An ihrem 19. Geburtstag habe sie Uwe Böhnhardt kennengelernt, einen der späteren mutmasslichen NSU-Terroristen. Sie habe sich in ihn verliebt, sei aber noch mit dem dritten Mitglied des Trios, Uwe Mundlos, zusammen gewesen. Kurz nach dessen Wehrdienst hätten sie sich getrennt. Anschliessend sei sie eine Beziehung mit Böhnhardt eingegangen. So sei sie stärker in Kontakt zu dessen Freunden gekommen, die nationalistischer eingestellt gewesen seien als die von Mundlos.

Defendant Beate Zschaepe and co-defendant Ralf Wohlleben (L) arrive for the continuation of their trial at a courtroom in Munich, southern Germany, December 9, 2015. The lone surviving suspect in a neo-Nazi murder case that shocked Germany plans to break her two-and-a-half-year silence and address all the allegations in court, her lawyer said in a German media interview on Monday. Zschaepe, 40, is accused of helping found a neo-Nazi cell, the National Socialist Underground (NSU), and of complicity in the murders of eight Turks, a Greek and a German police woman across Germany between 2000 and 2007, as well as two bombings in immigrant areas of Cologne and 15 bank robberies.  REUTERS/Michael Dalder

Zschäpe liess sich zu Beginn der Verhandlung in München erstmals bereitwillig fotografieren und lächelte sogar. 
Bild: MICHAEL DALDER/REUTERS

Zschäpe bestreitet Beteiligung an erstem NSU-Mord und Bombenattacke

Die mutmassliche deutsche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe hat bestritten, vorab vom ersten Mord gewusst zu haben, den die Bundesanwaltschaft der Terrorgruppe NSU vorwirft. Sie bestritt auch, am ersten Kölner Bombenanschlag im Januar 2001 beteiligt gewesen zu sein.

Auch vom ersten mutmasslichen NSU-Mord hat Zschäpe laut ihrer Aussage vorab nichts gewusst. Demnach hatten Mundlos und Böhnhardt im September 2000 in Nürnberg den türkischen Blumenhändler Enver Simsek erschossen.

Sie habe erst drei Monate danach davon erfahren, liess Zschäpe erklären. Bis heute kenne sie das Motiv für den Mord nicht. Sie habe den beiden erklärt, dass sie sich der Polizei stellen wolle. Daraufhin hätten Mundlos und Böhnhardt mit Selbstmord gedroht.

Sie lässt sich erstmal breitwillig fotografieren

Zschäpe liess sich zu Beginn der Verhandlung in München erstmals bereitwillig fotografieren. Kurz vor ihrer mit Spannung erwarteten Aussage wandte sie sich am Mittwochmorgen nicht - wie sonst - von den Kameras weg; sie lächelte.

Grasel hat angekündigt, dass Zschäpe auch Fragen beantworten will - aber nur des Gerichts, und nur schriftlich und erst später. Konkret hat er den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl um einen schriftlichen Fragenkatalog gebeten. Den will er mit Zschäpe durcharbeiten und dann antworten. Ob das Gericht damit einverstanden ist, ist noch offen.

Mittäter tot

Angehörige von NSU-Mordopfern und deren Anwälte dämpften die Erwartungen. Der Anwalt der Münchner Familie Boulgarides, Yavuz Narin, sagte, das von Zschäpe und ihren Anwälten geplante Prozedere spreche «nicht unbedingt für die Glaubhaftigkeit irgendwelcher Aussagen». «Wir hätten es besser gefunden, wenn sie auch selber redet und dazu beiträgt, dass die ganze Wahrheit über den NSU herauskommt.»

Vater Theodoros Boulgarides war 2005 in München erschossen worden, mutmasslich von Zschäpes Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die beiden sind tot, Zschäpe ist die einzige Überlebende des Trios.

Auch Gamze Kubasik, die Tochter des in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik, sagte mit Blick auf Zschäpes Aussage, sie habe keine grosse Hoffnung - «weil ich einfach glaube, dass da nicht die Wahrheit gesagt wird». «Natürlich ist mein Wunsch eine hundertprozentige Aufklärung. Aber ich weiss, das wird niemals geschehen», sagte sie.

Reuebekenntnis erwünscht

Die Ombudsfrau der deutschen Regierung für die NSU-Opfer, Barbara John, sagte der «Berliner Zeitung»: «Was ich mir wünsche und was die Familien sich wünschen, ist ein Reuebekenntnis und eine Klärung der immer wieder bohrenden Frage: Warum musste gerade mein Angehöriger sterben?» Das wäre eine «Art Befreiung», so John.

Die Erklärung Zschäpes war eigentlich schon vor vier Wochen geplant gewesen. Ein Befangenheitsantrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben machte den Zeitplan aber zunichte, mehrere Prozesstage fielen aus. Anschliessend verzögerte sich die Aussage, weil ein Anwalt Zschäpes in den Ferien war: Hermann Borchert, ein Kanzleikollege von Grasel. Ihn hätte Zschäpe nun auch gerne als Pflichtverteidiger an ihrer Seite - bisher ist er Wahlverteidiger. Das hat sie beim Gericht beantragt. (whr/sda/dpa)

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