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Wieso die Gen Z bewusst langweiligen Berufen nachgeht
Noch vor wenigen Jahren glich der vorherrschende Diskurs einer fast religiösen Aufforderung: Finde deine Leidenschaft und mach sie zu deinem Beruf. Die Millennials, welch wunderbare Wesen, wuchsen mit diesem etwas romantischen Versprechen auf, dass Arbeit spannend, kreativ und inspirierend sein sollte … kurzum, den Montagmorgen in ein beinahe spirituelles Erlebnis verwandeln sollte.
Die nächste Generation hingegen betrachtet diese Erzählung mit einer Mischung aus Skepsis und vorausahnender Müdigkeit. Und sie hat eine andere Lösung gefunden.
Auf Tiktok, Linkedin und Reddit kursiert seit einigen Monaten ein gewisses Konzept: jenes der «langweiligen Jobs» (engl. boring jobs). Dabei handelt es sich um administrative, buchhalterische, analytische oder bürokratische Positionen, bei denen man Excel-Tabellen ausfüllt, Papier in den Drucker einlegt und bei denen jeder Tag dem vorherigen (und auch dem folgenden) Tag ähnelt.
Das sind Jobs, von denen niemand so richtig geträumt hat, und genau deshalb üben sie eine so grosse Anziehungskraft auf diese Generation aus – im Gegensatz zu den vorherigen Generationen, die diese Begeisterung kaum verstehen und dies in den sozialen Medien kundtun.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Die Renaissance der öden Berufe
Für Teile der Gen Z geht es nicht mehr darum, den aufregendsten Job der Welt zu finden. Im Gegenteil, sie suchen eine einfache, sichere Stelle mit angemessenen Arbeitszeiten, einem guten Gehalt und vor allem einem erträglichen Stressniveau.
In manchen Branchen ist dieser Trend sogar sichtbar. Die Buchhaltung beispielsweise, die lange Zeit – und zu Recht! – als Inbegriff der öden Berufe galt, zieht immer mehr junge Fachkräfte an. Unternehmen suchen nach Ersatz für die Generationen, die in Pension gehen, und manche junge Menschen sehen darin eine durchaus attraktive Chance: klar definierte, relativ vorhersehbare und oft gut bezahlte Arbeit.
Mit anderen Worten: eine seriöse, aber nicht aufdringliche Tätigkeit. Und vor allem eine Tätigkeit, bei der man nach Feierabend dem Chef nicht weiter verpflichtet ist.
Arbeiten, um zu leben (und nicht umgekehrt)
Hinter dieser Faszination für «langweilige Jobs» verbirgt sich vor allem ein philosophischer Wandel. Ein Grossteil der Gen Z sieht die Arbeit nicht mehr als zentralen Bestandteil der eigenen Identität. Vorbei sind die Zeiten der Frage: «Was machst du (beruflich)?» Die Arbeit soll einen nicht mehr definieren, antreiben oder – schlimmer noch – erfüllen. Sie soll einfach nur die Lebenskosten decken.
Das wahre Leben findet woanders statt. Auf Reisen, bei persönlichen Projekten, mit Freunden, Familie, beim Sport, TV-Serien, im Ausgang … oder auch auf der existenziellen Suche nach dem fotogensten (und ekligsten) Matcha Latte fürs Chillen auf der Terrasse. Slayyy ✨
Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Warum sollte man sich in einem extrem wettbewerbsintensiven Job verausgaben, wenn man danach zu erschöpft ist, um den Rest des Lebens zu geniessen?
Eine Generation frei von «Hustle Culture»
Man muss anmerken, dass die Gen Z unter besonderen Umständen in den Arbeitsmarkt eintritt. Wirtschaftskrisen folgen Schlag auf Schlag, die Inflation raubt uns den letzten Nerv, wir erleben Massenentlassungen in bestimmten Branchen … und diese Generation hat ein ganzes Jahrzehnt lang mit ansehen müssen, wie die Millennials der berühmten «Hustle Culture» hinterherjagten, jenem Kult der Hyperproduktivität.
Dieses Modell – immer mehr arbeiten, weniger schlafen, Projekte parallel verfolgen – gilt seit Langem als Königsweg zum Erfolg. Doch für viele zeigt sich das Resultat hauptsächlich auf Linkedin. Glänzende Profile, gewiss … und jede Menge Burnout.
Anstatt also nach einem «Traumjob» zu suchen, der sie komplett in Anspruch nimmt und bis auf die Knochen auslaugt, wählen sie einen ruhigeren Job, der Raum für alles andere lässt.
Langeweile als Luxus
Natürlich träumt nicht jeder davon, seine Tage mit dem Prüfen von Rechnungen oder dem Ausfüllen von Berichten zu verbringen. Doch im aktuellen Klima ist der «langweilige Job» ironischerweise zu einer Art modernem Luxus geworden – einer Form professioneller Entspannung.
Ein Job, der dich nachts nicht verfolgt. Ein Job, der dich nicht um 3 Uhr morgens weckt. Eine Stelle, die nicht vorgibt, deine «Berufung» zu sein, mit furchtbaren Teambuilding-Aktivitäten am Wochenende, bei denen du am liebsten alle deine Kollegen umbringen würdest. Kurz gesagt: ein Job, der dir Freiraum lässt und dein Privatleben nicht beeinträchtigt.
Wenn dieser Trend bei früheren Generationen ein Schmunzeln oder Verwunderung hervorrufen kann, offenbart er vielleicht eine recht einfache Wahrheit. Lange Zeit hiess es, Arbeit müsse spannend sein. Die Gen Z scheint jedoch etwas Radikales begriffen zu haben: Sie kann auch einfach nur erträglich sein. Und manchmal ist das mehr als genug.
