Ukraine nimmt das «russische Amazon» ins Visier – das ist der Grund
Bei ukrainischen Drohnenangriffen auf zwei Lagerhäuser des russischen Onlinehändlers Wildberries sind nach russischen Behördenangaben mindestens acht Menschen getötet und mehr als 80 weitere verletzt worden. Betroffen waren Logistikzentren in Elektrostal östlich von Moskau sowie in Kotowsk in der Region Tambow. Die Angriffe lösten Grossbrände aus und zerstörten nach Angaben des Unternehmens Waren Tausender Händler.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte den Angriff. Er bezeichnete die Lagerhäuser als Teil der russischen Kriegslogistik. Die Anlagen seien genutzt worden, um sanktionierte Komponenten für die Produktion von Drohnen und Navigationssystemen bereitzustellen. Der Angriff sei eine Reaktion auf russische Angriffe gegen ukrainische Städte und zivile Infrastruktur gewesen.
Kiew sieht Wildberries als Teil der Kriegslogistik
Wildberries ist der grösste Onlinehändler in Russland und gilt als das «russische Amazon». Offiziell ist das Unternehmen eine Plattform, auf der unabhängige Händler ihre Waren verkaufen.
Nach ukrainischer Darstellung geht seine Bedeutung jedoch weit darüber hinaus. Kiew sieht das Unternehmen als wichtigen Bestandteil der russischen Logistik. Nach Angaben ukrainischer Behörden und Sicherheitsexperten werden über die Plattform unter anderem Funkgeräte, Schutzwesten, Wärmebildgeräte, Drohnenbauteile und weitere Produkte verkauft, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, also sogenannte Dual-Use-Güter. Der ukrainische Sicherheitsexperte Serhij Kusan bezeichnete Wildberries als «wichtigen Bestandteil» der russischen Logistik. Ziel des Angriffs sei gewesen, Lieferketten für eben diese Dual-Use-Güter und sanktionierte Elektronik zu unterbrechen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Auf Wildberries werben einzelne Händler bei militärisch nutzbaren Produkten mit Hinweisen wie «Tested in the SMO» («Getestet in der Militärischen Spezialoperation») oder «Choice of SMO fighters» («Die Wahl der Kämpfer der Militärischen Spezialoperation»). Die Werbehinweise stammen von einzelnen Anbietern auf der Plattform und nicht vom Unternehmen selbst, verdeutlichen aber, dass der Krieg auch im Onlinehandel als Verkaufsargument genutzt wird.
Sanktionen schon vor dem Krieg
Die Ukraine hatte Wildberries bereits 2021 mit Sanktionen belegt. Zur Begründung verwies Kiew damals darauf, dass über die Plattform unter anderem russische Militäruniformen, Produkte mit staatlichen und militärischen Symbolen sowie propagandistische Literatur verkauft würden. Wildberries wies die Vorwürfe zurück und erklärte, lediglich eine Plattform für unabhängige Verkäufer bereitzustellen.
Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gerieten das Unternehmen und Gründerin Tatjana Kim (damals Bakaltschuk) zudem in mehreren Staaten auf Sanktionslisten. Polen belegte Wildberries bereits 2022 mit Sanktionen und verwies dabei auf die wirtschaftliche Bedeutung des Konzerns als einen der grössten Steuerzahler für Russland.
Tausende Händler betroffen
Der Angriff traf nicht nur Wildberries selbst. Nach russischen Medienberichten wurden Waren Tausender Händler zerstört. Mehrere Unternehmer berichteten von Schäden in Millionenhöhe und fürchten um ihre Existenz. Einige hoffen auf Entschädigungen durch Wildberries, andere rechnen damit, die Verluste selbst tragen zu müssen.
Wildberries-Chefin Tatjana Kim sprach von einer «schrecklichen Nacht» für das Unternehmen und bestätigte die Todesopfer unter den Beschäftigten.
Teil einer neuen Angriffsstrategie
Der Angriff auf die Wildberries-Lagerhäuser reiht sich in eine Serie ukrainischer Angriffe auf russische Energie- und Logistikziele ein. Neben den Logistikzentren wurden nach ukrainischen Angaben auch ein Öllager sowie Ziele im Schwarzen Meer und Asowschen Meer angegriffen. Selenskyj kündigte an, die Ukraine werde ihre Fähigkeiten zu weitreichenden Schlägen weiter ausbauen.
Russland reagierte auf die Angriffe mit einer massiven Welle von Raketen- und Drohnenangriffen auf die Ukraine, darunter auf die Hauptstadt Kiew. Beide Seiten greifen seit Längerem gezielt Logistik- und Infrastrukturziele des Gegners an. Während Russland wiederholt ukrainische Energieanlagen, Logistikzentren und Postinfrastruktur attackiert hat, weitet die Ukraine ihre Angriffe auf russische Versorgungseinrichtungen und Einrichtungen aus, die sie als Teil der militärischen Infrastruktur betrachtet.
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Verwendete Quellen:
- president.gov.ua: "Decisions Regarding the Army Will Be Worked Out – Address by the President" (Englisch)
- theguardian.com: "Ukraine war briefing: Strikes devastate Russian warehouses ‘used for drones’" (Englisch)
- apnews.com: "Ukrainian drones hit Russian warehouses and other sites, kill 9" (Englisch)
- meduza.io: "‘All we could do was watch our merchandise burn’: Russian small business owners respond to losing their stock when Ukrainian drones hit two Wildberries warehouses" (Englisch)
- ubn.news: "Russia Responds to Strikes on Wildberries Warehouses With Massive Ballistic Attack on Kyiv" (Englisch)
- nashaniva.com: "Why Ukraine attacked Wildberries warehouses and how the ubiquitous marketplace is connected to the Russian army" (Englisch)
- bbc.com: "Russian online retail warehouses hit by deadly Ukrainian strikes" (Englisch)
- zona.media: "Польша ввела санкции против основательницы Wildberries Бакальчук, главы "Роснефти" Сечина и миллиардера Дерипаски" (Russisch)

