Videotagebuch eines ukrainischen Soldaten: Fast ein Jahr Überlebenskampf im Erdloch
Er führte mitten im Krieg Tagebuch mit seinem Smartphone, von sich und seinen Kameraden. Serhii Krynitskyi und zwei weitere ukrainische Soldaten hatten in einem Erdloch nahe der Stadt Tschassiw Jar im Osten der Ukraine Stellung bezogen. In einem Krieg mit Drohnen, die meist aus sicherer Entfernung gesteuert werden, geraten die Männer an der Front oft in Vergessenheit. Jetzt wurden die Videos von Krynitskyi öffentlich, und sie zeigen eine erschütternde Realität vom Leben dort, wo sich die gegnerischen Einheiten noch direkt gegenüberstehen.
Der 42 Jahre alte Soldat lebte die meisten der 346 Tage an der Front in einer kleinen Erdhöhle, drei mal vier Meter gross. Von dort aus schoss er auf russische Soldaten. 23 von ihnen will er getötet haben, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, die sich seine 22 Video-Tagebucheinträge angeschaut hat.
Darin schildert er auch, wie sich die russische Taktik verändert hat. Statt viele Soldaten loszuschicken, sind es Gruppen aus zwei bis drei Soldaten, die dem Ukrainer und seinem Kameraden oft bis zu 20 Meter nahekamen. Er zeigte Aufnahmen von getöteten Soldaten. «Narren», sagt er im Video, «sie kamen an einen Ort, an den sie nicht gehören.»
Zigaretten von getöteten Soldaten
Krynitskyi ist einer von vielen Soldaten, die aus einem bürgerlichen Beruf kommen und ihrem Vaterland dienen. Er arbeitete auf Baustellen und in der Landwirtschaft, versuchte sich als Kaninchenzüchter, berichtet Reuters. 2024 wurde er dann rekrutiert und nach kurzem Training der 24. Mechanisierten Brigade zugeordnet.
Im April 2025 gruben er und zwei weitere Soldaten sich dann in einem ehemaligen Fuchsbau ein. Um sie tobte der Krieg. Krynitskyi scherzte in einem Video, dass er sich nicht sicher sei, ob sie sich einen Unterstand gebaut oder ihr Grab angelegt hätten.
Immer wieder schlugen Drohnen ein, berichtet er. Sie mussten danach das Loch wieder neu befestigen. Einer der drei Kämpfer wurde dabei schon recht früh getötet. Krynitskyi und sein verbliebener Kamerad kämpften aber auch gegen die Elemente. Sie dichteten Löcher ab, um den eisigen Luftzug abzuhalten. Wache am Ausgang konnten sie nur je zwei Stunden halten, dann wurde es zu kalt. Auf Nachschub, der per Drohne kam, mussten sie manchmal tagelang warten. Um sein Handy zu laden, baute der Soldat die Batterien aus russischen Drohnen aus, die er abschoss oder die abgestürzt waren. Zigaretten nahm er sich von den getöteten russischen Soldaten, auch Waffen. In einem Video zeigt er 13 Gewehre und Pistolen.
Im März 2026 hörte er dann eine Explosion ausserhalb seiner kleinen Höhle. Er stürmte hinaus in die frische Frühlingsluft und fand seinen Kameraden am Boden liegend, der bei einem Drohnenangriff am Bein getroffen worden war. Krynitskyi schleppte ihn zurück in den Unterstand und riss verzweifelt seine dicke Baumwollhose auf, um die Wunde zu finden, berichtet Reuters. Er legte noch einen Druckverband an, aber es war zu spät. Er war jetzt alleine im Erdloch.
«Held der Ukraine»
Nachdem er sich per Funk beim Kommando gemeldet hatte, erhielt Krynitskyi den Befehl, die Stellung aufzugeben, da die Russen vorrückten. In dieser Nacht kroch er ein letztes Mal aus dem Unterstand, um sich einigen Kameraden anzuschliessen, die sich in der Nähe verschanzt hatten und dort noch fast drei weitere Wochen ausharrten.
Dann folgte ein gefährlicher Marsch in die 25 Kilometer entfernte Sicherheit. Im Mai verlieh Präsident Wolodymyr Selenskyj Krynitskyi für seine persönliche Tapferkeit die Medaille «Held der Ukraine». Er ruhte sich zu Hause in Kramatorsk aus, sprach mit Schülern über seine Erlebnisse. Aber der Krieg ist noch nicht zu Ende, auch nicht für den 42-Jährigen. Er hat sich bei seiner Brigade zurückgemeldet.

