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Los Angeles will ehemaligen Reality-TV-Star als neuen Bürgermeister
Es ist ein etwas zu vertrautes Szenario. Eine TV-Persönlichkeit mit extravagantem Stil, deren politische Ambitionen ein Schmunzeln hervorrufen, aber zunächst wirklich ernst genommen werden. Und doch hat es der zunächst nur als unterhaltsamer Aussenseiter geltende Spencer Pratt geschafft, in den Umfragen aufzusteigen. Seine Kampagne erweist sich dank viraler KI-Videos und beeindruckender Spenden als grosser Erfolg: Er könnte sich womöglich einen Platz als ernstzunehmender Kandidat für die Bürgermeisterwahl von Los Angeles im kommenden November sichern.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
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Hierzulande mag der Name (noch) wenigen Personen geläufig sein. In den USA sieht das aber anders aus. Vor allem Amerikanern, die in den 2000er-Jahren MTV schauten, ist Pratt (viel zu) vertraut.
Der einst blonde Jüngling mit runden Wangen und kindlichem Blick gilt als der erste «echte» Bösewicht in der Geschichte des Reality-TV. Ein schroffer, unerträglicher Typ, der gerne lästert und zeitweise als der «meistgehasste Mann Amerikas» bezeichnet wurde. Ein Titel, den er noch heute mit Stolz trägt.
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Mehr als die Politik reizt Spencer Pratt von Anfang an das Showbusiness. Er wächst in Südkalifornien auf, umgeben von Kindern von Prominenten. Früh von dem Drang nach Ruhm getrieben erkennt der junge Spencer 2005 nach der Universität das Potenzial des neuen Reality-TV-Genres und stürzt sich in die Shows, die Geschichte schreiben sollten, wie «The Simple Life» mit Paris Hilton (seiner «allerersten berühmten Freundin», wie er 2024 erklärt) und «The Kardashians» (die er, ebenfalls laut eigener Aussage, inspiriert haben soll).
Nach seinem ersten Hollywood-Vertrag tritt Spencer Pratt der Serie «The Hills» bei, die eine Gruppe junger, attraktiver Menschen in ihren Zwanzigern auf der Suche nach Sinn und Liebe begleitet. Dort spielt er den mürrischen Freund von Heidi Montag – dem lebendigen Klischee der geldgierigen, dummen Blondine –, die selber in die TV-Geschichte eingehen wird, unter anderem, weil sie sich im Jahr 2009 an einem einzigen Tag zehn (!) Schönheitsoperationen unterziehen lässt.
«Speidi», wie das damals wohl bekannteste Paar Amerikas genannt wird, ist 20 Jahre nach seinem TV-Debüt weiterhin zusammen – immer noch exzentrisch und genauso glanzgierig.
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Ihre Zeit vertrieben sich die beiden unter anderem mit Spencers Online-Shop für Heilkristalle und Heidis gescheiterter Musikkarriere. Zudem traten die Pratts in weiteren Shows wie «Celebrity Big Brother» auf und bekamen zwei Kinder.
Ein Drama als Auslöser der Wahlkampagne
Kurzum: Nichts deutete darauf hin, dass dieser schrille Charakter eines Tages ein politisches Amt anstreben würde. Und noch weniger, dass er – zur allgemeinen Überraschung – tatsächlich auf ein gutes Resultat bei den Wahlen im November erreichen könnte.
Tatsächlich hatte Spencer Pratt keinerlei politische Ambitionen bis zu jener Nacht am 7. Januar 2025, als Brände in Los Angeles das wohlhabende Viertel Pacific Palisades vollständig zerstörten – inklusive seines Hauses und dem seiner Eltern.
Seitdem ist Pratt wütend. Vom 10-Meter-Airstream-Wohnwagen auf seinem Grundstück oder einem Luxushotel in Bel-Air aus startet er eine aggressive Guerilla-Kampagne gegen die Stadtbehörden – ein «inaktives» demokratisches Establishment, das für ihn verantwortlich ist für die Brände von 2025. Weiter kritisiert er zunehmende Obdachlosigkeit, Drogenmissbrauch und Kriminalität in Los Angeles.
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Sein Kampagnenstil spiegelt die Figur wider, die er im TV geschaffen hat: laut, provokant, oft grob. Die Ähnlichkeiten sind so gross, dass sein Sprecher Gerüchte dementieren muss, es werde eine Show produziert, falls Pratt siegreich sein sollte.
In viralen KI-generierten Videos auf X, TikTok und Instagram inszeniert sich Spencer Pratt als Batman, der eine von Drogen und Kriminalität geprägte Stadt rettet. Mit Schlagzeilen und Beschimpfungen demütigt er seine Gegner – darunter die amtierende Bürgermeisterin Karen Bass, Demokraten, Bürokraten und die «Fentanyl-Zombies», wie er Drogenabhängige nennt.
Spencer Pratt’s LA mayor ads are incredible. pic.twitter.com/uEge9Q9yyH
— Clay Travis (@ClayTravis) May 5, 2026
Eine tatsächlich wirkungsvolle Methode in einem Staat, der Politiker wie Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger hervorgebracht hat. Was als Social-Media-Kreuzzug gegen die Verwaltung begann, wurde zu einer Kampagne mit grosszügigen Spenden aus beiden Parteien, Unterstützung durch einflussreiche Hollywood-Persönlichkeiten und Medienaufmerksamkeit.
@spencerpratt LA has over 40K drug addicts holding Angelenos hostage. All it takes is one to make moms feel too nervous to let their kids just go be kids and explore the quiet streets of their beautiful neighborhood. ENOUGH. We are done being held hostage in our own homes. Vote PRATT today!
♬ original sound - Spencer Pratt
Zwischen dem 19. April und 16. Mai sammelte der ehemalige Schauspieler und Influencer über 2.7 Millionen Dollar – fast zehnmal so viel wie seine Rivalin Karen Bass in derselben Zeit. Professor Marty Kaplan, Experte für Entertainment, Medien und Gesellschaft an der University of Southern California, bringt es gegenüber der BBC auf den Punkt:
Ein Trump 2.0?
Das Versprechen des Kandidaten, der im schwarzen Hugo-Boss-Anzug und lässigen Vans durch LA zieht: das «goldene Zeitalter von Los Angeles wiedererstehen» zu lassen und die Stadt wieder «kameratauglich» («camera ready») zu machen. Ein Slogan, der Donald Trumps «Make America Great Again» (MAGA) in nichts nachsteht.
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Pratt seinerseits übernimmt teilweise die Ideen des Präsidenten, wie etwa alle obdachlosen Drogenabhängigen in einem Bundeszentrum am Stadtrand unterzubringen. Ähnlich wie bei Trumps Mauerprojekt an der mexikanischen Grenze verspricht Pratt eine beispiellose Geschwindigkeit bei der Umsetzung, unterstützt von erfahrenen Immobilienentwicklern und «zahlreichen philanthropischen Milliardären».
Donald Trump hat dem unkonventionellen Kandidaten bereits seinen Segen gegeben. «Ich hoffe, er ist erfolgreich», erklärte der US-Präsident Ende Mai vor Journalisten. «Ich nehme an, er unterstützt mich wahrscheinlich. Ich habe gehört, er ist ein grosser MAGA-Anhänger.»
Pratt fegte dieses Lob jedoch schnell vom Tisch, da er in der stark demokratisch geprägten Stadt seine Unabhängigkeit wahren will. Als registrierter Republikaner (er ist ein grosser Befürworter des Waffenrechts) verwischt er geschickt die traditionellen Parteigrenzen. An einem privaten Wahlabend am vergangenen Dienstag fand er Journalisten gegenüber klare Worte:
Spencer Pratt, der sich gern mit Barack Obama vergleicht, verärgert Konservative durch seine Unterstützung von LGBTQI+-Rechten und Latino-Communitys und nicht zuletzt seine Ablehnung von ICE-Agenten. Fast ebenso sehr schockiert er Progressive mit entmenschlichenden Äusserungen über Obdachlose und Drogenabhängige, die er als «Monster» bezeichnet.
Dennoch hat der unberechenbare Neo-Politiker eine der überraschendsten politischen Koalitionen der jüngeren Geschichte von Los Angeles aufgestellt. Jed Weisman, ein lokaler Immobilienmakler und überzeugter Demokrat, erklärt gegenüber «Vanity Fair»:
Heute behauptet Pratt in den Medien, er habe sich «besänftigt», um seine Glaubwürdigkeit als möglicher Bürgermeister zu stärken – im Kern bleibt er jedoch so exzentrisch wie eh und je. Weiterhin fasziniert von Kristallen und geprägt vom für LA typischen mystischen Christentum, bezeichnet er sich als Anhänger eines «Jesus im Multiversum».
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So soll er nach seiner TV-Debatte mit Karen Bass vor drei Wochen eine göttliche Offenbarung erlebt haben:
Ob seine Prophezeiung nun wahr wird oder nicht, Pratts Kampagne wird wohl als eine der unkonventionellsten in die Annalen eingehen. Mit dem quasi gesicherten Einzug in die Stichwahl wird er wohl bis zur eigentlichen Wahl am 3. November gegen die amtierende demokratische Bürgermeisterin nicht zur Ruhe kommen. Für den Ruhm-Fanatiker ist das zumindest ein kleiner Sieg.
