Frohe Kunde für die Katholiken: Zahl der Mitglieder wächst – nur nicht bei uns
Aus Schweizer Perspektive ist die katholische Kirche arg unter Druck, die Zahlen rasseln in den Keller. 1970 waren ca. 49 Prozent der Bevölkerung katholisch, 2000 42 Prozent, 2023 hochgerechnet nur noch 31 Prozent. Die Austritte stiegen kontinuierlich an. Parallel dazu wuchs die Zahl der Religionslosen auf rund 34 Prozent.
Eine Trendwende ist bei uns nicht in Sicht. Doch weltweit gesehen erfreut sich die katholische Kirche bester Gesundheit. In den meisten Ländern erlebt sie sogar einen Boom. Ein Trend, den selbst die katholischen Würdenträger von den Pfarreien bis hinauf zur Kurie erstaunt. Was passiert da gerade?
Die katholische Kirche ist in den letzten Jahren um mehr als 100 Millionen Mitglieder auf 2,3 Milliarden gewachsen, schreibt die NZZ. Schneller als alle anderen Glaubensgemeinschaften. Nicht nur in Südamerika, Afrika und Südostasien, sondern auch in den USA und den meisten europäischen Ländern. Sogar in Frankreich, einem der säkularsten Staaten in Europa. Allein in diesem Jahr haben sich laut NZZ bei unserem westlichen Nachbarn fast 14'000 Erwachsene und mehr als 8000 Jugendliche taufen lassen.
Hat da der Heilige Geist seine Finger im Spiel oder gar Gott ein Wunder bewirkt? Oder lässt sich das Phänomen mit nüchternen Argumenten erklären?
Wie so oft liegt der Teufel im Detail. Selbst die Apologeten und katholischen Geistlichen tun sich schwer, das Phänomen zu erklären. Aber sie sind natürlich hoch erfreut. Sicher ist nur, dass nicht nur religiöse Aspekte den Boom auslösten, sondern auch säkulare Belange eine Rolle spielen.
Was sind die Gründe?
Bei diesem Boom scheren aber zwei Länder aus: In Deutschland und der Schweiz hält der Abwärtstrend weiterhin an. Stichhaltige Argumente gibt es auch dafür nicht.
Signifikant ist, dass sich erstaunlich viele junge Leute taufen lassen. In der westlichen Welt sind es besonders solche, die in einer religionsfreien Familie aufgewachsen sind.
Für die von Skandalen geschüttelte katholische Kirche ist dies Balsam. Manche Geistliche sehen sich in ihrer Überzeugung gestärkt, dass die Sehnsucht nach Gott tief in unserer Seele verankert ist. Die jungen Leute würden die geistige und religiöse Verwirrung ihrer Eltern erkennen und dank der Fügung Gottes auf den Pfad der spirituellen Tugend zurückfinden.
Dies scheint mir ein frommer Wunsch zu sein. Nicht einmal die katholischen Geistlichen und Theologen, die den Boom zu ergründen versuchen, schenken diesem Aspekt eine grosse Beachtung. Die NZZ schreibt dazu: «Die Neueintretenden geben als Grund für den Schritt zum Glauben die Sehnsucht nach festen Werten an. Nach einem Halt im Leben, einem moralischen Kompass.»
Auch metaphysische Aspekte spielen eine Rolle. In unserer aus den Fugen geratenen Welt sorgen sich viele um ihre Zukunft und stellen sich Fragen nach der Transzendenz und dem Jenseits. Da liegt es nahe, sich mit dem religiösen Glauben auseinanderzusetzen.
Man lehnt sich wohl nicht weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass vor allem soziale, ökonomische und politische Umstände den Boom der katholischen Kirche befeuern. Die wachsende Vereinsamung fördert das Bedürfnis nach gemeinschaftlichen Strukturen. Ausserdem sind auf den sozialen Medien attraktive weibliche und männliche Influencer unterwegs, die auf «coole Weise» von ihren euphorisierenden religiösen Erlebnissen berichten, die ihrem Leben einen Sinn vermitteln. Dabei geben sie oft vor, einen direkten Draht zu Jesus gefunden zu haben.
Kommt hinzu, dass Jugendliche, die in einem religionsfernen Elternhaus aufgewachsen sind, eine religiöse Neugier entwickeln. Manche empfinden es als ein geistiges Abenteuer, Kirchenluft zu schnuppern. Sie haben weniger Berührungsängste.
Ausserdem dürfte das Interesse an Glaubensfragen mit dem aktuellen Zeitgeist zusammenhängen. Viele junge Leute sind heute konservativ und pflegen wieder Rollenbilder, die an frühere Zeiten erinnern. Dadurch empfinden sie die katholische Kirche nicht mehr so anachronistisch wie ihre Eltern, was eine Annäherung erleichtert.
Sicherheit und Halt
Ein weiterer Grund, sich für die katholische Kirche zu interessieren, dürften die düsteren Zukunftsaussichten sein. Diktatoren und Autokraten treten Moral, Ethik und Menschenrechte mit Füssen, das Wertesystem gerät aus den Fugen. Da bietet die Kirche klare Leitlinien, die Sicherheit und Halt versprechen.
Symbol für die Unsicherheit sind die Kriege in der Ukraine, im Iran und und teilweise im Libanon, die sich zu globalen Konflikten ausweiten können. Auch die Regierungen in Peking (Taiwan-Konflikt) und den USA (Annexion von Grönland, Venezuela und Kuba) drohen die Welt in ein Chaos zu stürzen. Hinzu kommt, dass die Weltwirtschaft – unter anderem wegen Trump – aus den Fugen zu geraten droht und den Wohlstand gefährdet. Da bietet sich die katholische Kirche für verunsicherte junge Leute als moralischer Fels in der Brandung an.
Auch die weltweit zu beobachtende politische Wende spielt eine Rolle. In den USA ist beispielsweise die Verschmelzung von rechtsradikaler, populistischer Politik mit rechtsnationalem Christentum im Trend. Man denke nur an den ermordeten Charlie Kirk, der mit seinen Aktionen an Schulen und Universitäten Tausende von Studentinnen und Studenten begeistern konnte. Seine Bewegung «Turning Point» verbrüderte sich mit der MAGA-Bewegung von Donald Trump.
Es wird sich weisen, ob der religiöse Boom bei den jungen Leuten anhält. Viele gehören zur verwöhnten Generation, die sich rasch für einen neuen Trend begeistern lassen, wenn sich ihre Wünsche und Hoffnungen nicht erfüllen. Ob sie eine patriarchale Kirche, deren Atmosphäre von mehrheitlich älteren Pfarrern geprägt wird, langfristig attraktiv finden, muss sich weisen.
Fazit: Lebensstil, Ansprüche und Erwartungen vieler junger Leute passen schlecht zum Weltbild und den Dogmen der katholischen Kirche. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass der aktuelle Boom ein kurzlebiger Modetrend ist.
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