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Syrien: Alawitische Frauen berichten von Entführung und Vergewaltigung

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Syrien Latakia Alawiten
Foto: Alessandro Cimma via Schweiz heute
Eine Frau in Latakia kehrt vom Gebet an den Gräbern ihrer von Jihadisten getöteten Kinder zurück.Bild: Alessandro Cimma

Syrien: Alawitische Frauen berichten von Entführung und Vergewaltigung

Massaker, Verschleppungen, sexuelle Gewalt: Seit dem Sturz von Diktator Assad gehen regierungsnahe Milizen brutal gegen die religiöse Minderheit der Alawiten vor. Besonders betroffen sind Frauen.
27.09.2026, 15:3127.09.2026, 15:31
Luca Steinmann, Latakia (Syrien) / ch media

Während Rana an einem versteckten Ort sitzt und erzählt, was sie erlebt hat, lässt ihr Gesicht kaum erkennen, was in ihr vorgeht. Ihre leicht geschminkten Augen sind stets auf einen unbestimmten Punkt am Boden gerichtet. Sie bemüht sich, sich an die Einzelheiten ihrer Entführung, Vergewaltigung und monatelangen Gefangenschaft zu erinnern.

Sie hat ein mädchenhaftes Gesicht, helle Haut, offenes dunkles Haar und eine zierliche Gestalt. Sie wirkt jünger als ihre 26 Jahre – umso mehr, wenn man bedenkt, dass sie Mutter eines kleinen Kindes ist. 25 war sie, als ihr Peiniger sie in seine Gewalt brachte.

«Er kam fast jeden Tag in den Laden, den ich mit meinem Mann hatte», erzählt sie mit kaum hörbarer Stimme. «Er sagte, er sei gerade aus Deutschland zurückgekehrt, wohin er geflohen war, und arbeite für die neue syrische Regierung.»

«Von überall her hörte ich die Schreie von Frauen und Männern.»
Rana, 26 Jahre alt

«Eines Tages, als ich allein durch eine belebte Gegend ging, sprang er plötzlich aus einem Auto, richtete eine Pistole auf mich, zerrte mich mit Gewalt in den Wagen und legte mir ein Tuch über das Gesicht, woraufhin ich das Bewusstsein verlor. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem dunklen Raum mit abgeblätterten Wänden, einem Betonboden und einer Matratze. Von überall her hörte ich die Schreie von Frauen und Männern. Viele riefen: «Allah u Akbar». Einmal am Tag brachte mir ein maskierter Mann durch die Tür etwas Wasser und ein wenig zu essen. Wenn ich ihn flehentlich um Erklärungen bat, schrie er: ‹Halt den Mund, du dreckige Alawitin!›»

Gezielte Jagd auf die alawitische Minderheit

Rana ist eine von vielen syrischen Frauen, die seit dem Zusammenbruch des Assad-Regimes im Dezember 2024 berichten, entführt und zu Sexsklavinnen gemacht worden zu sein. Seither prangern zahlreiche Menschenrechtsorganisationen systematische Verschleppungen an, insbesondere von Frauen aus der alawitischen Gemeinschaft. Hinzu kamen weitverbreitete Diskriminierung und Gewalt gegen Alawiten: Massaker, Verhaftungen, Massenentlassungen, Enteignungen.

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Foto: Alessandro Cimma via Schweiz heute
Eine Mutter in Latakia zeigt die Spuren des Feuers, das die Miliz in jenem Zimmer gelegt hat, in dem ihre Kinder getötet wurden.Bild: Alessandro Cimma

Die Alawiten sind eine alte religiöse Gemeinschaft, der etwa zehn Prozent der syrischen Bevölkerung angehören. Sie leben vor allem in den Hügeln entlang der Mittelmeerküste, in den Provinzen Tartus und Latakia. Assad gehörte dieser Religionsgemeinschaft an. Sein Regime gewährte ihr Schutz und förderte zugleich den Zugang der Alawiten zum öffentlichen Dienst und zu den Streitkräften.

Während des Bürgerkriegs kämpften viele Alawiten gegen die dschihadistischen Milizen, die sich Assad entgegenstellten. Heute ist er geflohen, während sie zurückgeblieben sind. Viele von ihnen berichten, Opfer von Vergeltungsmassnahmen und Racheakten jener Kräfte geworden zu sein, gegen die sie einst kämpften und die heute Teil der Streitkräfte der neuen Regierung sind.

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Grafik: stb
Hochburgen der Alawiten in Syrien.Grafik: stb

Der blutigste Wendepunkt kam im März 2025, vier Monate nach der Flucht Assads. Ein Aufstandsversuch ehemaliger alawitischer Kämpfer an der Küste, die sich der Kontrolle der neuen Regierung in Damaskus entziehen wollten, wurde gewaltsam niedergeschlagen. Milizen verübten dabei Massaker an alawitischen Zivilisten (watson berichtete).

Die Kugel traf sie mitten ins Gesicht

«Sie zogen von Haus zu Haus und riefen zum Dschihad gegen die Alawiten auf», erzählt Lama, eine 50-jährige Frau aus einem Dorf in der Nähe von Latakia. Ihr Gesicht ist von der Schusswunde gezeichnet, die ihr damals zugefügt wurde. Die Kugel traf sie mitten ins Gesicht.

«Als sie bei uns zu Hause ankamen, fragten sie uns, ob wir Alawiten seien. Als wir das bejahten, begannen sie, uns zu beschimpfen. Dann zerrten sie die Männer fort, auch wenn keiner von ihnen ein Kämpfer war: meinen Mann, meinen Schwager, dessen Sohn und meinen 17-jährigen Sohn.» Sie erinnert sich:

«Sie brachten sie vor die Haustür und erschossen sie einen nach dem anderen.»
Lama, 50 Jahre alt

Lama erzählt, dass die Männer anschliessend auch ihr ins Gesicht schossen und schliesslich, um sie zu töten, in die Brust. Die Kugel durchschlug ihre linke Brust und verschonte sie auf unglaubliche Weise.

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Lama aus einem kleinen Dorf nahe Latakia – gezeichnet von einer AK-47-Kugel.Bild: Alessandro Cimma

Nach Angaben einer unabhängigen internationalen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen wurden in dieser Zeit 1476 Menschen getötet, fast alle davon Zivilisten.

Heute leben viele Alawiten entlang der Küste in Angst. Sie berichten, dass diese Angst durch das systematische Verschwinden von Frauen aus ihren Reihen noch verstärkt wird, die nach ihrer Verschleppung oft sexueller Gewalt ausgesetzt sind.

«Die Behörden dulden, dass Männer aus den eigenen Reihen sexuelle Gewalt gegen alawitische Frauen ausüben, um die gesamte Gemeinschaft zu demütigen und zu zerstören», sagt Taimaa Eissa, eine Menschenrechtsaktivistin, die unter Assad inhaftiert war. «Die vergewaltigten Frauen fühlen sich gedemütigt und sind aus Scham gezwungen, zu schweigen und die Unterwerfung hinzunehmen. Auf diese Weise trifft die Gewalt gegen sie letztlich alle Alawiten und zwingt die gesamte Gemeinschaft in die Knie.»

Anlaufstellen für Opfer von sexueller Gewalt

Sexuelle Übergriffe können in den unterschiedlichsten Kontexten stattfinden. Hilfe im Verdachtsfall oder bei erlebter sexueller Gewalt bieten etwa die kantonalen Opferhilfestellen oder die Frauenberatung Sexuelle Gewalt. Die Opferhilfe ist auch über die nationale Nummer 142 erreichbar. Für Jugendliche oder in der Kindheit sexuell ausgebeutete Erwachsene gibt es in Zürich die Stelle Castagna. Betroffene Männer können sich an das Männerbüro Zürich wenden. Wenn du dich sexuell zu Kindern hingezogen fühlst oder jemanden kennst, der diese Neigung hat, kann dir diese Stelle weiterhelfen.

Die Regierung bestreitet, dass es Entführungen und Verschleppungen gebe. Sie erklärt, ein grosser Teil der vermissten Frauen sei aus freien Stücken mit Liebhabern davongelaufen.

«Die Frauen werden gewaltsam verschleppt»

ANAT, eine schwedische Nichtregierungsorganisation, die sich in Syrien für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt, widerspricht dem. Sie hat seit dem Sturz des Regimes 146 Fälle verschwundener Frauen dokumentiert, fast alle von ihnen Alawitinnen. 87 kehrten nach Hause zurück. Viele berichteten, körperliche Gewalt erlitten und zu Sexsklavinnen gemacht worden zu sein.

Curfew imposed in Latakia, Syria LATAKIA, SYRIA DECEMBER 30: Syrian security forces patrol streets in Latakia after a citywide curfew was imposed, remaining in effect until 06:00 on Wednesday, in Lata ...
Richteten in Latakia und anderen Orten Massaker an Alawiten an: Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte des neuen syrischen Regimes.Bild: imago/Anadolu Sevket Akca

«Die Frauen werden gewaltsam verschleppt», erzählt Tarek Eissa weiter, ein Menschenrechtsaktivist, der in der Vergangenheit von Assad verhaftet worden war. «Während ihrer Gefangenschaft erleben sie in 70 Prozent der Fälle sexuelle Gewalt. Manchmal geht diese von einem einzigen Täter aus, in anderen Fällen werden die Frauen zu Sexsklavinnen einer Gruppe. Wir können nicht nachweisen, dass hinter all dem eine einzige zentrale Steuerung steht. Wir stellen jedoch fest, dass es fast immer nutzlos ist, Anzeige zu erstatten. Die Behörden unternehmen nichts, weil sie bei Ermittlungen gegen die eigenen Streitkräfte vorgehen müssten und weil auch in ihren Reihen der Hass auf die Alawiten weitverbreitet ist.»

Ranas Schilderung macht deutlich, wie sexuelle Gewalt als Methode eingesetzt wurde und welchem Druck die Behörden sie aussetzen.

«In diesem dunklen Raum hatte ich längst jedes Zeitgefühl verloren», erzählt sie. Ihr Blick bleibt gesenkt und unverändert, während sie sich daran erinnert, wie ihr Entführer eines Tages den Raum betrat, sie vergewaltigte und ihr anschliessend sagte, sie müsse sich von nun an damit abfinden, ihm zu gehören.

Dann ging er, offenbar überzeugt, dass er sie durch die Vergewaltigung endgültig an sich gebunden hatte. Er liess sein Telefon zurück. Mit diesem schickte Rana umgehend ihren Standort an ihre Familie.

Nachdem ihr Aufenthaltsort bekannt geworden war, starteten humanitäre Organisationen eine internationale Druckkampagne gegen die Regierung. Am nächsten Tag liess diese Rana frei und nahm ihren Entführer fest.

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Das Viertel Mezzeh, das vor allem von der alawitischen Gemeinschaft von Damaskus bewohnt wird.Bild: Alessandro Cimma

Doch die Geschichte war damit nicht zu Ende. Rana berichtet, dass die Behörden sie noch fast einen weiteren Monat unter unmenschlichen Bedingungen im Gefängnis festhielten. Sie beschuldigten sie des Ehebruchs und verlangten von ihr, sich filmen zu lassen, während sie erklärte, freiwillig weggelaufen zu sein, um sich zum «wahren Islam» zu bekehren.

Ihr Peiniger wurde bereits kurze Zeit später freigelassen. Sie selbst konnte erst zwei Monate nach ihrer Entführung zu ihrer Familie zurückkehren.

Heute lebt Rana aus Angst fern von ihrem Zuhause und versteckt. Sie berichtet, dass sie eine Zusammenarbeit der Behörden mit ihrem Entführer befürchtet und niemanden habe, der sie beschützt.

Es ist eine Angst, die alle Alawiten verbindet – eine Gemeinschaft, die in Schrecken lebt: aus Furcht vor neuen Massakern, weiteren Entführungen, Vergewaltigungen, Zwangskonversionen, Armut und einem Leben, das von Diskriminierung geprägt ist. (schweizheute.ch)

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Die Schlagzeilen von getöteten oder schwer verletzten Frauen überhäufen sich in den vergangenen Monaten. Der Messerangriff in Brittnau (AG) Anfang Juli, die Bluttat in Egerkingen (SO) Mitte Juni oder die Tötung in Martigny (VS) sind nur einige Beispiele.Die Menge an versuchten und vollendeten Tötungen von Frauen in der Schweiz nimmt zu, sei es noch zu früh, um daraus eine generelle Richtung abzuleiten, sagt Nora Markwalder, Strafrechtsprofessorin an der Universität St. Gallen gegenüber der NZZ.

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