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Parisians ride bicycles and scooters during transport strike in Paris, Wednesday, Dec. 11, 2019. After hundreds of thousands of angry protesters marched through French cities, the prime minister is expected to unveil proposals that might calm tensions on the 7th straight day of a crippling transport strike.(AP Photo/Francois Mori)

Wegen den geschlossenen Metro-Stationen steigen viele Pariser auf ein Zweirad um. Bild: AP

Jetzt müssen die Franzosen Velo fahren: 5 Punkte zur Streik-Lage in Frankreich

Emmanuel Macron will den Kurs der Rentenpläne halten – und Frankreich droht wegen den Streiks ein weihnachtliches Verkehrschaos. Gleichzeitig sind erste Polizisten wegen Gewalt gegen «Gelbwesten» verurteilt worden. Die neusten Entwicklungen im Überblick.



Die aktuelle Lage

Die Streikrate ist nach zwei Wochen Mobilisierung zwar rückläufig, doch abgeflaut ist die Bewegung gegen die Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron noch lange nicht: In Paris herrschte in den vergangenen Tagen abermals Gedränge auf den Perrons und in den wenigen fahrenden Zügen. Zahlreiche Stationen blieben komplett geschlossen.

Laut Journalisten der Nachrichtenagentur SDA ist die Stimmung in der Stadt aggressiv, die Lage auf den Strassen angespannt. Auto-, Rad- und Rollerfahrer kämpfen um den Platz auf den Strassen, es gibt massive Staus. Zahlreiche sonst gut besuchte Pariser Restaurants sind abends fast menschenleer.

Am Dienstag haben Aktivisten landesweit für Stromausfälle gesorgt, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen und gegen die Reform zu protestieren. Laut «l'Express» waren mehrere tausend Haushalte betroffen.

Streiken ist in Frankreich schon fast ein Kulturgut. Warum das so ist, erfährst du hier:

Das Verkehrschaos

Wer über die Festtage eine Reise ins Nachbarland plant, sei gewarnt: An Heiligabend droht Frankreich ein Chaos auf den Strassen. Die französische Bahn streicht den Grossteil ihrer Verbindungen. Am 23. und 24. Dezember fallen sechs von zehn TGV-Schnellzügen sowie Intercity-Zügen aus. Das heisst: Nur jeder zweite Kunde mit einem Ticket kann befördert werden. TGV-Reisende können sich auf der Webseite der SNCF darüber informieren, welche Züge genau fahren.

Die SNCF erklärt, rund die Hälfte der rund 400'000 Kunden mit einem Billett für die beiden Tage müsse auf ein anderes Datum umbuchen. Die andere Hälfte könne zwar befördert werden, aber einige nur zu anderen Uhrzeiten als gebucht. Zuvor hatte die Regierung versprochen, die Bahn werde an den Feiertagen für jeden Passagier eine Lösung finden.

Darum geht es bei der Rentenreform

Die Regierung will Frankreichs kompliziertes Rentensystem reformieren und die Privilegien für bestimmte Berufsgruppen abschaffen. Macron hofft damit die ständig steigenden Kosten in den Griff zu bekommen.

Es gibt in Frankreich 42 verschiedene Rentensysteme für verschiedene Berufsgruppen, darunter auch die sogenannten «régimes spéciaux» mit speziellen Privilegien für Staatsangestellte.

Angestellte der RATP konnten zum Beispiel bisher teilweise ab 52 Jahren in Ruhestand gehen. Einiges früher als Beschäftigte in der Privatwirtschaft, die sich erst mit durchschnittlich 63 pensionieren lassen. Die Eisenbahner der SNCF ihrerseits beziehen in der Regel monatlich fast 1000 Euro mehr Rente als der Durchschnitt.

Details zur umstrittenen Rentenreform und den «régimes spéciaux» gibt es hier:

Neue Verhandlungen im Januar

Die Fronten im Rentenstreit bleiben verhärtet. Die Verhandlungen zwischen Premierminister Edouard Philippe und den Gewerkschaften brachten am Donnerstag keinen Durchbruch und wurden auf Anfang Januar vertagt.

Philippe hatte zahlreiche Gewerkschaftsvertreter zu einem gemeinsamen Treffen empfangen, um einen Kompromiss zu finden. Nach dem Gespräch verteidigte er die Rentenpläne, deutete aber weitere Zugeständnisse an – die Gewerkschaften sind damit aber nicht zufrieden.

Es habe viele Versprechungen gegeben, aber nichts Konkretes, kritisieren sie. Der nächste grosse Protesttag ist nun bereits geplant: Am 9. Januar sollen wieder zahlreiche Berufsgruppen auf die Strasse. Dies kündigte der Chef der Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez, an. Gemässigtere Gewerkschaftsbunde zeigten sich allerdings offen für weitere Gespräche und riefen zu einem vorübergehenden Waffenstillstand auf.

Polizisten wegen Gewalt an «Gelbwesten» verurteilt

Während die Streiks gegen die Rentenreform im Gange sind, hat die vor einem Jahr gestartete Protestwelle der «Gilets Jaunes» erstmals juristische Konsequenzen für Polizisten.

Ein Pariser Gericht verurteilte am Donnerstag zwei Beamte: Einer hatte an einer Kundgebung vom 1. Mai 2019 einen Stein in Richtung der Demonstranten geworfen, der andere am selben Tag ein «Gilet Jaune» geohrfeigt.

In dem Prozess sagte der erste Polizist aus, er habe den Stein «aus Angst» vor den Krawallen geworfen. Er wurde nun zu zwei Monate auf Bewährung verurteilt. Dem zweiten Beamten hat das Gericht ebenfalls eine Bewährungsstrafe und eine Geldstrafe von 1000 Euro auferlegt.

Die «Gelbwesten» werfen der Polizei seit Beginn der landesweiten Proteste im November 2018 massive Gewalt vor. Die Polizei führt interne Untersuchungen zu etwa zwei Dutzend Fällen.

Für die Einsätze bei den Protesten hat die Regierung auch den Einsatz von Gummimunition erlaubt, die in weiten Teilen der EU verboten ist. Nach unabhängigen Zählungen erlitten dadurch hunderte Menschen Kopfverletzungen, mehr als 20 Personen verloren ein Auge.

Mit Material der SDA.

Letztes Jahr eskalierten in Frankreich die Massenproteste der Gelbwesten

Die Forderungen der Gelbwesten

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Sir Konterbier 21.12.2019 02:19
    Highlight Highlight Dass man mit 52 bei den Staatsbahnen pensioniert wird, ergab damals sinn, als man bis zu diesem Zeitpunkt in der Lokomotive Kohle geschaufelt hat und dementsprechend mit 52 „verbrannt“ war. Heute ist diese Regel nur noch ein Relikt aus dieser Zeit und gehört abgeschafft. Die Mehrheit der Franzosen sieht das (anscheinend) anders und so werden es vermutlich die künftigen Generationen bezahlen...
    • Astrogator 21.12.2019 07:43
      Highlight Highlight Bin Lokführer und verstehe das auch nicht. Klar ist Schichtdienst anstrengend. Und als Lokführer ist man auch körperlich mehr gefordert als viele denken. Wir müssen die Züge in den Abstellfeldern holen und sie hinstellen. Das ergibt Touren da kommen regelmässig 10 km Fussweg zusammen, mein Rekord liegt bei 16 km wenn man ständig zwischen HB und Altstetten unterwegs ist. Aber durch letzteres bleibt man fit und wegen des Schichtdienstes haben wir 7 Wochen Ferien wenn es dem Pensionsalter zugeht.

      Aber mit 52 wegen der Belastung in die Pension, das ist nicht nachvollziehbar für mich.
  • Frechsteiner 21.12.2019 02:16
    Highlight Highlight Und es wird noch lange so weiter gehen, bin froh, dass man hier noch arbeitet und miteinander redet
  • PlayaGua 20.12.2019 21:44
    Highlight Highlight Camille, ich werde deine Artikel und besonders die Einblicke in die Westschweiz vermissen.
  • Xonic 20.12.2019 21:22
    Highlight Highlight Viel witziger ist ja, dass der Rest des Landes diese Disparität der Renten anscheinend goutiert. Die spinnen die Franzosen.

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