KI-Texte überschwemmen den Büchermarkt – Verlage schlagen Alarm
Diesen März ging ein Präzedenzfall durch die internationale Verlagswelt: Der überaus erfolgreiche Horror-Roman «Shy Girl» von Mia Ballard wurde kurzerhand in Grossbritannien vom Hachette-Verlag aus den Regalen genommen; der geplante Verkaufsstart in den USA wurde abgebrochen. Was war passiert?
Der Verlag hatte mit der Notbremse auf monatelange Vorwürfe in Internetforen und eine daraus resultierende Recherche der «New York Times» reagiert. Ballard wurde dort vorgeworfen, «Shy Girl» zumindest in Teilen mithilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben zu haben. Sie selbst bestreitet die Vorwürfe; der Herausgeber habe ohne ihr Wissen oder Einverständnis Textstellen abgeändert.
Der Fall Ballard hat die Branche in ihren Grundsäulen erschüttert – es sei nur eine Frage der Zeit, bis andere Verleger mit einem ähnlichen Problem konfrontiert würden, schreibt die «Financial Times» (FT) in einem umfassenden Bericht. Denn die künstliche Intelligenz steckt mittlerweile in fast jedem Buch.
KI praktisch unumgänglich
Madeline McIntosh, Gründerin des unabhängigen Verlagshauses Authors Equity und ehemalige Geschäftsführerin des US-Zweigs von Penguin Random House, findet klare Worte zur Thematik:
Bislang hängt es stark vom Verlag, vom Lektor und vom Agenten ab, in welchem Umfang KI im Schreibprozess eingesetzt werden darf. Der grobe Konsens: Die Nutzung von künstlicher Intelligenz ist zur Unterstützung – also bei der Recherche oder zum Faktencheck – legitim; das effektive Generieren von Text ist jedoch tabu.
Die grosse Schwierigkeit für Verlage liege darin, zu erkennen, ob und in welchem Umfang KI eingesetzt wurde: «Die Grauzone zwischen geschriebenem Wort und KI-Text ist schwer zu definieren. Wir wissen nicht, wie viel wir unbewusst publizieren», sagt ein ungenannter Verleger gegenüber der FT.
Auch Christy Fletcher von UTA Publishing sieht die Schwierigkeit darin. Ihr Verlag werde wöchentlich mit Manuskripten überhäuft, die vermutlich mit Hilfe von KI geschrieben wurden: «Wir müssen es uns angewöhnen, uns selbst zu fragen: ‹Liest sich das, als hätte [KI-Chatbot] Claude das geschrieben?›»
Verträge, Tools und Transparenz
Um das Problem einzudämmen, setzen Verlage auf verschiedene Strategien – allen voran auf den Vertrag.
So verlangt der grosse US-Verlag Pan Macmillan in seinem Standardvertrag von den Autoren eine Garantie, dass ihre Texte ausschliesslich ihre eigenen, originellen und von Menschen verfassten Werke sind. Damit erhofft sich der Verlag auch, den Schutz des Urheberrechts zu gewährleisten. Wenn ein Autor mit KI-Tools experimentieren möchte, sei der Verlag jedoch stets offen, um genauere Richtlinien in einem Gespräch festzulegen, sagt ein Sprecher von Pan Macmillan.
Anders handhabt es beispielsweise der unabhängige Microcosm-Verlag: Er verbietet Autoren, die ihre Werke über ihn publizieren wollen, grundsätzlich die Nutzung von künstlicher Intelligenz – egal, zu welchem Zweck.
Doch ein Vertrag allein kann nicht erkennen, ob doch KI-generierte Texte in einem Manuskript vorliegen. Und mittlerweile können gut überarbeitete KI-Texte auch die erfahrensten Lektoren täuschen. Deshalb setzen viele Verlage nun auf Programme, die erkennen sollen, ob ein Text generiert worden ist.
Die Ergebnisse seien durchzogen, schreibt die FT. Laut einem ungenannten Verlagschef seien die Erkennungstools noch nicht ausgereift genug. Zudem gehe ein Verlag ein grosses Risiko ein, wenn er ein Buch allein auf Basis des Testresultats aus dem Verkauf ziehe.
Somit bleibt wohl das wichtigste Werkzeug im Umgang mit der KI die Transparenz. Madeline McIntosh von Authors Equity sagt dazu, dass es für sie in Ordnung sei, wenn ein Autor KI für die Recherche zu seinem Sachbuch verwendet. Aber:
Der KI-Stil frisst seine Kinder
Die Transparenz kommt dabei nicht nur der Leserschaft und dem Verlag, sondern auch den Autorinnen und Autoren zugute. So berichtet Christy Fletcher von UTA, dass viele Autoren ihrerseits darauf bestehen, dass auch der Verlag auf die Nutzung von KI verzichtet – etwa beim Redigieren oder bei der Illustration des Coverdesigns.
Pan Macmillan erlaubt beispielsweise seinen Herausgebern und Lektoren das Einsetzen von KI-Tools zu bestimmten Zwecken. Sie dürfen etwa lange Manuskripte zusammenfassen oder Details zu Charakteren auflisten lassen. Einen Text bearbeiten dürfen sie nicht mit KI; auch darf die künstliche Intelligenz nicht die Entscheidung fällen, ob man ein Manuskript zur Publikation aufnimmt oder nicht.
Allerdings fürchten Autorinnen und Autoren auch eine andere Facette von künstlicher Intelligenz: ihren bislang noch erkennbaren Schreibstil. So hegen manche die Befürchtung, dass sich vor allem junge Leserinnen und Leser an den perfekt repetitiven Stil KI-generierter Texte gewöhnen, dass sie selbst beginnen, in diesem Stil zu schreiben, auch wenn sie keine KI einsetzen.
Chatbots verdrängen Ratgeber
Die KI nimmt Autorinnen und Autoren nicht nur Arbeit ab – sie lässt auch die Nachfrage nach gewissen Genres sinken. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr sind in Grossbritannien die Verkaufszahlen von Sachbüchern um sechs Prozent gesunken.
Das sei auf viele Ursachen zurückzuführen, schreibt die FT. So trage etwa das Aufkommen von Podcasts und Video-Essays auf YouTube sicher einen Teil dazu bei. Verleger seien sich jedoch einig, dass es einen direkten Zusammenhang zur Popularität von KI-Chatbots gebe.
So würden Leserinnen und Leser auf Bücher in den Bereichen Selbsthilfe, Kochen, Finanzen und Biografien verzichten und stattdessen die jeweiligen Bestseller von Chatbots zusammenfassen lassen. Ein Verleger sagt gegenüber der FT zudem:
Self-Publisher besonders betroffen
Während Verleger ihrerseits damit konfrontiert sind, den Umgang mit KI zu regulieren, läuft die Problematik bei «Self-Published»-Büchern aus dem Ruder, schreibt die FT.
Im vergangenen Jahr wurden in den USA über vier Millionen neue Bücher mit ISBN-Nummern registriert. Nur noch jedes fünfte wurde über einen Verlag publiziert, alle anderen wurden von den Autoren selbst herausgegeben. Viele Self-Publisher würden dank KI-Tools mittlerweile täglich ein Buch generieren und dieses über Plattformen wie Kindle Direct Publishing, das zu Amazon gehört, publizieren.
Auf solchen Plattformen ist die Nutzung von KI wenig bis gar nicht reguliert. So bittet Kindle Direct Publishing Autoren zwar, anzugeben, ob ihre Texte von KI generiert wurden, eine Pflicht dazu besteht jedoch nicht. Amazon weist auf Anfrage der FT darauf hin, dass man stetig Massnahmen ergreife, um gegen Inhalte, die «gegen die Richtlinien verstossen», vorzugehen. Eine solche Massnahme sei etwa, dass Autoren «nur» zehn Bücher pro Woche veröffentlichen dürfen.
«Human Authored»-Label
Die Auswirkungen der KI auf das Verlagswesen bereiten vielen in der Branche Sorgen – dennoch sehen manche auch hoffnungsvoll in die Zukunft. So glauben einige Führungskräfte, dass nach einer anfänglichen Flut von minderwertigen KI-Texten die Nachfrage nach authentischen, von Menschen geschriebenen Büchern wieder ansteigen wird.
Verleger in Grossbritannien und den USA spielen deshalb bereits mit dem Gedanken, ein entsprechendes Label einzuführen. Amerikanische Autorenverbände haben ein solches bereits erschaffen.
Mit dem «Human Authored»-Sticker der amerikanischen Authors Guild können Schriftstellerinnen und Schriftsteller (für eine Gebühr von zehn US-Dollar pro Werk) signalisieren, dass sie künstliche Intelligenz ausschliesslich zur Korrektur von Schreibfehlern oder Ähnlichem eingesetzt haben. Der Verband überprüft dies jedoch nicht – sobald ein zuverlässiges KI-Erkennungsprogramm existiere, werde man allenfalls ein solches einsetzen, heisst es auf der Website.
In jedem Fall ist die KI aus dem modernen Verlagswesen fast nicht mehr wegzudenken. Die Frage ist jetzt, wie sowohl Autoren als auch Verleger mit den neuen Möglichkeiten umgehen. Denn eine latente Befürchtung bleibt trotz Absichten, Verträgen und Labels bestehen, wie ein Herausgeber gegenüber der FT sagt:
(cpf)
