Tost Hawaii und Riz Casimir: Unsere Erinnerungen an Betty Bossi
Mit dem Baby kam auch Betty Bossi
Mit unserem ersten Kind kam auch die Köchin in mir zur Welt. Man kann nicht sagen, dass es eine Zangengeburt war, eher ein Kaiserschnitt: Ich koche seither gut vorbereitet und das Essen ist termingerecht da. Davor assen wir tagsüber meist am Arbeitsort und abends genügten Salat und Brot. Doch mit dem Baby zog auch Betty Bossi bei uns ein. Genug gefordert mit der Entscheidung, ob das Kind Hunger, Schlaf oder die Windel voll hatte, liessen wir Betty über unsere Mahlzeiten und die Posti-Liste entscheiden. Wir begannen mit «Lustvoll vegetarisch», Rezept eins von 70. Als das zweite Kind kam, wechselten wir zu «schnell&einfach». Hundert Rezepte. Und dann wieder von vorne.
Der Kartoffelsalat-Unfall
Bei einer anständigen Schweizer Grillparty gehört es dazu, dass jeder Gast einen selbstgemachten Salat beisteuert. Ich erinnere mich an eine solche Sause in den 1990er-Jahren, die Würste brutzelten auf dem Grill, die Salate warteten am Buffet schön drapiert auf unser Zulangen. Blöd nur, dass gleich zwei Gäste einen Kartoffelsalat mitgebracht hatten. Und dann erst noch den identischen, weil nach Rezept von Betty Bossi zubereitet. Unmengen davon blieben übrig, wir wurden alle dazu genötigt, die Reste in Tupperware nach Hause zu nehmen. Das ist wohl der Grund, warum ich um diese Kochbücher seither einen Bogen mache. Das Risiko, dass jemand das Rezept kennt oder eben, noch schlimmer, denselben Salat zur nächsten Grillparty mitbringt, ist mir einfach zu gross. Sorry, Betty!
Das Auge isst mit
Ringbuch an Ringbuch reihte sich unsere Betty-Bossi-Sammlung auf dem obersten Regal des Küchenschrankes. Stand Besuch an, wurde das eine oder andere Rezeptbuch herausgezogen, darin nach einem genialen Rezept gesucht – und am Schluss meist doch dasselbe gewählt: Filet Wellington. Ein Rindsfilet (800 g), umhüllt mit Brät (200 g) und einer Schicht Rohschinken (80 g) im Blätterteig. Mindestens so wichtig wie die deftige Füllung war jedoch die Dekoration. Mit viel Liebe wurden mit Guezliförmli Herzen aus Blätterteig ausgestochen. Das Auge isst mit! Der Alltag sah natürlich profaner aus: Riz Casimir mit Büchsenananas. Oder Toast Hawaii, ebenfalls mit Büchsenananas. Raffael Schuppisser
Göttliches Gratin
Beim letzten Ausmisten mussten sie dran glauben: «Party und Apéro», «Fleischküche», «Einfach Italienisch» und «Wok-Gerichte» landeten im Brockenhaus. Und doch wird Betty Bossi, mit der ich meine ersten Schritte an Herd und Ofen machte, aus unserem Haushalt niemals verschwinden: Zum einen findet man die meisten Rezepte heute auch online. Vor allem aber kann ich meine Lieblings-Bettys längst auswendig: Partyfilets (bloss den Ketchup nicht vergessen!), Geschnetzeltes mit Saucenzwiebeln (Tipp: mit Gehacktem und Silberzwiebli aus dem Glas probieren) und vor allem das göttliche Gratin Dauphinois. Es sieht unspektakulär aus, hat aber Geling-Garantie: Besser können Kartoffeln gar nicht schmecken! Sermin Faki
Anfängerfehler beim Party-Filet
Das Party-Filet von Betty Bossi ist Kult – und für mich auch legendär, allerdings aus einem eher peinlichen Grund. Beim ersten Mal, mit Gästen im Haus, hatte ich die mit Speck umwickelten Filetmedaillons brav im Ofen gebraten. Dann wollte ich die kalte Sauce aus Rahm, Cognac und Ketchup darübergiessen. Dummerweise war die gute Gratinform von der Glasi Hergiswil glühend heiss: Sie brach entzwei, die Flüssigkeit ergoss sich über Ofentür und Küchenboden. Meine Gäste assen tapfer Party-Filet ohne Sauce und taten so, als sei das völlig normal. Ilona Scherer
Weihnachtsguetzli wie von der Grossmutter
Mailänderli, Brunsli, Chräbeli und Zimtsterne: für die beliebtesten Weihnachtsguetzli bei uns zu Hause und mittlerweile auch bei unserer Familie in London setze ich auf Betty Bossi. Die Rezepte stehen in einer vergilbten und stark in Mitleidenschaft gezogenen Mini-Broschüre, die sicherlich über 60 Jahre auf dem Buckel hat. Das kleine Heft habe ich von meiner Grossmutter geerbt und hüte es wie einen Schatz. Bereits sie verliess sich auf Bettys Ratschläge. Und wenn mir mein Vater heute beim Genuss meiner Guetzli sagt, dass er sich zurück in seine Kindheit versetzt fühlt, bin ich Betty sehr dankbar. Sibylle Egloff Francisco
Was ist amerikanisch am amerikanischen Poulet?
Ich war ein Betty-Bossi-Kind. Meine Mutter kochte nämlich regelmässig nach Rezepten aus den Ringheften und nahm uns mit auf eine Reise um die Welt. Es stand «Jugoslawischer Lammeintopf» auf dem Tisch. Wohl, weil ich Fan des Skifahrers Bojan Krizaj war. Oder «Pouleteintopf amerikanische Art». Doch, was war eigentlich amerikanisch an Pouletschenkeln mit Pilzrahmsauce? Egal, es schmeckte himmlisch. Vom Migros-Kind sagt man, es glaube, die Milch komme aus dem Tetrapack. Und damit zurück zu mir als Betty-Bossi-Kind: Ich glaubte nämlich, dass sie in Amerika das Poulet auch mit Pilzrahmsauce essen. Hätte ja sein können, wir hatten nur Betty Bossi als Anhaltspunkt. Sie schrieb ihre Rezepte schliesslich, bevor McDonald's und Burger King in die Schweiz kamen.
Bei Betty Bossi gehen die Hipster ein und aus
Ich staunte nicht schlecht, als ich beim Umzug am Briefkasten im Nachbarhaus in Basel die Anschrift Betti Bossy las. Vor dem inneren Auge sah ich mich bei einer älteren Frau mit karierter Schürze am Küchentisch sitzen, herrlich duftende Zimtschnecken verzehren und vom Milchkaffee das Schokoladenpulver löffeln. Ein Traum schien in Erfüllung zu gehen. Denn auch ich bin mit Betti Bossy aufgewachsen, habe aus dem Kinderkochbuch die Zopfschweinchen und Mailänderli gebacken. Die Ernüchterung liess nicht lange auf sich warten: Bei Betty Bossi gehen vorwiegend junge Männer mit Dutt und Hornbrillen ein- und aus und rauchen mit Matcha trinkenden Frauen, die in der Vogue posieren könnten, Zigaretten. Das also ist Betty Bossi. Nora Hoffmann Bader
Was sind Ihre Erinnerungen an Betty Bossi? Welches ist Ihr Lieblingsrezept? Schreiben Sie uns Ihre Anekdoten in die Kommentarspalte. (aargauerzeitung.ch)
