Happyend nach «079»-Sexismus-Vorwurf: Lo & Leduc und Funiciello veröffentlichen Song «142»
Im Sommer 2018 passiert viel. Die Schweiz ächzt unter einer extremen Hitzewelle. Aus allen Radios und Boxen dröhnt der Sommerhit «079» von Lo & Leduc. Und in Genf passt eine Gruppe Männer fünf Frauen vor einem Nachtlokal ab und verprügelt sie auf brutalste Weise. Eine Frau verletzen sie dabei so schwer, dass diese zehn Tage im Koma liegt.
In den darauffolgenden Wochen gehen in der ganzen Schweiz Menschen auf die Strasse und demonstrieren gegen Gewalt an Frauen. Auch die damalige Juso-Präsidentin und heutige Berner SP-Nationalrätin Tamara Funiciello.
An einer Demonstration in Bern spricht Funiciello über einen Lautsprecher über die Gewaltpyramide: Gewalt gegen Frauen beginne mit sexistischen Witzen und ende bei Vergewaltigungen und Femiziden. Am Anfang dieser Pyramide sieht Funiciello auch den «sexistischen» Sommerhit «079». Was Funiciello am Song stört: Der Mann im Lied versuche immer wieder, an die Handynummer der Frau zu gelangen – obwohl diese klar Nein gesagt habe.
Es ist nur ein kleiner Nebensatz, doch Funiciello löst damit einen Shitstorm aus. Viele, die «079» gerne hören, fühlen sich direkt angegriffen. Die «Schaffhauser Nachrichten» veröffentlichen in einer Karikatur Funiciellos private Handynummer, woraufhin die damalige Juso-Chefin mit beleidigenden Nachrichten und Drohungen bombardiert wird.
Was viele nicht wissen: «Nach der ganzen Diskussion sind Lo & Leduc und ich miteinander in Kontakt getreten und sind es über all die Jahre geblieben», sagt Funiciello heute zu watson. Und genau deshalb ist nun, acht Jahre nach dem Shitstorm, ein gemeinsames Projekt entstanden.
Für Lo & Leduc bietet sich der Song «aufgrund seiner Bekanntheit als Vehikel» an. Es sei wichtig, dass eine Diskussion über den «zweifellos vorhandenen Sexismus» in unserer Gesellschaft geführt werde. Es wäre ihrer Meinung nach aber schade, wenn man nun bei der Frage stehen bleibe, ob «079» sexistisch sei oder nicht. (cbe)
«142» statt «079»
2020 reichte Funiciello zusammen mit SP-Ständerätin Eva Herzog und FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher eine Motion ein, die den Bundesrat damit beauftragte, ein schweizweites professionelles 24-Stunden-Beratungsangebot für Opfer von Gewalt einzurichten. Sechs Jahre später liefert der Bundesrat dieses Angebot mit einer nationalen Hilfetelefonnummer für Gewaltbetroffene. Ab dem 1. Mai ist sie unter der Nummer 142 erreichbar.
Als feststand, dass der Bundesrat die Hilfetelefonnummer endlich umsetzen wird, kam Funiciello eine Idee: «Wieso nutzen wir den Song ‹079› nicht dazu, um auf die neue Helpline aufmerksam zu machen?», wie sie heute watson erzählt.
Sie habe daraufhin kurzerhand den Kugelschreiber in die Hand genommen und angefangen zu reimen. Sprich: den Refrain von «079» zu «142» umzuformulieren. Den Entwurf schickte sie Lo & Leduc mit der Frage: «Hättet ihr Lust, ‹142› aufzunehmen?» Die Antwort der beiden sei prompt gekommen: «Ja.»
Auf Anfrage von watson schreiben Lorenz Häberli und Luc Oggier, alias Lo & Leduc: «Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen die Telefonnummer 142 gegen geschlechterspezifische, sexualisierte und häusliche Gewalt kennen und brauchen.» Sie wollten ihren Beitrag dazu leisten, die Nummer bekannter zu machen. Und so entstand zusammen mit Tamara Funiciello in kurzer Zeit eine Neufassung des Refrains von «079» inklusive Video für Social Media. «In 15 Minuten hatten wir das Video fertig», sagt Funiciello begeistert.
Die Diskussion von 2018 rund um «079» habe viel ausgelöst, schreiben Lo & Leduc auf Anfrage: «Es ist klar: Wir Männer müssen Verantwortung übernehmen. Das heisst konkret: unser eigenes Verhalten reflektieren, bei Dingen, die nicht in Ordnung sind, intervenieren. Auch wenn es unbequem ist. Und wenn man wie wir eine gewisse mediale Öffentlichkeit hat, muss man Position beziehen. Und genau das ist der Grund, wieso wir zusammen mit Tamara diese Aktion machen.»
Damit nimmt die Geschichte von «079» und Tamara Funiciello ein Happy End. Und Luc Oggier singt: «‹142›, het sie gseit. Die Nummere isch neu, het sie gseit. Würklich neu, het sie gseit.»
Sollten sich Frauen zu Hause nicht mehr sicher fühlen, finden sie in Frauenhäusern eine sichere Unterkunft.
Für Kinder und Jugendliche bietet das Schlupfhuus Zürich Unterkünfte sowie Beratungs- und Hilfsangebote, die auch Betroffene aus anderen Kantonen in Anspruch nehmen können.
Betroffene Männer können sich an die Anlaufstelle Zwüschehalt oder an das Männerbüro Zürich wenden.
Bei Straftaten im Ausland können Schweizer Staatsangehörige die Helpline des EDA kontaktieren: +41 800 24 7 365.
