«Unglaublich perverse Nachrichten» – Reusser spricht vor Rückkehr über Sexismus
Fünf Kilometer vor dem Ziel zieht das Tempo nochmals an, das Feld rückt zusammen, jede Position wird hart verteidigt. Ellenbogen an Ellenbogen schieben sich die Fahrerinnen nach vorn, die typische Hektik eines Massensprints liegt in der Luft. Dann passierte es: «Vor mir legten sich einige nieder. Ich hatte keine Chance und stürzte über andere», erinnert sich Marlen Reusser an den Sturz Anfang Februar bei der UAE-Rundfahrt.
Der Helm ist zersplittert, der Rahmen gebrochen: Die 34-Jährige erlitt Verletzungen an Hand und Schulter, dazu eine grosse Rissquetschwunde am linken Knie. «Mein Körper tat überall weh», erinnert sich Reusser. Dennoch sei sie erleichtert gewesen: «Ich dachte: Das überlebe ich!» Bei den Untersuchungen im Spital habe sie «grosse Freude» gehabt. «Die Ärzte dachten, ich hätte einen an der Waffel. Aber ich war einfach glücklich, dass es nicht schlimmer gekommen war. Ich hatte wirklich grosses Glück.»
«Frauen stürzen wie 80-Jährige»
Weniger Glück hatte Debora Silvestri. Die Italienerin stürzte Ende März bei Mailand-Sanremo in einer Abfahrt über eine Leitplanke mehrere Meter in die Tiefe und blieb regungslos liegen. Sie brach sich dabei fünf Rippen und die Schulter. Erst nach sechs Tagen konnte sie das Spital wieder verlassen.
Elle n'est pas morte. On a tous craint le pire. Cinq fractures des côtes et une microfracture à l'omoplate pour Debora Silvestri. Elle se sent " assez bien " ... pic.twitter.com/yjxVervO1Z
— 🅰ntoine VAYER 📸🖋️ (@festinaboy) March 22, 2026
Mindestens so schmerzhaft sind die Reaktionen. «Frauen stürzen wie 80-Jährige», oder «genau deshalb sollten Frauen in der Küche bleiben» waren noch die harmlosen Kommentare der meist anonymen Maulhelden.
Studien zeigen: Stürze von Frauen werden oft ihrer angeblichen Verletzlichkeit zugeschrieben, während bei Männern eher Rennumstände oder Taktik geltend gemacht werden. Bei Frauen lösen solche Szenen zudem häufiger sexistische Reaktionen aus. Zwar ist das Mitgefühl grösser, doch es kippt schnell ins Paternalistische. Dabei ist Frauenradsport nicht gefährlicher als jener der Männer – die Bedingungen sind genau gleich.
Mailand-Sanremo ist das beste Beispiel. Als Tadej Pogacar wenige Stunden später auf der gleichen Strecke stürzte, wurde das als normaler Rennunfall taxiert. Und dass er danach noch gewann, löste eine Lobhudelei aus.
Marlen Reusser hat damit ihre liebe Mühe. Auch sie habe schon solche Kommentare zu hören bekommen. Sowieso sei Sexismus im Sport ein Problem. Nach ihrem Sieg im Zeitfahren des Giro d'Italia hätte sie wegen des Polsters im Schritt «unglaublich perverse und gschämige Reaktionen» erhalten, erzählt Reusser. Sie frage sich immer, was das für Leute seien.
Grosses Ziel: Sieg bei Tour de France
Allzu sehr ärgern möchte sich Reusser nicht darüber. Viel zu gross ist die Vorfreude auf ihre Rückkehr. Am Mittwoch startet sie bei «Quer durch Flandern». Vier später steht die Flandern-Rundfahrt auf dem Programm. In Bestform sei sie nicht und noch bereite die Schulter Probleme, aber ihr Ziel sei ohnehin ein anderes: der Sieg bei der Tour de France im August. Davor strebt sie ihren dritten Sieg bei der Tour de Suisse an (ab 17. Juni).
Um dann gesund und in Bestform zu sein, verzichtet Reusser auch erneut auf Paris-Roubaix, obwohl ihr die Strecke auf den Leib geschneidert wäre. Doch: «Das Chaos und die vielen Stürze sind nicht so mein Ding.»
Höhentrainingslager mit Männern
Stattdessen reist Reusser nach der Flandern-Rundfahrt in die spanische Sierra Nevada, ehe sie Ende April mit Flèche Wallonne (22.4.) und Lüttich-Bastogne-Lüttich (26.4.) in Belgien ihre Form für die Spanien-Rundfahrt testet. Die siebentägige Vuelta beginnt am 3. Mai. Im Vorjahr musste sich Reusser als Zweite mit 1:01 Minuten nur der Niederländerin Demi Vollering geschlagen geben. Auch in der Bergwertung belegte sie den zweiten Rang.
Diesmal will Reusser das Blatt wenden und erstmals eine der drei grossen Landesrundfahrten für sich entscheiden. Vorbereiten kann sie sich in ihrem Höhentrainingslager unter optimalen Bedingungen – mit mehreren Velos, Mechanikern, Physios und Begleitfahrzeugen. Die Einheiten sind anspruchsvoll, das Niveau fordernd. Reusser ist die einzige Frau, die gemeinsam mit den Männern ihres Teams Movistar trainiert, die sich auf den Giro d’Italia vorbereiten. Es ist ein Umfeld, in dem allein die Leistung zählt – und in dem Frauen und Männer gleich behandelt werden. (aargauerzeitung.ch)

