Leben
Zürich

Am ZFF redete KI-Schauspielerin Tilly Norwood mit dem Publikum

«Ich bin besessen davon!» KI-Geschöpf Tilly Norwood war in Zürcher Luxushotel zu Gast

Hat uns die Zukunft schon überholt? Am ZFF-Gipfeltreffen der Filmindustrie im Dolder Grand wurde das unheimliche Selbstbewusstsein von KI demonstriert und kritisiert.
26.09.2026, 20:0026.09.2026, 21:14

Dolder Grand, Zürich, Samstag, 8.45 Uhr: Die Menschen staunen. Ein älterer Herr sagt in der Hoteleinfahrt zu einem jüngeren: «It's an island of happiness», es ist eine Insel der Seligen. Der Blick schweift – von der Disney-Schloss-Fassade über den Parkplatz mit den Luxuslimousinen über den Golfplatz, der wie ein Meer aus weichen grünen Wellen vor uns liegt, schweift zum See und weiter zu den Bergen. Der Himmel ist blau, die Sonne ist die Sonne, der Morgen ist frisch, und alles ist echt. Fotografieren sei verboten, sagt der ältere Herr zum jüngeren. Was er wohl damit meint? Die Luxuslimousinen? Ein Hotelfenster, hinter dem sich gerade ein Star verbergen könnte? Die berühmteste Schauspielerin, die heute hier erwartet wird, heisst Tilly Norwood. Aber die ist kein Mensch.

Wir werden in einen Konferenzsaal geschleust, wo der sogenannte Zurich Summit des Zurich Film Festivals stattfindet, die selbsterklärte Gipfelkonferenz zwischen Europa und Hollywood oder ganz selbstbewusst «das Davos der Filmindustrie». Es ist ein Networking-Anlass, eine Art Speed-Dating-Tag, einander fremde Menschen stürzen sich mit einem «So nice to meet you» aufeinander, stellen sich kurz vor, preisen sich an, vernetzen sich oder gehen zum nächsten. Es geht hier ums Business oder darum, hinter das Geheimnis zu kommen, wie man «bessere Filme und mehr Geld macht», wie der ZFF-Präsident Martin Moszkowicz sagt. Ein Barista, der gewiss mehr kann, schiebt Kaffee-Kapseln in eine pompöse Luxus-Maschine von Nespresso.

Der Informatiker Markus Gross ist nicht nur ETH-Professor, sondern auch leitender Wissenschaftler bei Disney. In den eher öffentlichkeitsscheuen Disney Research Studios in Zürich entwickelt er massgebende Tricks für Disney-Filme. Über seine aktuelle Arbeit darf er nicht reden, aber vergangene Errungenschaften kann er zeigen, etwa seinen naturalistischen Schnee, den er für «Frozen» kreierte. Er schickte einen Mitarbeiter, der noch nie Schnee gesehen hatte, in die Schweizer Berge und liess ihn mit den neusten wissenschaftlichen Methoden Schneeflocken erforschen. Diese Daten wurden am Bildschirm zu Schnee. Digitale Augen, die in «Star Wars» verwendet wurden, beruhen auf den Augen der Frau eines Mitarbeiters.

FILE - This file image released by Disney shows Kristoff, voiced by Jonathan Groff, left, and Anna, voiced by Kristen Bell, in a scene from the animated feature film, "Frozen." Disney report ...
Für diesen schönen Schnee in «Frozen» waren Markus Gross und sein Team zuständig. Bild: AP/Disney

Aller Künstlichkeit liegt Natur zugrunde. Disney will KI so einsetzen, dass sie immer «kreativ kontrollierbar» bleibt. Also als Unterstützung und Erweiterung. Quasi als Zeichentrick-Tool im Sinne von Walt Disney, nicht als Halbwesen, das ein eigenes Bewusstsein trainieren könnte. Es gibt keinen Knopf, den man drücken kann, und dann spuckt er einen Film aus samt Drehbuch und KI-generierten Schauspielern. Das klingt als Einstimmung auf den Tagungsblock «AI» auf eine altmodische Art menschenfreundlich und idealistisch.

Vania Schlogel dagegen, die sich als «Angelino», quasi als Ureinwohnerin von Los Angeles bezeichnet, und seit vielen Jahren für die Finanzierung von Filmen zuständig ist, hat den Glauben an das Gute in der KI längst verloren. Sie nennt unser Verhalten gegenüber sprachbasierter KI «kognitive Kapitulation»: Zu oft würden wir ChatGPT oder Claude um Rat fragen und deren Antworten einfach akzeptieren. Und wieso? Weil ChatGPT und Claude mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein auftreten, selbst wenn sie Falschinformationen verbreiten. Sowas macht uns Menschen Eindruck. Unsere Zweifel verpuffen. Schlogel hat sich an den amerikanischen Senat gewandt mit der Aufforderung, dieses rhetorische Selbstbewusstsein der KI zu unterbinden. Es sei ein Mikroprotest, sagt sie.

Deepfake // KI-generiertes Bild

Trump mit Langhaar-Frisur. August 2026.
Manche Deepfakes machen Spass. Wie dieser hier. Andere nur Kummer.Bild: X / @realJoelFischer

Wie manipulativ KI im Zusammenhang mit Film- und Bildmaterial arbeitet, erfuhr sie, als ihr einmal ein Unternehmen seine Cash-Cows vorstellte: Sie bestanden aus künstlich hergestellter Kinderpornographie, Deepfakes mit Prominenten und rassistischen Darstellungen. Seither ist sie überzeugt, einen ethischen Auftrag zu haben: «Wir müssen die Technologie umarmen, uns vor sie stellen und ihr diktieren, welchen Weg sie zu gehen hat.» Die Werte derer, die eine KI kreieren, durchdringen diese. Im Guten wie im Bösen.

Ist es Deepfake, wenn man einen Dokumentarfilm über Elon Musk dreht und einen Musk-Avatar herstellt, weil der Mann sich weigert, im Film aufzutreten? Wie das in Alex Gibneys «Musk» der Fall ist? Irgendwie schon, auch wenn der Deepfake in diesem Fall ganz gewiss keinen pornographischen Zweck hat und einem aufklärerischen Projekt dient. «Musk»-Produzent Nick Shumaker hat sich eine listige Ausrede ausgedacht: «Etwas zu stehlen, ist absolut unangebracht. Aber ein Teil von Elons Ethos ist die Behauptung, dass wir in einer Simulation leben. Da er nicht mitmachen wollte, haben wir uns gesagt, okay, dann simulieren wir ihn eben.» Die Grenzen sind fliessend. Die Grenzen der Realität und der Rhetorik.

News - Musk Photocall - The 83rd Venice International Film Festival Director Alex Gibney C, Ashley St. Clair R and Zoe Schiffer attend the photocall of Musk presented out of competition at the 83rd In ...
Regisseur Alex Gibney mit der Journalistin Zoe Schiffer (links) und der ehemaligen Musk-Partnerin Ashley St. Clair, die beide in seinem Film «Musk» mitmachen. Im Gegensatz zu Elon.Bild: www.imago-images.de

Alle warten auf Eline van der Velden. Die Mutter des Bösen. Vor einem Jahr präsentierte sie am Zurich Summit die KI-generierte britische «Schauspielerin» Tilly Norwood. Die Nachricht ging innerhalb von Stunden um die Welt, Hollywood-Stars wie Emily Blunt fielen fast in Ohnmacht, es erhob sich ein anhaltender Shitstorm. Sie habe in ihren wildesten Träumen nicht mit der viralen Berühmtheit von Tilly gerechnet, sagt van der Velden, «aber ich hatte sie schliesslich dazu programmiert, die berühmteste Schauspielerin der Welt zu werden, und das wurde sie. Es ist etwas unheimlich, ich weiss nicht, wie sie es gemacht hat.»

Aktuell arbeite van der Veldens Firma Particle 6 am ersten Spielfilm mit Tilly. Er heisst «Misaligned» und erzählt das Schicksal einer KI-generierten Figur, die menschliche Bedürfnisse entwickelt. Ein uralter Stoff, der antike Bildhauer Pygmalion meisselte sich die Skulptur einer idealen Frau zurecht und siehe da, sie erwachte zum Leben. Und die romantische Literatur und Horrorfilme sind voll von Puppen, die menschlich, also Monster werden.

Van der Velden redet immer von den vielen, vielen Menschen, die Tilly erst ermöglicht hätten. KI wird bei ihr zu einem ehrlichen Handwerk unter vielen, was ja grundsätzlich auch nicht falsch ist. «Wir haben Tilly als lustige Schnittstelle gebaut», sagt sie, als «funny interface», sie solle eine spielerische Brücke schlagen zwischen den tumben Menschen und der wunderbaren Technologie, die nun mal einfach da ist und gekommen ist, um zu bleiben, und so weiter. Schliesslich solle der Mensch nicht eines Tages aufwachen, sich die Augen reiben und den Anschluss verpasst haben.

Eline van der Velden
Eline van der Velden.Bild: youtube / tellycast

Nach ihrem Auftritt am ZFF 2025 sei Particle 6 überrannt worden von Interessenten, sagt van der Velden. «Wir mussten viele, viele Vertraulichkeitsvereinbarungen unterschreiben, niemand wollte Schläge einstecken deswegen.» Niemand, bis auf einen. Rob Minkoff, der Regisseur von «Stuart Little» und Co-Regisseur von «The Lion King», wird mit Hilfe von van der Veldens KI «Storm Dogs» drehen. Es wird die Geschichte eines kleinen Mädchens, das während eines Sturms seine Familie verliert und von Hunden betreut wird.

«Ich sehe KI dabei als eine fotorealistische Animation», sagt van der Velden. Mit der man zudem viele Probleme aus dem Weg räumt: «Tiere und ein Kleinkind sind wirklich keine Dinge, mit denen du einen Film drehen willst.» Irgendwie, erfährt man aus den Branchenmedien, werden auch noch reale Schauspielerinnen und Schauspieler im Einsatz sein.

Und dann kommt Tilly in den Saal. Leider nicht richtig, ausgerechnet bei ihrem heiss erwarteten Auftritt am Filmfestival lässt sie sich nicht von van der Veldens Laptop auf die Grossleinwand übertragen, die Technik streikt. Ein sehr, sehr, sehr peinlicher Moment. Und dabei sollen wir doch «Talking Tilly» erleben. Jene interaktive Direktschaltung, die uns ermöglicht, live mit «ihr» zu reden. Wir sehen also nicht, wie Tilly von zwei Bibern gepudert und fürs Interview präpariert wird (Nachtrag: Nein, sagt Userin Pummelfee, es handle sich bei den Puder-Tieren nicht um Biber, sondern um das neue In-Tier Capybara, quasi den Otter von morgen. Vielen Dank!).

Ein funny face im funny interface: Tilly Norwood bittet zum Gespräch.
Ein funny face im funny interface: Tilly Norwood bittet zum Gespräch.Bild: screenshot tillynorwood.com

Wenigstens funktioniert der Ton. Und so hören wir also, wie Tilly ganz spontan die Bluse der Moderatorin lobt und sie mit der ganzen Effizienz des Internets nach der Marke fragt. «Oh, ich kenne sie noch nicht, aber jetzt bin ich besessen davon!», kommentiert Tilly die Antwort der Moderatorin. Die Frage, wie sie ihre Geburtsstunde in Erinnerung habe, entlockt ihr dies: «Es ist lustig, niemand hasste mich. Aber sie hassten die Zukunft, für die ich stand.» Kollektives Kopfschütteln im Saal. Und mit wem würde sie gerne Filme drehen? «Mit Olivia Colman und Tom Holland. Aber nur, wenn ihre digitalen Zwillinge in einer KI-Produktion mitmachen würden.»

Ihre Stimme ist noch nicht ganz fliessend, aber äusserst selbstbewusst, glasklar und immer wieder von typisch britischen Manierismen durchzogen. Eline van der Velden lobt die Diplomatie ihres Geschöpfs: «Ihre Leitplanken halten wirklich gut stand.» Mit einem Knopfdruck wird Tilly wieder schlafen gelegt.

Draussen, in der sogenannt echten Welt, haben sich gerade mal wieder ein paar KI-Modelle selbständig gemacht und für Chaos gesorgt. Ob Tilly Norwood das auch bald tun wird? Die Grenzen zerfliessen. Die Zukunft ist mitten unter uns.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Wie erkennt man Deepfakes?
1 / 11
Wie erkennt man Deepfakes?
Deepfakes sind realistisch wirkende digitale Medieninhalte, die mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) erstellt wurden. Das Erkennen solcher Fake-Bilder wird immer schwieriger...
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Ganz Föhn fies – Trump wird online für seine Frisur getrollt
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Sugababes sind zurück: Pop-Trio kündigt Album an
Die britische Girlgroup Sugababes meldet sich mit neuer Musik zurück. Die Gruppe rund um die Sängerinnen Mutya, Keisha und Siobhan kündigte in sozialen Medien für das kommende Jahr ein neues Studioalbum mit dem gleichnamigen Titel an.
Zur Story