«The Dog Stars»: Was will Ridley Scott mit diesem Copy-Paste-Desaster?
Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer der schönsten Männer der Welt die schlimmste je dagewesene Pandemie überlebt und dann auch noch auf eine der schönsten Frauen der Welt trifft? Fragt man Hollywood, so lautet die Antwort: Mindestens 500 Prozent! Zudem ist er (Jacob Elordi) Mechaniker und sie (Margaret Qualley) eine einstige Assistenzärztin, sie können also Dinge und Menschen flicken.
Doch bis es so weit ist, trauert der Mann seinem alten Leben und seiner toten Gattin nach und haust mit einem waffensüchtigen Prepper (Josh Brolin) auf einem verlassenen Flughafen. Es gibt zwei Lichtblicke in seinem Leben: Seinen treuen Hund Jasper und eine friedliche Mennoniten-Gemeinde, die starke Tradwives-Vibes versprüht und so weiss ist, dass einige ihrer Kinder Albinos sind.
«The Dog Stars» von Ridley Scott ist ein postapokalytischer Zukunfts-Western, der im Jahr 2035 spielt und dessen Held statt auf einem Pferd in einer Cessna sitzt. Die Schauplätze sind hauptsächlich das ländliche Colorado (gedreht wurde in Norditalien) und Denver (gedreht wurde in Rom). Die Menschheit ist wieder einmal fast ganz am Ende und setzt alles daran, sich noch mehr zu dezimieren, es gilt das Recht des Stärkeren, sonst keines.
Am stärksten ist jedoch die Natur, sie erobert sich Strassen, Flughäfen und Städte zurück. Das sieht immer gut aus, man fühlt mit dieser Natur, wir kennen das wunderschönstens aus «The Last of Us». Überhaupt wirkt «The Dog Stars» wie «The Last of Us Sponsored by Carrhart», erst die richtige Garderobe macht schliesslich Überleben auch zum Abenteuer.
Der Film ist ein einziges Mosaik. Man glaubt, Steinchen aus «Pluribus» (der Menschenfleisch-Kühlschrank!), «I Am Legend» (der Hund!), «Station 11», der «28 Days Later»-Reihe, «The Walking Dead», «Civil War» und so fucking weiter zu erkennen. Irgendwie war restlos alles schon einmal da, und der Mörtel zwischen den Mosaiksteinen ist mehr als schlampig verarbeitet. Vielleicht meinte Ridley Scott, Jacob Elordis von Kummer umflorte Augen würden alles zusammenhalten? Hm.
Man fragt sich, wieso Scott und sein Drehbuchautor Mark L. Smith (er hat den gleichnamigen Roman von Peter Heller sehr freizügig adaptiert) ausgerechnet diese Geschichte erzählen wollen. Und wieso zum Teufel sie sich für dieses Ende (es kann hier natürlich nicht verraten werden) entschieden haben. Kann ein Regisseur wie Ridley Scott, der so ausserordentlich grossartige, kluge Filme wie «Alien», «Blade Runner», «Thelma & Louise» oder «The Martian» geschaffen hat, das ernst meinen? Ist das jetzt die berühmte Altersmilde?
Die beschwichtigende Antwort dürfte lauten: Nein. Höchst wahrscheinlich ist das Filmfinale bodenlos zynisch zu verstehen. Den Grund dafür müsste man bei Mark L. Smith suchen. Er hat nicht nur «The Revenant» geschrieben, sondern auch die Netflix-Serie «American Primeval». Und in dieser zeigt er den Wahnsinn der sogenannten «Frontier», also jener mit unfassbarer Brutalität fortschreitenden Landeroberung weisser Siedler im Amerika des 19. Jahrhunderts.
«The Dog Stars» könnte also erzählen, wie sich Amerika in einer nahen Zukunft noch einmal wird neu erfinden müssen. Und wie es die Frontier von einst noch einmal errichtet, weil niemand irgendwas aus der Geschichte gelernt hat. So gesehen wäre Ridley Scotts Film zwar ein faules Copy-Paste-Desaster, aber wenigstens eines mit einer Botschaft, die nachhaltigen Pessimismus verbreitet. Okay, das wäre auch nichts Schönes, aber interessant.
Vielleicht ist diese Lesart aber auch kreatives Wunschdenken. Vielleicht ist das Drehbuch tatsächlich so «seicht wie eine Pfütze», und Elordi spielt «eine langweilige, ausdruckslose Hauptrolle», wie der Guardian heute tadelt. Vielleicht sind die Hundesterne zum Verglühen verurteilt. Wie irgendwann die Menschheit.
«The Dog Stars» dauert zwei Stunden und läuft ab dem 27. August im Kino.
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