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«Sicherstellung» von Beweismitteln – OSZE-Beobachter können nur tatenlos zusehen.
«Sicherstellung» von Beweismitteln – OSZE-Beobachter können nur tatenlos zusehen.
Bild: Vice News
Unhaltbare Zustände an Absturzstelle

48 Stunden nach dem Abschuss von MH17 ist klar: Russland will alles, nur keine Aufklärung

In der Nacht haben (pro-)russische Separatisten 37 Opfer von der Unglücksstelle weggeschafft. Mobiltelefone, Kreditkarten und Bargeld wurden gestohlen. Die Flugschreiber sind «verschwunden» und OSZE-Beobachter werden mit Warnschüssen zurückgehalten. Ein Lagebericht, der entsetzt. 
19.07.2014, 22:45
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Es ist ein unwürdiges Trauerspiel, das sich am Absturzort von Flug MH17 der Malaysian Airlines in der Ost-Ukraine abspielt. Ein Trauerspiel auf Kosten der 298 Todesopfer und ihrer Angehörigen. Auf der einen Seite eingeschüchterte ukrainische Rettungskräfte und ein Team von 20 unbewaffneten OSZE-Ermittlern – auf der anderen Seite eine Horde schwer bewaffneter (pro-)russischer Separatisten.

Einige von den Bewaffneten seien «sichtlich unter Drogen stehend», wie ein OSZE-Mitarbeiter erklärt. Andere sind ehemalige «Berkut»-Soldaten in ihren charakteristischen blauen Uniformen. Also jene Scharfschützen, die Ende Februar auf dem Kiewer Maidan über 70 Menschen erschossen haben. Drogen, Kalaschnikow und Balaklawa (Gesichtsmaske) – Vertrauensbildung sieht anders aus.

Die wenigen ukrainischen Rettungskräfte, die beim Dorf Grabowe überhaupt vor Ort gelassen werden, «arbeiten unter vorgehaltener Waffe», erklärt der Sprecher des ukrainischen Sicherheitsrates, Andrei Lysenko. Alle gesammelten Beweisstücke müssen sie unter Waffengewalt den (pro-)russische Separatisten übergeben. Dies bestätigen westliche Journalisten, die ebenfalls mit Waffen bedroht und in einem kleinen Rayon festgehalten werden – während sich die Kameramänner des russischen Propagandasenders LifeNews ungehindert im Trümmerfeld bewegen können.

(Pro-)russische Separatisten schaffen Todesopfer und Wrackteile weg

In der Nacht auf Samstag haben die (pro-)russische Separatisten 37 Leichen von der Unglücksstelle weggeschafft und in die Rechtsmedizin der nahen Grossstadt Donezk gebracht. Dort würden die Pathologen von maskierten Männer mit vorgehaltener Waffe zu «Untersuchungen» gezwungen, schreibt die offizielle Regionalverwaltung des Oblast Donezk auf ihrer Website.

Zudem seien am frühen Samstagmorgen mehrere Kranwagen am Absturzort aufgetaucht, hätten Wrackteile der abgeschossenen Boeing 777 auf Lastwagen verladen und in unbekannte Richtung weggebracht. «Unbekannte» hätten weitere Opfer «in Plastiksäcke verpackt, auf Lastwagen gestapelt und weggefahren». Dies beweisen auch Fotos von der Absturzstelle.

Kein Durchkommen: (Pro)russische Truppen lassen keine Ausländer in die Nähe der Unglücksstelle.
Kein Durchkommen: (Pro)russische Truppen lassen keine Ausländer in die Nähe der Unglücksstelle.

Die Donezker Regionalverwaltung ist gegenüber den schwerbewaffneten (pro-)russischen Separatisten aber machtlos und kann «Plünderungen, Willkür und den offenen Versuch, die Beweise zu verstecken und das Untersuchungsverfahren zu verhindern» nur auf ihrer Website kritisieren.

Die OSZE-Beobachter werden mit Warnschüssen von der Absturzstelle verjagt

Die zwanzig unbewaffneten Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) waren am Freitag zwar «nahe an die Absturzstelle herangekommen und hätten auch Wrackteile gesehen», erklärte eine OSZE-Sprecherin. Ihre Forderung, Todesopfer sowie Wrackteile und Gepäckstücke an ihrem Platz zu lassen, ignorierten die Bewaffneten aber. Gepäckstücke wurden zuerst nach Wertsachen durchsucht und dann am Strassenrand aufgereiht. Einige Todesopfer und wichtige Wrackteile wurden wie erwähnt von «Unbekannten» an einen unbekannten Ort abtransportiert.

Als die OSZE-Experten am Samstag nochmals versuchten, die Absturzstelle zu inspizieren, durften sie sich nur in einem Umkreis von 200 Metern bewegen. Und nach 75 Minuten hat ein «sichtlich unter Drogen stehender» (pro-)russischer Separatist Warnschüsse abgefeuert, als einer der Beobachter die vorgeschriebene Zone überschreiten wollte, erklärte OSZE-Mitarbeiter Michael Bociurkiw. Die unbewaffneten OSZE-Beobachter mussten sich aus Sicherheitsgründen in die von den (pro-)russischen Separatisten kontrollierte Regionalhauptstadt Donezk zurückziehen.

Die Bewohner der Region Donezk wehren sich

In der Bevölkerung von Donezk verlieren die (pro-)russischen Separatisten aber die Unterstützung. Dies zeigte eine öffentliche Versammlung vom Freitagabend. Mit dem Mut der Verzweiflung beklagten sich Bewohner von Donezk über die bewaffneten Kämpfer: «Ich bin ethnische Russin und spreche nur Russisch. Seit 60 Jahren lebe ich in Donezk, wurde in meinem ganzen Leben nie verfolgt und habe hier in Donezk noch nie einen Bandera-Anhänger oder einen aus dem ‹Rechten Sektor› gesehen», erklärte eine ältere Frau unter grossem Applaus. 

Stefan Bandera war ein nationalistischer Politiker im 2. Weltkrieg, der in der West-Ukraine von Ewiggestrigen verehrt wird. Der «Rechte Sektor» wiederum ist eine radikal nationalistische, paramilitärisch auftretende ukrainische Oppositionsgruppe, kurz gesagt Neonazis.

Russische Kamerateams können sich ungehindert im ganzen Sperrgebiet frei bewegen, während westliche Journalisten aussen vor bleiben. 
Russische Kamerateams können sich ungehindert im ganzen Sperrgebiet frei bewegen, während westliche Journalisten aussen vor bleiben. 

Bandera-Anhänger und der «Rechte Sektor» wurden vom staatlichen russischen Fernsehen in den vergangenen Monaten als Schreckensbilder an die Wand gemalt. Sie sollen aus der West-Ukraine nach Donezk gekommen sein um alle jungen Männer zu ermorden, die Frauen zu vergewaltigen und Kleinkinder zu kreuzigen. Die (pro-)russischen Separatisten erklärten immer wieder, dass sie die Bevölkerung vor den Bandera-Anhängern und dem «Rechte Sektor» beschützen müsse.

Die öffentliche Versammlung in Donezk wurde denn auch vom selbst ernannten «Gouverneur vom Donbas», Pawel Gubarew und seinen bewaffneten «Milizen» «beschützt». Am Schluss ihrer Kritik wandte sich die ältere Frau an diese Bewaffneten und fragte sie: «Gegen wen verteidigt ihr mich? Das frage ich euch offen. Und es ist mir egal, ob ich nachher mit meinem Leben dafür bezahlen muss!» (im Video ab 1:00).

Der selbst ernannte Neonazi-Bekämpfer Pawel Gubarew war ironischerweise selbst lange Zeit Mitglied der Neonazi-Organisation «Russische Nationale Einheit». Gubarew kam deshalb am Freitagabend in arge Erklärungsnot und meinte verunsichert, er könne diese Frage nicht beantworten. Dann empfahl er den Bürgern, die Stadt Donezk möglichst schnell zu verlassen, um sich vor den Bandera-Anhängern und dem «Rechten Sektor» in Sicherheit zu bringen.

Die russische Regierung behindert die Ermittlungen zum Absturz von Flug MH17

Der Abschuss der Boeing 777 der Malaysian Airlines durch ein Flugabwehrraketen-System vom Typ BUK hat die (pro-)russischen Separatisten auch in der Region Donbas ins Abseits gestellt. Denn gemäss ersten Ermittlungen kommen nur (pro-)russische Separatisten als Täter in Frage, welche die Rakete «aus einem Bezirk der Stadt Snischne abgefeuert» hätten, erklärte Witali Najda, Leiter der Abteilung für Gegenspionage in Kiew.

Der Abschuss sei von Spezialisten der russischen Armee ausgeführt worden. «Den Befehl gab der Separatisten-Führer Igor Besler», erklärte Najda. Besler ist ein Agent des russischen Militärgeheimdienstes GRU, also ein so genannter «Silowiki». So werden die hochrangigen Vertreter von Geheimdienst und Armee in Russland genannt. Dieselben «Silowiki», welche offensichtlich die Beseitigung von Todesopfern sowie Wrackteilen angeordnet haben und die OSZE-Beobachter bei ihrer Arbeit behindern. 

Dass hinderte den stellvertretenden russischen Verteidigungsminister Anatolij Antonow nicht daran, im staatlichen Fernsehsender «Rossija 24» von der ukrainischen Regierung die Information zu verlangen, «welches Waffen-System die Ukraine gegen die malaysische Boeing 777 eingesetzt habe». Antonow setzte noch einen drauf und erklärte, man habe Kiew «eine Liste mit insgesamt zehn Fragen zu den tatsächlichen Gründen des Absturzes» übermittelt.

Und noch etwas wurde am Samstagabend in Moskau bekannt: Die Blackbox der abgeschossenen Boeing 777 soll eine persönliche Vertraute von Wladimir Putin untersuchen: General Tatiana Anodina. Sie leitete 2010 die Untersuchungen um den rätselhaften Absturz der polnischen Präsidenten-Maschine im russischen Smolensk. Zu den Todesopfern gehörte in Smolensk neben polnischen Parlamentsabgeordneten und Regierungsmitgliedern auch Staatspräsident Lech Kaczyński – ein Kritiker von Wladimir Putin. Das Ergebnis war damals voraussehbar und es wird auch im Fall von Flug MH17 voraussehbar sein.

48 Stunden nach dem Abschuss von MH17 ist damit eines klar: Russland will alles, nur keine Aufklärung.

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