57 Jahre, 1 Besitzer, 1 Stadt: der Hongkong-Lambo
Der Oldtimer-Markt treibt manchmal schön seltsame Blüten. Einige der Preise, die bei Auktionen erzielt werden, sind geradezu jenseitig. Ein Ferrari 250 GT Spider von 1960 wurde vor ein paar Jahren für 17 Millionen Dollar verkauft, etwa.
Siebzehn. Millionen.
Ganz zu schweigen vom Mercedes 300 SLR Uhlenhaut Coupé aus dem Jahr 1955, das 2022 einen Preis von – tief Luft holen! – 142 Millionen Dollar erzielte (womit es das teuerste Auto ist, das jemals verkauft wurde).
Und manchmal wird es schlicht absurd: ein ausgebranntes Wrack eines 1954er Ferraris? Ta-daaa: 1,8 Millionen Dollar!
Und auch der Lamborghini Miura, von dem zwischen 1966 und 1973 gerade mal 763 Stück produziert wurden (oder 764, je nach Quelle), spielt in einer ähnlichen Liga: Ein Miura P400 SV aus dem Jahr 1971 wurde letztes Jahr für satte 4,4 Millionen Dollar verkauft. Und im Jahr zuvor erzielte der 1972er Miura, der zuvor Jay Kay von Jamiroquai gehört hatte, einen Preis von 4,9 Millionen.
Gewiss – der Miura ist eines der ikonischsten Autos aller Zeiten. Ein Designklassiker des grossen Marcello Gandini – und der erste echte Supersportwagen der Geschichte. Wie in der Promiwelt zwischen Stars und Superstars unterschieden wird, gibt es cars … und supercars. Der Lamborghini Miura definierte, wie ein Supercar zu sein hatte: sauschnell, geradezu unanständig glamourös und die Projektion unserer gemeinsamen Wunschträume. Und, ach ja, von Vorteil italienisch.
Aber wisst ihr, was alle oben genannten Autos gemeinsam haben? Die werden selten bis niemals gefahren. Gibt jemand einen siebenstelligen Betrag für einen exotischen Oldtimer aus, kannst du darauf Gift nehmen, dass der Göppel kaum je für seinen vorgesehenen Zweck genutzt wird.
Was ja jene seltenen Geschichten von Menschen, die tatsächlich ihre alten Autos fahren, so sympathisch macht. Wie jene Oma, die ihren 57er Chevy seit ... nun ja, seit 1957 fährt.
Oder dieser Typ hier:
Dieser (anonym bleiben wollende) Herr liess sich anno 1969 seinen Miura neu ab Fabrik in seine Heimatstadt Hongkong liefern.
Und dort blieb der Wagen bis zum heutigen Tag. Er wurde stets regelmässig gefahren und gehört auch nach über 50 Jahren noch immer seinem ursprünglichen Besitzer.
Kein Museumsstück, kein Edelsammlungs-Wanderpokal – bloss ein Supercar, der ein Leben lang in einer Stadt geblieben ist, mit einem einzigen Besitzer. Während eines halben Jahrhunderts voller Veränderungen.
Einen Miura – das Modell, das das Konzept des Supersportwagens erfunden hat – auf einer schicken Oldtimer-Show zu erspähen, ist schon sensationell genug. Einen inmitten des urbanen Gefüges anzutreffen, fühlt sich … anders an. Spezieller. Es fühlt sich an wie das, was es letztendlich ist: die Verkörperung der 57-jährigen Beziehung zwischen Besitzer, Auto und Stadt.
Bei genauerer Überprüfung findet man eventuell vereinzelte Kratzer oder Dellchen in der Karosserie. Der Innenraum weist Spuren von 50 Jahren Nutzung auf. Leute, so sieht ein ehrliches Auto aus.
Gewiss, für den The Hong Kong Lambo, wie er inzwischen liebevoll von der Internet-Community getauft wurde, sind die Ausflüge in die Stadt in letzter Zeit seltener geworden. Umso schöner, dass Fotokünstler Aaron Chung im Auftrag des Automagazins Retromotive einen Tag lang mit Rennfahrer Philip Hall durch Hongkong fahren durfte.
Geniesst diese Bilder. Sie zeigen etwas, das in der heutigen Welt eine absolute Seltenheit ist.
Reduce, reuse, recycle.
- Boom! Hier fliegt ein 2-Millionen-Lamborghini in die Luft ... oder doch nicht?
- Leute, wir müssen über den neuen Lamborghini Countach reden
- Schrott-Lamborghini für 2 Millionen? Hier lang!
- Öh, bitte, WIE VIELE Millionen soll dieses Auto wert sein?
- Nach dem 140-Millionen-Merz: hier die Top Ten teuersten Autos der Geschichte
