«Egoistisch» und «unmoralisch»: Warum die Enttarnung von Banksy wütend macht
Muss man jetzt einen Nachruf schreiben? Die Frage stellt sich, seit drei fleissige Journalisten in einer langwierigen und teuren Investigativ-Recherche die Identität des berühmtesten Street-Art-Künstlers der Welt enttarnt haben.
Ein am 13. März von der Agentur Reuters veröffentlichter Artikel beendet akten- und zeugenkundig ein jahrzehntelanges Katz-und-Maus-Spiel. Banksy ist der 1973 in Bristol geborene Graffitikünstler Robin Gunningham, nach einer Namensänderung heisst er David Jones, ist heute anfangs fünfzig, und der Allerweltsname sagt schon alles: Er ist einer unter uns. Punkt. Da gibt es nichts hinzuzufügen. Auch nicht von Banksy, der über seine für Werk-Autorisierungen zuständige Firma «Pest Control» verlauten liess, dass er beschlossen habe «nichts zu sagen». Auch auf seinem Instagram-Profil blieb es still.
Selten hat Investigativ-Journalismus unter Lesern so viel Zorn und Unverständnis ausgelöst. In den Kommentarspalten fragt man sich, wie man so viel Geld und Energie in die Enttarnung eines Künstlers stecken konnte, der mit seinen humorvollen, politischen, humanistischen Botschaften selbst denjenigen die Mundwinkel hochgezogen hat, die überall nur das Schlechte sehen. «Das ist ein ganz seltener Fall, in dem ich Investigativ-Journalismus ablehne», schreibt ein Kommentator auf dem Online-Auftritt der «Zeit».
Fans kritisieren die Enttarnung
Als «egoistisch» und «unmoralisch» wird dort die Tat verworfen. Viele klingen wie Dreijährige, denen gerade erklärt wurde, dass das Christuskind eine clevere, aber leider erfundene Marketingidee des Christentums sei. Die logische Reaktion auf diesen Angriff: Trotz und Abwehr: «Ich denke Banksy bleibt nur Banksy», schreibt ein Familienvater. Sowieso habe seine Tochter lange geglaubt, er sei Banksy, schreibt er, anspielend auf die vielen Verdächtigungen und Dementis, die Banksy’s über zwanzigjährige Karriere begleitet haben. Ein anderer Kommentator verschliesst die Augen vor den Fakten: «Ich denke, es ist nicht bewiesen, wer Banksy ist».
Bei Banksy war eben alles immer anders herum: Während weltweit Menschen an ihrem Glauben hängen, ein «echter» Rembrandt hänge in ihrem Wohnzimmer und mit diesem Glauben Provenienzforschern auf die Nerven gehen, hängte man sich einen Banksy gerade deshalb an die Wand, weil er ein Phantom war.
Er war ein Mysterium, ein ungelöstes Bilderrätsel in einer Welt, die weder Erfolg noch Glück dem Zufall überlässt. Seine Graffiti brachen ein in unseren Alltag ein, unverhofft, originell. Die Botschaften waren so eingängig, dass sie jeder verstand und doch komplex genug, dass man einen intellektuellen Genuss daraus ziehen konnte.
Ein Jesus unter eingeschworenen Jüngern
Mit seinen humanistischen und breitentauglichen Botschaften wirkte Banksy wie ein Heilsbringer in einer Gesellschaft, die sich von jeder Religion und Metaphysik abgekehrt hat und in der zu viel Privatsphäre im Netz das Image öffentlicher Figuren beschädigt. Und sein Mythos konnte keinen Schaden nehmen, solange er jeden seiner öffentlichen Schritte selbst kontrollierte und die eingeschworenen Jünger um ihn herum, die Eingeweihten, zu ihm schwiegen und kein Judas auf den Plan trat.
Vor allem erfüllte Banksy, das Phantom, perfekt die Erwartungen des Online-Journalismus: Ein neuer Banksy ist aufgetaucht? Wir klickten drauf. Banksy lässt auf einer Sotheby's-Auktion sein eigenes Werk schreddern? Wir klickten drauf. Nun hat ihn genau dieser Journalismus, dessen Mechanismen er als Instrument so lange für sich nutzte, im Übereifer ganz enttarnt.
Aber verliert Banksy's Kunst deshalb an Wert? Die Marke Banksy ist auf dem Kunstmarkt, den der Künstler vielfach kritisiert hat, längst etabliert. Und seine Werke, das bezeugen die vielen wütenden Leserkommentare, haben für viele Menschen einen Wert, den es offensichtlich zu verteidigen gilt.
Ein rasanter Preiszerfall auf dem Kunstmarkt ist nicht anzunehmen. Eher, dass dieser Mann, der in den verschiedensten Verkleidungen Passanten, Security-Personal, Galeristen und Journalisten an der Nase herumgeführt hat, uns längst wieder einen Schritt voraus ist. Und während wir noch in der Vergangenheit des Robin Gunningham wühlen, plant der Künstler, gleich einer Matrijoschka-Figur, schon die nächste Häutung. Und legt, wie der kleine Junge, der auf einem 2022 in der Ukraine aufgetauchten Graffito den Judoka Putin bodigte, bald auch uns wieder aufs Kreuz.

