Ohne die «bösen» Städte wäre die Landschaft arm dran
Einmal mehr debattiert die Schweiz über den Stadt-Land-Graben. Am vorletzten Sonntag scheiterte die SVP-Volksinitiative gegen die 10-Millionen-Schweiz am Nein in den Städten – wo die Zuwanderung am stärksten spürbar ist – und der Romandie. Die Städte hätten «das Land wie eine Lawine einfach ausradiert», schimpfte SVP-Präsident Marcel Dettling.
Als ebenso schlechter Verlierer wie der Schwyzer erwies sich Fraktionschef Thomas Aeschi, als er vor enttäuschten SVPlern in Aarberg das Wort ergriff: «Es kann doch nicht sein, dass uns die Westschweiz und die linken Städte diktieren, wie sich die Deutschschweiz zu verhalten hat», klagte der Nationalrat aus dem Expat-Kanton Zug.
Tags darauf legte Aeschi gegenüber der NZZ nach: Dass die Romandie und die Städte «immer linker» würden, werde zunehmend zum Problem für den Zusammenhalt des Landes. «Wenn das so weitergeht, befürchte ich, dass die Frustration und die Radikalisierung in den ländlichen Regionen der Deutschschweiz zunehmen werden.»
Hellebarden und Heugabeln?
Muss man also damit rechnen, dass Bauern und Bergler mit Hellebarden und Heugabeln zum Sturm auf die Städte antreten? So bald geschieht dies nicht, doch mit Blick auf den Kampf um die Bilateralen III verlangen die Skeptiker das Ständemehr nicht zuletzt mit dem Argument, die «bürgerlich-konservative Deutschschweiz» dürfe nicht übergangen werden.
Als Urbanist mit ländlichen Wurzeln verfolgt man diese Art von Heimatschutz mit Befremden. Der letztjährige Stadt-Land-Monitor, der vom Institut Sotomo im Auftrag des Agrarkonzerns Fenaco erhoben wurde, zeigte, dass die Städte seit 2020 bei Abstimmungen mehr als doppelt so oft vom ländlichen Raum überstimmt wurden wie umgekehrt.
Vorwürfe an die Sieger
Wenn überhaupt, dann dominiert die Landschaft politisch auch dank Ständemehr die urbane Schweiz. Und doch erlebte man nach der Abstimmung über die 10-Millionen-Initiative ein bekanntes Schauspiel: Die Sieger mit einem Anteil von immerhin 55 Prozent wurden teilweise fast vorwurfsvoll gefragt, wie sie den Verlierern entgegenkommen wollen.
Die Herausforderungen rund um die Zuwanderung müssen angegangen werden. Doch wann wurde das letzte Mal gefragt, wie man die Städte nach einer Niederlage besänftigen kann? Gleiches gilt für die Romandie, die eine reale Minderheit darstellt. Gegenüber der ländlichen Deutschschweiz aber besteht eine irritierende Übersensibilität.
«Heidi» und die fremden Städte
Man könnte auch von einem «Heidi»-Komplex sprechen. Schon in unserem Nationalepos stünden grosse Städte für das Fremde, meint etwa Sotomo-Chef Michael Hermann. Widerspruch erhält er von der Satirikerin Patti Basler. Sie ist im Aargau auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat ihre Lizentiatsarbeit über «Heidi»-Autorin Johanna Spyri verfasst.
«Die Kernaussage von ‹Heidi› ist nicht, dass die fremde Grossstadt schlecht und das Landleben gut sei. Im Gegenteil. Heidi musste in die Stadt, um lesen zu lernen und die biblischen Geschichten zu verstehen. Danach wurde sie zur Missionarin im eigenen Land», sagte Basler dem «Tages-Anzeiger». Nicht zuletzt habe sie ihren Grossvater bekehrt.
Unausrottbare Mythen
Johanna Spyri selbst hat die meiste Zeit ihres Lebens in der Stadt Zürich verbracht, als sie eine rapide Industrialisierung mit enormem Bevölkerungsschub und starker Zuwanderung erlebte. Dennoch kehrte Spyri auch nach dem Tod ihres Mannes und ihres einzigen Sohns nie in ihre ländliche Heimat auf dem Hirzel zurück, sie wurde auch in Zürich beerdigt.
Gewisse Mythen scheinen trotzdem unausrottbar zu sein. Denn gerade die Bauern haben in der Schweiz eine politische Macht, die ihren Anteil an der Bevölkerung und ihre wirtschaftliche Bedeutung weit übersteigt. Das zeigt sich derzeit in der Debatte über das Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Mercosur.
Bauerplay beim Mercosur
Bauernverbandspräsident und Mitte-Nationalrat Markus Ritter zog sein berüchtigtes «Bauerplay» auf. Er fordert Subventionen von 880 Millionen Franken für die Zustimmung zum Vertrag mit Ländern, deren Export zu einem grossen Teil aus landwirtschaftlichen Produkten besteht. Der Bundesrat hatte 158 Millionen Franken als Ausgleich vorgeschlagen.
Gleichzeitig konnte SVP-Wirtschaftsminister Guy Parmelin Kontingente für «sensible» Agrarprodukte aushandeln. Und es ist nicht zu erwarten, dass in der Schweiz massenhaft argentinischer Wein oder brasilianisches Rindfleisch konsumiert wird. Die Landwirtschaftsverbände fürchten dennoch «langfristige strukturelle Veränderungen».
Vorwurf der Erpressung
Sie sollen mit den Subventionen «abgefedert» werden. Letzte Woche kam es im Nationalrat zum Eklat: Eine unheilige Allianz aus SVP und Linksgrün lehnte den Mercosur-Vertrag ab. Das SVP-Nein wurde auch als «Revanchefoul» für den Kampf der Wirtschaftsverbände gegen die 10-Millionen-Initiative interpretiert. Eine Kehrtwende ist nicht auszuschliessen.
Bislang bleiben die Bauern hart, wie Markus Ritter am Dienstag im SRF betonte. Bei den Exporteuren liegen die Nerven blank. Stefan Brupbacher, Direktor des Industrieverbands Swissmem, attackierte Ritter in der «Arena» frontal: «Sie wollen uns erpressen, zusammen mit der Umweltseite. Wir sind extrem enttäuscht von der Landwirtschaft.»
Einseitige Finanzflüsse
Am Dienstag legte Brupbacher am Industrietag von Swissmem in Basel nach: «Die Vertreter der Landwirtschaft sollten nicht vergessen, dass die Exportwirtschaft einen wesentlichen Anteil der jährlich 2,7 Milliarden Franken Direktzahlungen mit ihren Steuern finanziert.» Damit legte er den Finger auf einen wunden Punkt: die Abhängigkeit.
Das Geld, das als Ausgleichszahlungen und Subventionen in den ländlichen Raum fliesst, wird zum grössten Teil in den urbanen Gebieten erwirtschaftet. Von dort kommen die Ausflügler und Feriengäste, die auf dem Land und in den Bergen nicht wenig Geld liegen lassen. Und dort leben die Menschen, die den Bauern ihre Produkte abkaufen.
Gescheiterter Angriff auf Städte
Längst nicht allen, die davon profitieren, behagen diese einseitigen Finanzflüsse. Teilweise existieren deswegen Ressentiments. Doch es sind Realitäten, die sich nicht ändern lassen. Es ist einer der Gründe, warum die SVP mit dem Versuch gescheitert ist, die Land- und Bergbevölkerung in trumpistischer Manier gegen die Städte aufzuwiegeln.
Der Stadt-Land-Graben sorgt immer wieder für Friktionen. Zur Realität gehört aber auch, dass die meisten Menschen in der Zwischenwelt namens Agglomeration leben. Das Gejammer auf dem Land über das Diktat der Städte ist jedenfalls deplatziert.
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