Schweiz
Analyse

10-Millionen-Schweiz: Bei der Zuwanderung läuft vieles gegen die SVP

Nationalrat Thomas Matter, SVP-ZH, Grossraetin Stephanie Gartenmann, Nationalrat Mike Egger, SVP-SG, und Nationalrat und Fraktionspraesident Thomas Aeschi, SVP-ZG, von links, am Abstimmungsstamm fuer  ...
Die SVPler um Thomas Matter (l.) nehmen den Nein-Trend in der SRG-Hochrechnung zur Kenntnis.Bild: keystone
Analyse

Bei der Zuwanderung läuft vieles gegen die SVP

Die SVP will trotz der Niederlage vom Sonntag bei der Zuwanderung nicht lockerlassen. Einiges deutet jedoch darauf hin, dass es für sie in Zukunft noch schwieriger werden wird.
15.06.2026, 15:2215.06.2026, 15:22

Das Schweizer Stimmvolk will keinen Bevölkerungsdeckel in der Verfassung. Es hat der Volksinitiative, die sich explizit gegen eine 10-Millionen-Schweiz richtete, am Sonntag eine Abfuhr erteilt. Bei der SVP, die sich wie beim Ja zur Masseneinwanderungsinitiative vor zwölf Jahren in Aarberg BE versammelt hatte, herrschte Ernüchterung.

Besonders angesäuert wirkte der Zürcher Nationalrat und Banker Thomas Matter. Er hatte sich mit viel Eifer für die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative engagiert. Mit watson wollte er am Sonntag gar nicht reden. Im «Tages-Anzeiger» liess er sich während einer Rauchpause vor dem Hotel Krone mit einer Durchhalteparole zitieren: «Die Zeit läuft für uns.»

Keine 10-Millionen-Schweiz

Ausgezählt: 26/26 | Stand: Schlussresultat

45,2% Ja

54,8% Nein

10 Stände

13 Stände

  • Kantone
  • Gemeinden

Wenn er sich da bloss nicht täuscht. Und das nicht nur, weil selbst Aarberg knapp nein gesagt hat.

Matter rechnet damit, dass es mit der Zuwanderung so weitergeht wie bisher. Das war auch seit dem Volksentscheid von 2014 der Fall, der nie wirklich umgesetzt wurde. Einzig in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts gab es eine Abschwächung. Und doch ist das Ergebnis deutlich gekippt. Was bei einem Blick auf die politische Landkarte nicht erstaunt.

Städte

Schon die Masseneinwanderungsinitiative war von den Städten abgelehnt worden. Die Agglomerationen aber sagten Ja. Das hat sich geändert. Laut der Nachbefragung von Tamedia entspricht ihr Stimmverhalten praktisch genau dem nationalen Durchschnitt. Im Kanton Bern etwa überstimmten Städte und Agglo das teilweise massive Ja auf dem Land.

Damit akzentuierte sich ein bemerkenswerter Befund. Im ländlichen Raum, wo die Zuwanderung vor allem Phantomschmerzen verursacht, wurde die Initiative angenommen. Die von Dichtestress und Wohnungsmangel direkt betroffene urbane Schweiz aber lehnte sie ab. In Basel-Stadt sagten fast drei Viertel Nein zur 10-Millionen-Initiative.

Passagiere stehen dicht gedraengt in einem Tram der Linie 8 vom Zoll und dem deutschen Einkaufszentrum Rhein Center in Richtung Basel in Basel am Samstag, 17. Januar 2015. Aufgrund des stark gesunkene ...
Dichtestress im Basler Tram: Das Stimmvolk erteilte der SVP-Initiative dennoch eine Abfuhr.Bild: KEYSTONE

Dabei haben sich die Probleme nicht entschärft. Das Gegenteil ist der Fall: Es werden zu wenige Wohnungen gebaut, und immer mehr Menschen beanspruchen den gleichen Platz auf den Strassen und im ÖV. Dennoch widerstanden die Städte und Agglomerationen der vermeintlich moderaten Nachhaltigkeitsinitiative. Das muss der SVP zu denken geben.

Westschweiz

Die Westschweizer Kantone hatten bereits die Masseneinwanderungsinitiative abgelehnt. Jetzt hat sich dies weiter verstärkt, selbst in Genf, einem urban geprägten Kanton mit grossen Wohn- und Verkehrsproblemen. Das liegt nicht nur daran, dass die Romandie weltoffener ist als die Deutschschweiz, sondern auch an ihrer speziellen Rolle.

«Vielleicht fürchten wir die internationale Öffnung weniger, weil wir sowieso schon in der Minderheit sind», sagte der Genfer Politologe Pascal Sciarini der NZZ. Und weil die Deutschschweizer sie das spüren lassen, könnte man anfügen. Das aktuelle Beispiel sind die Bestrebungen in mehreren Kantonen, den Frühfranzösisch-Unterricht abzuschaffen.

Man kann darüber diskutieren, ob Französisch in der Primarschule sinnvoll ist. In der Deutschschweiz aber geschieht dies zu oft mit Arroganz und mangelnder Sensibilität gegenüber der Sprachminderheit in der Romandie. Daher erstaunt es nicht, dass sie mit der Zuwanderung weniger Mühe hat als die Compatriotes jenseits der Saane.

Tessin

Eines der umstrittenen Plakate an der Via Besso in Lugano, aufgenommen am Dienstag, 28. September 2010. Eine Werbekampagne mit drei Ratten, die ueber Schweizer Kaese herfallen, sorgt im Tessin derzeit ...
Eine Plakatkampagne polemisierte 2010 gegen Grenzgänger. Doch jetzt sagte das Tessin nur knapp Ja zur Initiative.Bild: KEYSTONE

Das interessanteste Ergebnis gab es am Sonntag in der italienischen Schweiz. 2014 hatten die Tessiner die Masseneinwanderungsinitiative mit Abstand am deutlichsten angenommen. Damals befand sich die Kontroverse über die zehntausenden Grenzgänger aus Italien, die die Strassen verstopften und die Löhne drückten, auf dem Höhepunkt.

Daran hat sich kaum etwas geändert. Nach wie vor sind die Löhne im Tessin tiefer als in der übrigen Schweiz. Und doch gab es am Sonntag nur ein hauchdünnes Ja zur SVP-Initiative. Der Grenzort Chiasso, ein Hotspot der Frontalieri, sagte knapp Nein. «Ist das Tessin noch EU-skeptisch?», fragte sich eine SVP-affine NZZ-Redaktorin fast schon erschrocken.

Man habe zu wenig mobilisiert, meinte der frühere SVP-Präsident Marco Chiesa. Für das Beinahe-Nein aber gibt es vielleicht eine einfache Erklärung: Nachbarregionen wie die Lombardei bemühen sich, die Abwanderung zu stoppen, mit Grenzgängersteuern und daraus finanzierten Lohnerhöhungen. Im Tessin sorgt dies durchaus für Unbehagen.

Demografie

Der springende Punkt ist die demografische Entwicklung in Europa. Für die Babyboomer, die nun pensioniert werden, rücken zu wenige Junge nach. Und die Geburtenrate ist im Sinkflug. Immer mehr Staaten versuchen deshalb, Fachkräfte zu halten oder gar zurückzuholen. Dazu gehört neben Italien auch Portugal, ein weiteres wichtiges Rekrutierungsland für die Schweiz.

Diese Entwicklung scheint in der Bevölkerung angekommen zu sein. So sagten die Pensionierten 2014 am klarsten Ja zur Masseneinwanderungsinitiative. Nun verzeichnete das Segment der über 65-Jährigen gemäss der Tamedia-Nachbefragung den höchsten Nein-Anteil. Die Warnung vor einem Pflegenotstand dürfte bei den Senioren gewirkt haben.

Das muss der SVP ebenfalls zu denken geben. Aber auch Politik und Wirtschaft müssen eine Antwort auf diese Herausforderung finden. Gleiches gilt für die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt durch die künstliche Intelligenz (KI). Derzeit verursacht sie in den Firmen vor allem Mehrarbeit, weil KI nach wie vor sehr viel Unsinn produziert.

Das aber wird nicht so bleiben. Derzeit spricht vieles dafür, dass die SVP beim Kernthema Zuwanderung ihren Zenit überschritten hat. Wenn jedoch wie in Grossbritannien nach dem Brexit vermehrt Arbeitskräfte ausserhalb Europas rekrutiert und viele Einheimische durch KI «wegrationalisiert» werden sollten, könnte die SVP wieder Aufwind erhalten.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Islamisierungs-Game Egerkinger Komitee
1 / 6
Islamisierungs-Game Egerkinger Komitee

Als Grenzwächterin musst du im Islamisierungs-Spiel muslimische Familien an der Einreise in die Schweiz hindern. Der ausländische Arzt hingegen darf als Fachkraft einreisen.

quelle: screenshot egerkinger komitee
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Warum diese Abstimmung auch in Dänemark interessiert
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
195 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Rön73
15.06.2026 15:54registriert April 2019
Der Herr vis-à-vis von Thomas Matter ist übrigens Thomas Aeschi, Nationalrat aus dem Kt. Zug.
Er sollte sich doch mal fragen, welche Auswirkungen die Tiefsteuerpolitik für Unternehmen in seinem Kanton auf die Zuwanderung hat. Aber als Unternehmensberater denkt er wohl in erster Linie an sein Portemonnaie.
1299
Melden
Zum Kommentar
avatar
Scipio Pericules Cardinalis
15.06.2026 16:03registriert Juni 2026
Ausländer, Ausländer, Ausländer. Als Sohn einer Ausländerin kann ich das langsam nicht mehr hören. Hat die Initiative Punkte angesprochen, die ich sinnvoll finde? Absolut. Hätte die Initiative tatsächlich etwas geändert? Nein. Sind die Züge manchmal knallvoll? Ja, das sind sie. Aber sie wären auch nach einer Annahme der Initiative noch voll gewesen.

Warum spricht man stattdessen nicht über flexiblere Arbeitszeiten oder Homeoffice? Warum muss jeder Hecht um 08:00 Uhr am Schreibtisch sitzen und um 17:00 Uhr wieder ausstempeln? Logisch sind da die Züge voll.
10528
Melden
Zum Kommentar
avatar
El_Chorche
15.06.2026 15:40registriert März 2021
"Einiges deutet jedoch darauf hin, dass es für sie in Zukunft noch schwieriger werden wird."

Wenn die Linken nicht endlich den Finger raus nehmen, bin ich da nicht so sicher.

Das gestern war kein linker Erfolg, sondern einer der Vernunft.

Darauf wetten, dass nächstes Mal auch so abgestimmt wird, würd ich jedenfalls nicht.
7619
Melden
Zum Kommentar
195
Lindt-Schokolade wird bei Migros und Coop günstiger
Nach einer Reihe von Preiserhöhungen wird die Schokolade der Marke Lindt nun günstiger, insbesondere bei Coop und Migros.
Gute Nachrichten für Schokoladenliebhaber: Mehrere Produkte von Lindt & Sprüngli sind bei Coop und Migros günstiger geworden. Die beiden Handelsketten bestätigten gegenüber Blick, die Preissenkungen des Schweizer Herstellers an die Kunden weitergegeben zu haben.
Zur Story