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10-Millionen-Schweiz: Der Wunsch nach qualitativem Wachstum

Ein Plakat wirbt fuer die Nachhaltigkeits-Initiative, Keine 10-Millionen-Schweiz! der SVP, fotografiert am Montag, 18. Mai 2026 in Bern. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Das SVP-Plakat (ohne Parteilogo) appelliert an die Vorbehalte gegen quantitatives Wachstum.Bild: keystone
Analyse

Der (Wunsch-)Traum vom Wachstum ohne Zuwanderung

Mehr qualitatives statt quantitatives Wachstum: Das wünschen sich viele in der Schweiz angesichts der starken Zuwanderung. Es könnte anders in Erfüllung gehen, als sie denken.
24.05.2026, 10:0524.05.2026, 10:05

Die Schweiz ächzt unter einer überbordenden Zuwanderung. Dies suggeriert die SVP mit ihrer Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», über die wir in drei Wochen abstimmen. In der Bevölkerung trifft sie einen Nerv, wie die bisherigen Umfragen zeigen. Viele finden, dass es so nicht weitergehen kann. Sie wollen mehr qualitatives statt quantitatives Wachstum.

Die SVP appelliert nicht ungeschickt an diese Gefühlslage, indem sie ihr Volksbegehren als Nachhaltigkeitsinitiative bezeichnet. Denn Wachstumskritik ist kein «Privileg» der Grünen mehr, sie ist bis weit ins bürgerliche Lager vernehmbar. Die «NZZ am Sonntag» stellte fest, dass «Wachstum in einem der erfolgreichsten Länder der Welt zum Schimpfwort wurde».

Menschenmassen an der Bahnhofstrasse in Zuerich, fotografiert am Samstag, 20. Dezember 2025. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Menschenmassen auf der Bahnhofstrasse in Zürich erzeugen Wachstumsmüdigkeit.Bild: KEYSTONE

Genug ist genug, heisst es angesichts voller Züge und Strassen und eines angespannten Wohnungsmarktes. Selbst FDP-Co-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher, die für ein Nein kämpft, registriert auf ihren Reisen in der Schweiz eine verbreitete Wachstumsmüdigkeit. Auf Wohlstand verzichten aber will kaum jemand, deshalb der Wunsch nach qualitativem Wachstum.

Bis heute immer beides

Es ist eine verführerische Idee: Das Wirtschaftswachstum soll vom Bevölkerungswachstum entkoppelt werden. Der St.Galler Wirtschaftsprofessor Reto Föllmi bezeichnet dies im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» als grundsätzlich möglich. Es funktioniere über Innovation, bessere Prozesse und eine daraus resultierende höhere Produktivität.

Der Zürcher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann hingegen ist gemäss der «NZZ am Sonntag» skeptisch. «Bis heute hatten wir in den westlichen Volkswirtschaften immer beides», sagte er: «Qualitatives und quantitatives Wachstum sind Hand in Hand gegangen.» Auch Föllmi findet, man könne «nicht den Fünfer und das Weggli haben».

Ambivalenter Wunschtraum

Als Beispiel erwähnte er den vom Volk abgelehnten Autobahnausbau, mit dem Engpässe bei der Infrastruktur beseitigt werden sollten. Schon damals war von Wachstumsskepsis die Rede. Ein ähnlicher Reflex könnte der SVP-Initiative zum Erfolg verhelfen. Dabei zeigt sich anhand zweier Aspekte, dass der Wunschtraum vom qualitativen Wachstum ambivalent ist:

Steuerpolitik

Ein Uebersicht ueber die Stadt Zug mit Wohnhaeusern und auch vielen Buerogebaeuden am Mittwoch, 20. Maerz 2024 in Zug. (KEYSTONE/Urs Flueeler).
Zug wurde durch die Tiefsteuerpolitik des Kantons zum Mini-Singapur mit vielen Expats.Bild: KEYSTONE

Die SVP klagt über die aus ihrer Sicht masslose Zuwanderung. Gleichzeitig setzt sie sich bei jeder Gelegenheit für tiefe Steuern ein, einen Beschleuniger des Wachstums in der Breite. Niemand in der Partei verkörpert diesen Widerspruch besser als der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler. Sein Kanton ist dank Fokus auf tiefe Steuern reich geworden.

Zug aber ist nicht nur ein Steuer-, sondern auch ein Expatparadies. Im letzten Herbst hatte sich Tännler noch gegen die Zuwanderungsinitiative seiner Partei ausgesprochen. Nun hat er eine Kehrtwende hingelegt. Im Interview mit dem «Blick» argumentierte er ebenfalls mit dem Wachstumsdruck und forderte, man solle «stärker auf Qualität statt Quantität setzen».

Auf die Tiefsteuerpolitik seines Kantons angesprochen, meinte Heinz Tännler: «Wir wollen kein Singapur mit einer Skyline aus Wolkenkratzern werden.» Es ist eine typische SVP-Nebelpetarde, denn auch ohne Hochhäuser ist Zug längst ein Mini-Singapur geworden. Dies musste auch der Schriftsteller und Bundesratssohn Thomas Hürlimann erfahren.

Nach Jahren in Berlin kehrte er wegen seiner Krebserkrankung in die Heimat zurück. Und erkannte, dass sich vieles verändert hat, wie er im Interview mit dem «Magazin» ausführte: «Wenn ich mit meiner Freundin durch die Stadt spaziere, machen wir jeweils einen kleinen Wettstreit: Wer als Erstes Schweizerdeutsch hört, gewinnt. Meist gehen wir beide leer aus.»

Hürlimann reagiert auf die Dominanz der Anglosphäre mit einem gewissen Fatalismus. Zug ist nun einmal ein Singapore by the Lakeside. Für die NZZ hingegen illustriert Heinz Tännlers Wandel zum Wachstumskritiker die ganze Scheinheiligkeit der 10-Millionen-Debatte. Dass ausgerechnet er die Zuwanderung begrenzen wolle, sei absurdes Theater für Fortgeschrittene:

«Die Szene erinnert an einen Koch, der die Suppe anheizt, dann erschrickt, weil sie überkocht, und schliesslich versucht, dem Problem mit einem Deckel zu begegnen, statt die Hitze zu reduzieren.»

Denn Tännler denkt natürlich nicht daran, die Tiefsteuerpolitik des Kantons zu revidieren. In seinen zehn Jahren als Finanzdirektor habe er sie vielmehr «in grosser Konsequenz fortgeführt», so die NZZ. Fairerweise muss man einräumen, dass er bei weitem nicht der einzige SVP-Politiker ist, der sich bei diesem Thema als «Mister Widerspruch» entlarvt.

In Interviews zur Abstimmung betonen Parteiexponenten, sie seien nicht gegen die Schaffung von Arbeitsplätzen. Als ob es dabei keinen Zusammenhang mit der Zuwanderung gebe. Das zeigt auch ein Grossprojekt des japanischen Industriekonzerns Hitachi Energy, der im aargauischen Wettingen auf der grünen Wiese einen Campus bauen will.

Der Aargauer Regierungsrat unterstützt das umstrittene Vorhaben, für das Kulturland geopfert werden soll. Damit sollen «1000 bestehende Arbeitsplätze gesichert und bis zu 2000 neue angesiedelt werden», argumentiert er. Wie aber sollen diese im heutigen Arbeitsmarktumfeld besetzt werden, wenn nicht durch Zugewanderte aus dem Ausland?

Ein Blick ueber die Zeltstadt bei den letzten Vorbereitungen fuer das Jublasurium, das nationale Pfingstlager von Jungwacht Blauring Schweiz in Wettingen, am Donnerstag, 5. Juni 2025. Das Jublasurium  ...
Wo letztes Jahr in Wettingen das Pfingstlager von Jungwacht Blauring stattfand, will Hitachi Energy einen Campus mit 3000 Beschäftigten bauen.Bild: keystone

Doch selbst SVP-Kantonalpräsident Andreas Glarner, Nationalrat und Migrations-Hardliner, steht hinter dem Hitachi-Campus. «Die SVP-Initiative richtet sich gegen die Zuwanderung und nicht gegen die Schaffung neuer Arbeitsplätze», meinte er in der «NZZ am Sonntag» in bekannter Manier. Er will offensichtlich den Fünfer und das Weggli haben.

Es gibt Stimmen in der Aargauer und der Wettinger SVP, die das Projekt kritisch beurteilen und es als grössenwahnsinnig bezeichnen. Der Widerspruch aber lässt sich nicht verwedeln, sosehr sich die SVP darum bemüht: Man kann nicht tiefe Steuern und neue Arbeitsplätze propagieren und gleichzeitig über die Zuwanderung lästern.

Arbeitsmarkt/KI

Der Bedarf an Arbeitskräften wird immer stärker durch den demografischen Wandel gesteuert, also die sinkende Geburtenrate und die Pensionierung der Babyboomer. Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie könnte für Abhilfe sorgen, ebenso weniger Teilzeitarbeit und Frühpensionierungen. Doch beides können wir uns eben leisten.

Im Prinzip spricht einiges dafür, dass die Zuwanderung hoch bleibt. Eine Entwicklung aber könnte zu mehr qualitativem Wachstum führen: die «Revolution» bei der Künstlichen Intelligenz (KI). Bei uns ist sie anders als in den USA noch wenig präsent, dabei dürfte es zu enormen Effizienzsteigerungen und damit zu einem Stellenabbau kommen.

Treffen dürfte es besonders jene Routine-Bürojobs, in denen sich die einheimische Bevölkerung bequem eingerichtet hat. In der IT-Branche ist dies schon erkennbar. In den USA ist die Angst vor Jobverlust durch KI eines der wenigen Themen, bei denen sich die ansonsten verfeindeten Anhänger von Demokraten und Republikanern einig sind.

Verschont bleiben dürften hingegen körperlich anstrengende Tätigkeiten, die wir gerne Zugewanderten überlassen. Bis sie durch Roboter ersetzt werden, wird es dauern, auch weil deren Herstellung aufwendiger und teurer ist als die Entwicklung von KI-Tools. Darin steckt Sprengstoff, denn wer will vom Bürostuhl auf den Bau oder in den Schlachthof wechseln?

Der Bedarf wäre vorhanden. Migros-Chef Mario Irminger erklärte im «CH Media»-Interview, es sei heute schwierig, Stellen bei firmeneigenen Industriebetrieben wie dem Fleischverarbeiter Micarna zu besetzen. Aktuell seien rund 60 Prozent der Mitarbeitenden ausländische Staatsbürger: «In der Zerlegerei, wo also das Fleisch ausgebeint wird, sind es sogar 90 Prozent.»

Auf die Frage, ob sich die Schweizer «zu fein für solche Arbeiten» fühlten, gab Irminger eine klare Antwort: «Vor zehn Jahren war das Verhältnis noch anders – damals hatten wir mehr Schweizer als Ausländer. Es ist ein schleichender Wandel, aber er ist deutlich.» Schweizer scheuen dieses blutige Handwerk, deshalb bekämpft Mario Irminger die SVP-Initiative.

Die Junge SVP und ihr Präsident Nils Fiechter (Mitte) protestierten in Zürich gegen die Migros.
Die Junge SVP und ihr Präsident Nils Fiechter (Mitte) protestierten in Zürich gegen die Migros.bild: ho

Damit triggerte er die Junge SVP. Sie veranstaltete letzte Woche vor einer Migros-Filiale in Zürich eine «Guerilla-Aktion» mit einem Bild von Gründer Gottlieb Duttweiler. «Die EU-Personenfreizügigkeit ermöglicht es Firmen wie der Migros, Lohndumping im grossen Stil zu betreiben und so die Löhne künstlich tief zu halten», heisst es in einem offenen Brief.

Für die Junge SVP und ihren Präsidenten Nils Fiechter ist somit alles ganz einfach. Man muss nur genug bezahlen, dann arbeiten die Schweizer im Schlachthof. Solche Argumente vernimmt man seit Jahrzehnten, doch mit dem wachsenden Wohlstand wurden sich die Einheimischen «zu fein» für anstrengende und «unappetitliche» Arbeiten. Und höhere Löhne bedeuten in der Regel höhere Preise.

Das sollte man bedenken, wenn man das nächste Mal Steaks und Würste auf den Grill wirft und gleichzeitig über die Zuwanderung flucht. Ob mit den Umwälzungen durch KI aus «Schreibtischtätern» auf einmal Bauarbeiter oder Reinigungskräfte werden, darf man bezweifeln. Vielleicht macht Niels Fiechter den Anfang und arbeitet künftig bei Micarna?

Debatte wird komplizierter

Wohin die KI-Reise gehen wird, ist erst ansatzweise absehbar. Aber falls der Hitachi-Campus gebaut wird, dürfte es dort auch in Zukunft Bedarf in Forschung und Entwicklung geben, ebenso bei Reinigung, Unterhalt oder in der Kantine. In Bereichen wie Buchhaltung oder Personalwesen hingegen werden ziemlich sicher weniger Angestellte benötigt.

Dies wird die Zuwanderungsdebatte in Zukunft komplizierter machen, und das macht Scheinlösungen wie die 10-Millionen-Initiative noch fragwürdiger. Der Wunsch nach qualitativem Wachstum ist verständlich, doch dieser Schuss könnte nach hinten losgehen.

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Geo1
24.05.2026 10:33registriert August 2016
Man solle «stärker auf Qualität statt Quantität setzen» fordert der SVP-Politiker. Spannend... Wie sähe das dann zum Beispiel im Gesundheitswesen oder in der Pflege aus? Wie soll sich dort bitte die Qualität verbessern, wenn plötzlich weniger Fachkräfte eine stark alternde Gesellschaft versorgen müssen?
Klar, der SVP geht es in Tat und Wahrheit um die Untergrabung unserer Beziehungen mit Europa, aber dafür nimmt sie riesige Kollateralschäden in Kauf. Nein zu diesem gefährlichen Etikettenschwindel!
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Chris_A
24.05.2026 10:27registriert Mai 2021
Und da wäre noch die Landwirtschaft die ca 35 000 Mitarbeiter aus der EU beschäftigen. Das die Leute diese Doppelzüngigkeit der Rechtspopulisten nicht erkennen oder ignorieren ist beängstigend.
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Der_Radiator
24.05.2026 10:37registriert März 2021
Wer in 10 bis 20 Jahren in einem Heimatmuseum leben will, welches von unproduktiven Rentnern dominiert wird, welche erstens mangels neuen AHV Einkünften nicht mehr finanziert werden können, und dahinvegetieren ohne Pflege, der möge unbedingt für die Initiative stimmen.
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