Wer beim F‑35-Fiasko versagte – und wo die Verantwortlichen heute sind
Das F‑35-Fiasko hat in Bundesbern ein politisches Beben ausgelöst. Die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats nahm die Beschaffung deshalb umfassend unter die Lupe.
Ihr Bericht zeigt ein kaum kontrolliertes Verfahren und erhebliche Mängel bei Verteidigungsdepartement (VBS) und Armasuisse.
Viele der Beteiligten arbeiten inzwischen nicht mehr für den Bund. Wer sie sind, welche Rolle sie spielten und was ihnen die GPK vorwirft: die Köpfe hinter dem F‑35-Fiasko.
Darko Savic – der Mann, der den ‹Fixpreis› aushandelte
Darko Savic arbeitete beim Bundesamt für Rüstung Armasuisse. Als Projektleiter Neues Kampfflugzeug war er operativ für die F‑35-Beschaffung verantwortlich und führte die entscheidenden Verhandlungen mit den US-Behörden weitgehend per Mail.
Dabei wurde Savic von der Zürcher Kanzlei Homburger beraten. Diese teilte ihm am 4. Oktober 2021 mit, dass sie den Vertrag nicht nach amerikanischem Recht beurteilen könne, und empfahl eine US-Kanzlei. Ob Savic diese Empfehlung intern weiterleitete, konnte die GPK nicht rekonstruieren. Während der Vertragsverhandlungen wurde keine amerikanische Kanzlei beigezogen.
Am 20. Oktober 2021 teilten die USA Savic laut GPK «unmissverständlich» mit, dass die Schweiz weder einen garantierten Preis noch bessere Konditionen als andere Staaten erhalten könne. Savic erklärte später, er habe dies als Verhandlungsposition verstanden.
Zwei Tage später stimmten die USA der «Note 55» zu – jener Zusatzklausel, auf die sich die Schweiz später bei ihrer Fixpreisbehauptung stützte. Darin stand, dass die Schweiz die Jets zu jenem Preis erhalten sollte, den ihr die USA offeriert hatten. Gleichzeitig blieben die allgemeinen Vertragsbedingungen gültig, die nur von geschätzten Kosten ausgingen. Auch ob Savic diese Information, intern weitergab, konnte die GPK nicht abschliessend feststellen.
Am 26. November 2021 erklärte Savic gegenüber Medienschaffenden dennoch, die Schweiz profitiere von Festpreisen inklusive Inflation. Laut Republik war er die einzige Person im VBS, die den vollständigen Kaufvertrag gelesen hatte. Am 19. September 2022 unterschrieb er ihn gemeinsam mit Rüstungschef Martin Sonderegger.
Savic verliess Armasuisse Anfang 2025 nach 16 Jahren. Seit Mai 2025 arbeitet er als Abteilungsleiter beim Flugzeughersteller Pilatus.
Martin Sonderegger – der Rüstungschef, der sich nicht erinnert
Als Rüstungschef und Direktor von Armasuisse trug Martin Sonderegger die operative Führungsverantwortung. Innerhalb des Bundesamts waren vor allem nur Savic und Sonderegger in die Vertragsverhandlungen eingebunden. Der Programmleiter Air2030 und der Rechtsdienst blieben ausserhalb des Informationsflusses.
Die entscheidenden Mails gingen auf Schweizer Seite nur an Savic. Die GPK bezeichnet dieses Vorgehen als «nicht nachvollziehbar» und kritisiert, dass kein Mehraugenprinzip angewendet und das Verhandlungsergebnis innerhalb von Armasuisse nicht kritisch überprüft wurde. Sonderegger erklärte der GPK jedoch, er sei ungefähr wöchentlich informiert worden und habe von den Verhandlungen zur «Note 55» gewusst. Deren Vorversionen kannte er nicht im Detail. Von Homburgers Empfehlung, amerikanische Anwälte beizuziehen, habe er erst während der GPK-Untersuchung erfahren. Ob er den vollständigen Vertrag gelesen hatte, konnte er rückblickend nicht mehr beantworten.
Im Mai 2022 warnte die Eidgenössische Finanzkontrolle zudem vor fehlender Rechtssicherheit und möglichen Mehrkosten. Armasuisse lehnte ihre Empfehlung unter Sondereggers Leitung «entschieden» ab.
Am 19. September 2022 unterschrieb Sonderegger den Kaufvertrag gemeinsam mit Savic. Ende August 2023 ging er in Pension.
Viola Amherd – die politisch Verantwortliche
Als Vorsteherin des VBS trug alt-Bundesrätin Viola Amherd die politische Verantwortung für die Evaluation, den Typenentscheid und die Aushandlung des Kaufvertrags.
Auf ihren Entscheid hin wurde Armasuisse die Kanzlei Homburger zur Seite gestellt, während der interne Rechtsdienst ausgeschlossen blieb. Begründet wurde dies damit, dass ihm die nötigen Fähigkeiten für ein derart komplexes Geschäft fehlten. Homburger erklärte jedoch selbst, den Vertrag nicht nach amerikanischem Recht beurteilen zu können. Amherd selbst nahm laut GPK «lediglich Teile des Vertrags» zur Kenntnis. Die von den USA unterzeichnete Fassung wurde ihr zwar zugestellt, im Departement aber nicht überprüft.
Das VBS erteilte Armasuisse zudem kein klares Verhandlungsmandat, begleitete die Gespräche nicht in Echtzeit und legte nicht fest, wie das Ergebnis kontrolliert werden sollte. Die GPK bezeichnet die «ungenügende Führung der damaligen Departementsvorsteherin» angesichts der Vertragssumme als nicht nachvollziehbar.
Im Mai 2022 warnte die Eidgenössische Finanzkontrolle, dass keine absolute Rechtssicherheit für einen pauschalen Fixpreis bestehe. Im VBS fand daraufhin kein Umdenken statt. Noch am 2. Juni 2022 erklärte Amherd im Ständerat, die Schweiz kaufe die F‑35A zu einem pauschalen Fixpreis. Im September sagte sie gegenüber der NZZ: «Ich kann nichts anderes sagen, als dass wir dies so ausgehandelt haben. Das steht so in den Verträgen.»
Im August 2024 wurde Amherd darüber informiert, dass die USA das Schweizer Fixpreisverständnis nicht teilten und Mehrkosten drohten. Den Gesamtbundesrat setzte sie erst am 7. März 2025 ins Bild, nachdem die USA ihre Haltung schriftlich bestätigt hatten. Die Begründung des VBS, man habe wegen möglicher Indiskretionen mit der Information zugewartet, bezeichnet die GPK als «nicht akzeptierbar».
Die Kommission fand keinen Hinweis auf eine bewusste Täuschung. Sie wirft Amherd jedoch eine ungenügende Führung und eine zu späte Information des Gesamtbundesrates vor. Seit Ende März 2025 ist Viola Amherd nicht mehr Mitglied des Bundesrates.
Toni Eder – Amherds oberster Berater
Toni Eder leitete von 2019 bis Ende 2023 das Generalsekretariat des VBS. Seine Stelle beauftragte Homburger als externe Rechtsberatung und wickelte deren Rechnungen ab.
Eder konnte sich gegenüber der GPK nicht erinnern, von Homburgers Empfehlung einer US-Kanzlei erfahren zu haben. Er erklärte, er hätte einen solchen Beizug «kaum abgelehnt». Niemand aus seinem Stab war in den entscheidenden Mailverkehr eingebunden. Eine zeitnahe Berichterstattung fand nicht statt und wurde vom Generalsekretariat auch nicht eingefordert.
Die von den USA unterzeichnete Vertragsfassung wurde dem Generalsekretariat zugestellt, aber nicht überprüft. Eder gab an, den Kaufvertrag «nicht vollständig gelesen» zu haben. Laut GPK verliess sich seine Stelle zu stark darauf, dass Homburger sämtliche Rechtsfragen geklärt habe.
Auch die Kontrolle der Homburger-Rechnungen kritisiert die GPK. Aus den Rechnungen an das Generalsekretariat ging nicht hervor, wie viel Zeit zu welchen Ansätzen verrechnet wurde. Die Kommission bezweifelt deshalb, dass eine wirksame Kontrolle möglich war.
Nach seinem Ausscheiden aus dem VBS machte sich Eder im April 2024 mit einer Beratungsfirma selbstständig. Über seine Firma erhielt er ein Beratungsmandat des VBS für die strategische Begleitung des Projekts Mitholz, das bis 2028 dauert.
Davide Serrago – der Stabschef, der den Vertrag nicht las
Davide Serrago war Stabschef im Generalsekretariat des VBS und Stellvertreter von Toni Eder. Die GPK schreibt ihm eine «tragende Rolle» bei der Beschaffung zu. Den Kaufvertrag hatte Serrago nach eigenen Angaben jedoch nicht gelesen.
Am 26. November 2021 nahm er am Mediengespräch teil, bei dem Savic erstmals öffentlich von Festpreisen sprach. Am 27. April 2022 sass Serrago zudem bei der Schlussbesprechung mit der Finanzkontrolle am Tisch. Diese warnte vor fehlender Rechtssicherheit und empfahl, mögliche Mehrkosten als Risiko zu erfassen. Die VBS-Vertreter stellten sich laut GPK geschlossen hinter die Fixpreisklausel. Welche Aussagen von Serrago stammten, geht aus dem Bericht nicht hervor.
Im September 2025 verliess Serrago das VBS. Heute ist er Mitgründer einer Finanzplattform und arbeitet als Rechtsanwalt.
Peter Winter – der Einzige, der noch dort ist
Peter Winter war Vizedirektor von Armasuisse und leitete das Gesamtprogramm Air2030. F‑35-Projektleiter Savic war ihm direkt unterstellt. Nach dem Typenentscheid hatte Winter bei der eigentlichen Beschaffung jedoch formell keine Rolle mehr. Savic rapportierte direkt an Sonderegger und Winter war laut GPK «nicht im Informationsfluss».
Am 9. November 2021 erhielt Winter einen Brief des amerikanischen F‑35-Programmbüros JPO. Dieser gewährte Armasuisse Einblick in die Herstellerverträge und hielt fest, dass die Schweiz ihre Flugzeuge zum gleichen Preis wie die USA erhalten sollte, dies garantierte jedoch keine unveränderliche Kaufsumme.
Am 7. Dezember 2021 unterzeichnete Winter ein Papier mit sechs gemeinsamen Kommunikationspunkten von Armasuisse und der US-Behörde DSCA. Darin wurde der Kaufvertrag als Fixpreisvertrag inklusive Inflation bezeichnet. Die GPK hält jedoch ausdrücklich fest, das Dokument sei von beiden Seiten lediglich zur Kenntnis genommen worden, «ohne aber damit die rechtliche Verbindlichkeit zu bestätigen».
Winter hatte den Kaufvertrag nach eigenen Angaben nicht gelesen, weil er an dessen Aushandlung nicht beteiligt gewesen sei. Seine Unterschrift unter das Kommunikationspapier erklärte er damit, dass auf amerikanischer Seite eine Person derselben Hierarchiestufe unterzeichnet habe.
Den Kaufvertrag selbst unterschrieb Winter nicht. Heute arbeitet er weiterhin für Armasuisse und leitet deren Büro in Washington.
(kma)
