Schweizer Autobahnen am Limit – wie Engpässe die Staustunden nach oben treiben
Die Schweizer Nationalstrassen verbinden das Land mit der Agglomeration und den Städten. Doch durch das immer grössere Verkehrsaufkommen ist das 2259 Kilometer lange Strassennetz oft überlastet, wie ein neuer Bericht des Bundesamts für Strassen ASTRA zeigt.
Über 68'000 Staustunden registrierte der Bund im Jahr 2025 auf den Nationalstrassen. Eine Zunahme von einem Fünftel im Vergleich zum Vorjahr oder rund 12'500 Stunden, was gar über dem Trend seit 2021 liegt.
Der Grund für den Stillstand auf den Nationalstrassen war überwiegend die Überlastung durch das starke Verkehrsaufkommen. Diese verursachte rund 89 Prozent der Staustunden. Verkehrsstörungen durch Unfälle oder Baustellen machen nur einen kleineren Teil der Wartezeiten aus.
Werden auch mehr Kilometer gefahren?
Insgesamt legten Fahrzeuge auf den Nationalstrassen rund 30 Milliarden Kilometer zurück – eine Zunahme von knapp 1,4 Prozent. Beinahe 45 Prozent dieser Kilometer wurden auf Autobahnen zurückgelegt, obwohl diese nur drei Prozent des Strassennetzes in der Schweiz ausmachen.
Es werden also trotz höheren Verkehrsaufkommens kaum mehr Kilometer zurückgelegt. Während Lenkerinnen und Lenker im Jahr 2024 noch 1,86 Stunden pro Million Fahrkilometer im Stau gestanden sind, waren es 2025 über 2,25 Stunden. Diese Zahl dient nur der Veranschaulichung, dass im letzten Jahr nicht signifikant mehr Kilometer zurückgelegt, aber einiges länger stillgestanden wurde.
Die Überlastung der Infrastruktur wird auch vor allem in den Sommermonaten von Juni bis September spürbar. So stehen Menschen im Juni über 7100 Stunden im Stau, was rund 2360 Stunden mehr sind als im Juni 2024 oder mehr als doppelt so viele Stunden wie im Januar 2025.
Das hohe Verkehrsaufkommen während der Sommerferien ist ein Teil des umfassenderen Problems der Überlastung zu Spitzenzeiten, wie das ASTRA im Bericht festhält. Ähnliche Stauaufkommen sind während der täglichen Pendelzeiten am Morgen und am Abend oder auch am Wochenende auf Strassen in den Süden zu beobachten.
Besonders betroffen sind die Hauptachsen
Doch sind die Nationalstrassen nicht nur während der Stosszeiten ausgelastet, sondern oft permanent während des ganzen Tages. Gerade die Hauptverkehrsachsen A1, A2 und A3 sind besonders stark von zunehmendem Verkehr betroffen. Am stärksten zugenommen haben die Staustunden auf der Nord-Süd-Achse. Auf der Gotthard-Autobahn A2 registrierte das BFS 3706 Staustunden mehr als noch letztes Jahr.
Einzig die A6, A20 und A24 konnten etwas weniger Staustunden verzeichnen. Am stärksten ist der Stau auf der A6, also der Verbindung von Biel ins Berner Oberland, zurückgegangen. Lenkerinnen und Lenker standen rund 117 Stunden weniger lang im Stau als noch im Jahr 2024.
Ganz generell nahm die Anzahl an absoluten Staustunden am stärksten auf den Hauptverkehrsachsen zu, doch die relative Veränderung im Vergleich zum Vorjahr zeigt, dass auch das Verkehrsaufkommen auf den kleineren Nationalstrassen stark zugenommen hat.
Während die relative Zunahme auf der A2 mit 31 Prozent zwar klar über dem landesweiten Durchschnitt von 22,4 Prozent lag, bleibt sie im relativen Vergleich weit hinter den Spitzenreitern.
Die grösste Zunahme hat das Bundesamt aber auf der A21 registriert. Mit einem Plus von 616 Prozent haben sich die Wartezeiten durch Stau mehr als versechsfacht. Die damit verbundene absolute Zunahme ist aber im Vergleich zu den anderen Nationalstrassen mit plus 101 Staustunden trotzdem eher gering.
Aber auch auf der eigentlich grossen A5 standen die Räder über doppelt so lange still wie noch im Jahr 2024. Das Bundesamt für Strassen spricht hier aber von einem Spezialfall, denn die Route zwischen Yverdon und Luterbach war vor allem im innerstädtischen Abschnitt in Biel von Stau betroffen. Konkret steckte der Verkehr vor allem bei der Verzweigung Brüggmoos (A6) und dem Kreisel Neuenburgstrasse fest.
Trotz Milliardenausbaus immer mehr Stau
Die Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten mehrere Milliarden für den Ausbau der Nationalstrassen in die Hand genommen, doch scheint dies die Staustunden nicht reduziert zu haben – im Gegenteil. Nach dem Bericht des ASTRA wächst der Verkehr weiterhin schneller als die Kapazität des Strassennetzes.
Dazu kommt, dass die angespannte Situation auf den Schweizer Strassen immer mehr von einzelnen Engpässen bestimmt wird. Das ASTRA hält fest, die Schweiz habe kein Flächenproblem, sondern ein Engpassproblem. Der Stau entstehe dort, wo viel Verkehr auf begrenzte Infrastruktur trifft.
Nadelöhr und Engpässe
Der starke Anstieg der Staustunden zeige laut des ASTRA, dass die Überlastung auf dem Nationalstrassennetz nicht punktuell auftrete, sondern dass auf wichtigen Abschnitten zunehmend wiederkehrende, strukturelle Engpässe herrschen. Wie beispielsweise auch der Kreisel auf der A5 bei der Neuenburgstrasse in Biel. Doch ist dieser Messpunkt nicht mal in den Top 20 der wachstumsstärksten Messpunkte.
Am meisten Mehrverkehr verzeichnete die Messstelle Hospental Süd im Kanton Uri mit einem Plus von 17,6 Prozent. Auffällig bei den Top 20 der am stärksten gewachsenen Strassenabschnitte ist, dass bis auf einige Ausnahmen alle Nationalstrassen Nord-Süd-Verbindungen sind. Dies wohl nicht zuletzt, um den Stau beim Gotthard zu umfahren.
Gerade für den Schwerverkehr ist die Nord-Süd-Achse, aber auch die Ost-West-Achse, enorm wichtig. Je fünf der zehn Zählquerschnitte mit den höchsten Schwerverkehrsanteilen lagen 2025 auf der A1 bzw. der A2. Auch über den gesamten Verkehr gesehen sind die grossen Nationalstrassen enorm stark genutzt.
17 der 20 Messstellen in den Top 20 mit dem höchsten Verkehrsaufkommen sind an einer der Hauptverkehrsachsen gelegen. Die meisten Fahrzeuge pro 24 Stunden wurden im letzten Jahr durchschnittlich bei Wallisellen gemessen. Mit 136'836 pro 24 Stunden fahren bei diesem Strassenabschnitt über 25'000 mehr Fahrzeuge durch als beim zweitplatzierten Schlieren. Beide Abschnitte liegen auf der A1 und zwischen ihnen die Stadt Zürich.
Abschliessend hält das ASTRA fest, dass reines Verkehrsmanagement und technologische Innovation wie das automatisierte Fahren alleine nicht genügen werden, um das Strassennetz langfristig zu entlasten. Vor allem die systematischen Engpässe gefährden die gesamte Netzfunktion. Das Ziel bleibe, so das Bundesamt weiter, die Verfügbarkeit des Netzes langfristig zu sichern, Kantons- und Gemeindestrassen wieder zu entlasten.
Der Bundesrat hat die Vernehmlassung zur Vorlage «Verkehr '45» am 19. Juni 2026 eröffnet. Die Vorlage sieht vor, dass Projekte im Bereich Schienen- und Strassenverkehr bis 2045 mit Priorität verwirklicht werden sollen. Doch ob die stärkere Priorisierung der Infrastrukturprojekte diesmal mit dem stetig wachsenden Strassenverkehr mithalten kann, bleibt abzuwarten.
