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UBS-Regulierung: Die Wissenschaft dazu wird von den Banken bezahlt

Wir wollten Forscher zur UBS-Regulierung befragen – gar nicht so einfach

Wie unabhängig kann die Wissenschaft zum Thema Bankenregulierung forschen, wenn sie selbst im grossen Stil vom Bankensektor bezahlt wird?
07.06.2026, 10:1507.06.2026, 10:17

Heinz Zimmermann ist emeritierter Professor für Finanzmarkttheorie an der Universität Basel. Vor einem Jahr erstellte er ein Gutachten, auf das sich der Bundesrat im Zuge seiner «Too big to fail»-Regulierungsverschärfung stützte.

Zimmermann sagt auf Anfrage, der Vorschlag des Bundesrates sei aus Sicht des Steuerzahlers «nachvollziehbar und wünschbar». So klar wie der emeritierte, aber noch in der Forschung tätige Finanzprofessor äussern sich nur wenige aus seiner Gilde zur Causa UBS.

Wir haben insgesamt 30 in der Schweiz tätige Professoren und eine Professorin angefragt. Konkret wollten wir von ihnen zwei Dinge wissen:

  1. «Unter Einbezug Ihrer Expertise und der aktuellen Forschung, halten Sie die Forderung, Tochtergesellschaften im Ausland mit 100 Prozent hartem Eigenkapital unterlegen zu müssen, für angemessen und zielgerichtet? Für zu weitgehend? Oder für zu wenig weitgehend?»

    Und:
  2. «Uneinigkeit scheint besonders darüber zu herrschen, ob der aktuelle Regulierungsvorschlag der Regierung das Kreditgeschäft der UBS verteuern würde. Wie schätzen Sie diesen Punkt ein, resp. was sagt die Forschung hierzu?»

Per Mail angefragt wurden 29 in der Schweiz tätige Professoren und eine Professorin. Finanzprofessoren sind Spezialistinnen und Spezialisten in den für solche Fragen relevanten Fachgebieten der Kapitalmärkte, Banken- und Unternehmensfinanzierungen und -bilanzen sowie Investitionen.

Geantwortet haben uns 15 Professoren und eine Professorin. Davon zeigten sich fünf Finanzprofessoren und ein Makroökonom bereit, die Fragen zu beantworten. Vier taten dies schriftlich, mit zwei Professoren wurde ein telefonisches Gespräch geführt.

Wie wurden die Absagen begründet?
Zehn Professoren gaben uns per Mail an, keine Antwort geben zu können. Zwei davon begründeten dies mit fehlender Zeit aufgrund von Reisen. Vier erklärten, das Thema entspreche nicht ihrem Fachgebiet und/oder verwiesen auf Kollegen, die das besser beantworten könnten. Drei Professoren entschuldigten sich aufgrund einer Befangenheit: einer wegen seiner Mitgliedschaft im Bankrat der SNB, einer wegen seiner Rolle als Rektor einer Universität und einer wegen der laufenden Arbeit an einem Gutachten in diesem Zusammenhang für das Handelsgericht.
Insgesamt 14 Anfragen blieben bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

Was die Professoren uns erzählten, kannst du hier nachlesen:

Geringe Sichtbarkeit in den Medien

Dass nur wenige Finanzprofessoren in der Schweiz watson Antwort geben wollten, kann verschiedene Gründe haben. Möglicherweise war der Zeitpunkt schlecht oder die Vorlaufzeit von einer Woche angesichts der grossen Arbeitslast von Professoren zu gering. Und vielleicht gaben sie auch bereits anderen Medien Auskunft zum Thema Bankenregulierung.

Ein Blick in die Schweizer Mediendatenbank SMD zeigt jedoch: Lediglich drei derjenigen Professoren, die watson nicht antworteten, haben sich im letzten Jahr zum Thema UBS und Eigenkapitalanforderungen in den Medien geäussert.

Dass angesichts der grossen offenen Fragen in Politik und Medien zum Thema Bankenregulierung und Eigenkapitalanforderungen bei Grossbanken in der Öffentlichkeit erstaunlich wenig von der Forschung zu vernehmen ist, ist keine neue Beobachtung. Und eine mögliche Erklärung dazu führt – zurück zur UBS.

Im letzten Herbst warfen die Tamedia-Zeitungen mit dem Artikel: «UBS-Millionen werfen einen Schatten auf die Unabhängigkeit der Universitäten» die Frage auf, weshalb sich der Bundesrat bei seinem Regulierungsvorschlag auf gerade mal ein einziges Gutachten aus der Wissenschaft stützt, dasjenige von Heinz Zimmermann. Und im Herbst 2024 untersuchte die «Republik» in einem ausführlichen Artikel die Verbindung zwischen Banken und Forschung. Im Zentrum beider Artikel: das Swiss Finance Institute (SFI).

Das Swiss Finance Institute und die bezahlten Professoren

Das SFI ist eine Stiftung ohne Hochschulakkreditierung, die es sich gemäss eigenen Aussagen zum Ziel macht, «durch die Verbindung von akademischer Exzellenz und praktischer Erfahrung» zur «Stärkung des Finanzplatzes Schweiz» beizutragen. Aus der Sicht des SFI unterliegen Schweizer Universitäten Auflagen, «die es ihnen erschweren, auf dem internationalen akademischen Markt um Spitzenforscher im Bereich Bank- und Finanzwesen zu konkurrieren.» Das SFI helfe ihnen, diesen «strukturellen Nachteil zu überwinden».

Doppelt so hoch wie vor zehn Jahren, aber immer noch zu tief: Der Frauenanteil bei den ordentlichen Professuren an Uni Zürich beträgt 21 Prozent.
Auch die Universität Zürich erhält Geld vom Swiss Finance Institute. Bild: Keystone

Konkret tut es das unter anderem mit Geldvergabe direkt an gewisse Institute. So überwies das SFI insgesamt vier Millionen Franken an das Department of Finance der Uni Zürich als «Forschungsunterstützung Finance» für die Jahre 2021 bis 2028. Indirekt wird damit fünf bis sechs Professoren während acht Jahren ein zusätzliches Salär im Wert von 50'000 Franken pro Jahr bezahlt.

Das SFI spricht von sich selbst als einer «Fakultät» mit «Fakultätsmitgliedern», obwohl die entsprechenden Personen an unterschiedlichen Universitäten der Schweiz angestellt sind. Von den mehr als 95 Professoren, die das SFI Anfang 2026 als «Fakultäts­mitglieder» zählte, sind gemäss Auskunft von SFI-Geschäftsleitungsmitglied Markus Bürgi 24 SFI-Chairholder, also Lehrstuhlinhaber. Wie die erwähnten Professoren an der Uni Zürich werden sie alle demnach mit bis zu 50'000 Franken pro Jahr entlöhnt. Diesen Bonus erhalten die Lehrstuhlinhaber zusätzlich zu ihrem regulären Salär. Alle SFI-Mitglieder können sich ausserdem um eine weitere Entschädigung im selben Umfang bewerben, indem sie sich an Weiterbildungsangeboten beteiligen – zum Beispiel, indem sie Seminare leiten für Personen aus dem Bankensektor oder einer sogenannten Public Discussion Note, also einem «Beitrag zu einer öffentlichen Diskussion».

Gemäss Bürgi zahlen alle Banken in der Schweiz via Bankiervereinigung jährlich einen Beitrag an das SFI, wobei die UBS als grösste Schweizer Bank auch den grössten Betrag beisteuert. Demnach finanziert sich das SFI fast zu 100 Prozent aus diesen Beiträgen. Welche Bank konkret wie viel bezahlt, ist jedoch nicht öffentlich.

Forschungsfinanzierung nicht nur über das SFI
Die grösste Bank der Schweiz finanziert die hiesige Forschung nicht nur über das SFI. So wurde das UBS Center for Economics in Society an der Universität Zürich 2012 mit einer Spende von 100 Millionen Franken gegründet und 2020 um weitere 25 Millionen aufgestockt. Dieses finanziert dort mehrere Professuren sowie die Zurich Graduate School of Economics. An der Universität St.Gallen (HSG) übernahm die UBS zudem die Verpflichtungen aus Verträgen der Credit Suisse (rund 20 Millionen Franken für die Jahre 2021–2030).
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Bild: KEYSTONE

Auch eine Mehrheit der von watson angeschriebenen Professoren, die wir anhand der Beschreibung ihrer Forschung und ihres Fachgebiets als passend für die Fragestellung einschätzten, ist Mitglied des Swiss Finance Institutes. Von diesen 24 Forschenden haben sich drei bereit erklärt, umfassend auf unsere Fragen zu antworten.

Sechs Finanzprofessoren, die nicht Mitglied beim SFI sind (eine Professorin ist ehemaliges Mitglied), wurden ebenfalls um eine Einordnung gebeten. Drei erklärten sich bereit, uns für eine Antwort zur Verfügung zu stehen – also die Hälfte der angefragten Personen.

«Das widerspricht der Logik der Wissenschaft»

«Das SFI ist eine weit vernetzte Institution geworden in der Schweiz», sagt der emeritierte Professor Heinz Zimmermann, der nicht SFI-Mitglied ist. Bereits gegenüber den Tamedia-Zeitungen meinte er, es gebe «nicht mehr viele wirtschaftswissenschaftliche Fakultäten in der Schweiz, welche nicht vom Swiss Finance Institute der Bankiervereinigung gesponsert werden und damit als unabhängig zu betrachten sind.»

Zimmermann ist einer der wenigen seiner Gilde, welche die Verbandelung seiner (ehemaligen) Kollegschaft öffentlich kritisieren. Ein anderer ist Marc Chesney. Der Schweizer ist emeritierter Professor für Finanzmathematik und ehemaliger Direktor des Department of Banking and Finance an der Uni Zürich. Chesney war mehrere Jahre selbst SFI-Mitglied während seiner Anstellung an der Uni Zürich – durch den damaligen Vertrag der Universität mit dem SFI «praktisch automatisch», wie er sagt. «Offenbar wurde es damals erwartet, dass alle ordentlichen Professoren im Finanzwesen an der Uni Zürich Mitglied des SFI sein sollten.» 2017 bemühte er sich um einen «Austritt». «Für mich war klar, dass ich unabhängig bleiben wollte. Ich hatte die Funktionsweise des SFI verstanden.»

Im Gegensatz zu anderen hat sich Chesney bereits wiederholt zum Thema geäussert, als er noch als Professor angestellt war. Angesprochen auf die Antwortrate der von watson angeschriebenen Professoren sagt er: «Die Zahlen der von Ihnen angefragten Professoren zeigen, wie wenig sich solche des SFI im Vergleich zu den anderen äussern wollen.»

Auch die «Republik» schrieb schon 2024, dass sich damals «kaum jemand zur CS-Übernahme durch die UBS geäussert hat». Und der emeritierte Genfer Wirtschaftsprofessor und Dekan Beat Bürgenmeier sagte gegenüber dem Onlinemagazin: Im Zuge des Untergangs der Credit Suisse seien «die meisten Finanzprofessoren, die sich über das SFI in den Dienst der Finanzbranche stellen, […] ihrer Pflicht, die Öffentlichkeit zu informieren, nicht nachgekommen».

Aber warum ist das so? Chesney glaubt, wenn Professoren im Finanzwesen zusätzliche Entlöhnungen erhalten, erzeugt das Interessenkonflikte und falsche Anreize. «Als ordentlicher Professor in der Schweiz gibt es einen impliziten Vertrag mit dem Steuerzahler, sich zu äussern: Probleme identifizieren und Lösungen vorschlagen.»

Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universitaet Zuerich, referiert ueber "Die Mikro-Besteuerung des riesigen Volumens der elektronischen Transaktionen als Werkzeug der Steuermodernisierung&quot ...
Marc Chesney ist emeritierter Professor für Finanzmathematik und ehemaliger Direktor des Department of Banking and Finance an der Uni Zürich.Bild: KEYSTONE

Immer wieder zieht Chesney in Interviews zum Thema das positive Beispiel der Coronapandemie oder des Klimawandels herbei: «Professoren schreiben am IPCC-Bericht über den Zustand des Klimas und während Corona waren sie Teil der Debatte über eine Impfpflicht.» Solche Forschende würden laut Chesney den Vertrag mit dem Steuerzahler im Prinzip respektieren. «Und während der CS-Krise? Die zweitgrösste Bank der Schweiz verschwindet und eine Mehrheit will nicht sprechen. Das widerspricht der Logik der Wissenschaft.»

Erwünscht: «history of good citizenship with SFI»

Quasi per Definition muss sich das SFI den Vorwurf gefallen lassen, dass wer Geld von Banken erhält, um in ebendiesem Gebiet zu forschen, möglicherweise nicht unvoreingenommen forscht – sei es bei der Wahl des Forschungsschwerpunkts oder beim kritischen Hinterfragen der Resultate.

«Die wissenschaftliche Unabhängigkeit der von SFI unterstützten Professuren hat für das SFI höchste Bedeutung», sagt SFI-Geschäftsleitungsmitglied Markus Bürgi auf Anfrage. «Mit der finanziellen Unterstützung sind keine inhaltlichen Verpflichtungen betreffend Forschung oder Lehre verbunden. Relevant ist einzig die wissenschaftliche Qualifikation», so Bürgi.

Dafür ist der «Wissenschaftliche Beirat» des SFI zuständig, der sich gemäss Bürgi aus «im Ausland ansässigen Banking-and-Finance-Professorinnen und -Professoren höchster Reputation» zusammensetzt. Laut «Republik» muss, wer einen SFI-Lehrstuhl erhalten will, mindestens vier Publikationen in vorgegebenen Journals während der letzten sechs Jahre ausweisen. Doch zeitschriftenbasierte Kriterien sind nicht dieselben wie diejenigen von Universitäten. So kann es einen Anreiz geben, zu denjenigen Themen zu forschen, die in den Journals gut ankommen – traditionell sind dies klassische Mainstream-Ökonomie-Themen.

Damit einem Professor die Position als Lehrstuhlinhaber erneuert oder zum ersten Mal garantiert wird, muss er jedoch noch weitere Kriterien erfüllen. Das zeigt ein internes Dokument, das die «Republik» verlinkte. Dort steht unter anderem, was für eine erstmalige Bewerbung um einen «Senior Chair» gilt: «Vier Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften reichen nicht aus, wenn der Kandidat keinen Einfluss auf das Fachgebiet ausgeübt hat, der einem internationalen Ruf entspricht, und wenn er sich bei SFI nicht als vorbildliches Mitglied erwiesen hat [Original: ‹history of good citizenship with SFI›].» Was genau darunter zu verstehen ist, wird nicht weiter erläutert.

Wie steht es da also um die Forschung zum wichtigen – aber womöglich heiklen – Thema «Eigenkapital bei systemrelevanten Banken»? Ein SFI-Finanzprofessor, der ebenfalls für den watson-Bericht angefragt wurde, wollte sich selbst nicht äussern, verwies aber auf eine von ihm 2024 erstellte «Public Discussion Note» zum Thema. Diese stand jedoch nach Veröffentlichung in der Kritik, die Nachteile von zusätzlichem Eigenkapital zu stark in den Fokus zu rücken und gleichzeitig die Vorteile zu wenig zu betonen.

Zudem: Hinweise aus der Forschung bezüglich zu geringer Eigenkapitalanforderungen von Schweizer Banken (vor, aber auch nach der UBS- respektive CS-Rettung) stammen in überwiegendem Umfang von Nicht-SFI-Forschenden, wie eine Google-Recherche zum Thema zeigt.

Finanzprofessoren und «Generalisten»

Zu den sechs Professoren, die watson eine Einschätzung gaben, gehören drei nicht dem SFI an. Von den anderen drei ist einer kein Finanzprofessor, sondern Makroökonom und Finanzkrisen-Experte. Dazu muss festgehalten werden: Es gibt durchaus Professoren, die sich öffentlich klar äussern zum Thema und dabei auch für strengere Bankenregulierungen plädieren. Ein prominentes Beispiel dafür ist Aymo Brunetti, Volkswirtschaftsprofessor an der Uni Bern.

Marc Chesney wirft ein: «Wirtschaftsprofessoren äussern sich viel öfter.» Aber eigentlich sei das paradox: «Finanzprofessoren wären die wirklichen Experten in diesen Themen, sozusagen die Crème de la Crème. Dass sie sich offenbar weniger äussern als die Generalisten, ist doch komisch.»

Heinz Zimmermann hat ein Gutachten für den Bundesrat verfasst. Gleichzeitig ist er beim Bund angestellt. Bietet das nicht auch Raum für Interessenkonflikte? Er sagt: Unabhängigkeit sei das A und O der Wissenschaft und ihrer Glaubwürdigkeit. «Natürlich ist man auch als staatlicher Professor nicht unabhängig vom Geldgeber. Aber ich habe mich deswegen in über 35 Jahren nie zu einem für den Staat relevanten Thema nicht geäussert oder Konsequenzen erlebt – wozu es Anlass gegeben hätte.»

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Die beliebtesten Kommentare
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Schlaf
07.06.2026 10:50registriert Oktober 2019
Wenn selbst Schuhhersteller dem Bund die Leviten lesen und ihm diktieren, wer bestimmen darf und wer nicht…

Schon ziemlich kaputt, unser schönes Land!
Und alles dem Geld und der Gier geschuldet, Wohlstandsverwahrlosung in absoluter Perversion!
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