Durch Überfluss haben Schweizer diesen überlebenswichtigen Reflex verloren
Weisst du, was ein «Cabuzon» ist? Viele Schweizerinnen und Schweizer scheinen das vergessen zu haben. Der «Cabuzon» war die Vorratskammer meiner Grossmutter im Pays-d’Enhaut. Dorthin schickte sie uns, um die eine oder andere Zutat aus ihren Vorräten für das Essen zu holen.
Alles jederzeit und sofort zur Verfügung zu haben, ist zur Normalität geworden. Und zwar unabhängig davon, aus welcher Region der Welt die Produkte stammen. Keine Vorräte mehr, kaum noch regionale Produkte, keine Rücksicht auf die Saison … Man muss allerdings auch sagen, dass wir seit dem Zweiten Weltkrieg kaum noch Lebensmittelknappheit erlebt haben.
Röstibrücke
Jeden Sonntag lädt watson Persönlichkeiten aus der Romandie ein, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren oder ein Thema ins Licht zu rücken, das sonst zu wenig Beachtung findet.
Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP), Ivan Slatkine (Verleger) und die QoQa-Otte.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Die eigene Lebensmittelversorgung krisenfest machen
Das Gegenteil ist der Fall: Lebensmittel gibt es im Überfluss, auch zu Discountpreisen. Für viele von uns ist es selbstverständlich, in unserem Lieblingsgeschäft fast zu jeder Tageszeit gut gefüllte Regale vorzufinden – auch mit Produkten, die gerade keine Saison haben. Gelegentlich können wir uns sogar ein Produkt oder eine Mahlzeit nach Hause liefern lassen.
Der Gedanke, Vorräte für schlechte Zeiten anzulegen, ist uns fremd geworden.
Zwar rückte die Notwendigkeit, einige lebenswichtige Produkte vorrätig zu haben, während der Corona-Pandemie plötzlich wieder ins Bewusstsein. Doch wie lange hielt dieses Bewusstsein an? Ist die Gewohnheit geblieben oder ist sie genauso schnell wieder verschwunden wie die Angewohnheit, direkt auf dem Bauernhof einzukaufen oder die Ferien in der Schweiz zu verbringen?
Dabei empfiehlt der Bund, Vorräte anzulegen. Auch in vorausschauenden Haushalten gehört dies zu den Vorsichtsmassnahmen. Vorräte zu Hause zu haben, ist immer nützlich und hilft, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Schliesslich weiss man nie, wann eine Krise plötzlich eintritt und wie schwerwiegend ihre Auswirkungen sein werden.
In diesem Sommer haben die Wasserknappheit und die geopolitische Lage bestimmte Handelswege eingeschränkt. Das hat insbesondere gezeigt, wie anfällig Teile unserer Versorgung sind. Unabhängig von der Jahreszeit sind wir auch vor extremen Wetterereignissen nicht geschützt. Starke Regen- oder Schneefälle sowie heftige Sturmböen können Bäume zum Umstürzen bringen, Verkehrswege unterbrechen und uns dazu zwingen, zu Hause zu bleiben. In solchen Fällen ist es immer gut, auf Vorräte zurückgreifen zu können.
Ein Lebensmittelvorrat bietet aber auch in ruhigeren Zeiten Vorteile. Wer grössere Mengen oder Produkte zu günstigen Preisen kauft, kann Geld sparen. Ausserdem kann man sich damit den einen oder anderen Einkauf ersparen.
Was gehört in den Notvorrat?
Doch was versteht man eigentlich unter einem Notvorrat, wie ihn das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) nennt? Dazu gehören lange haltbare Lebensmittel wie Teigwaren, Reis, Öl, Salz und Zucker, Kaffee, Tee und Kräutertee, Trockenfrüchte, Müesli, Zwieback, Schokolade, UHT-Milch, Hartkäse, Trockenfleisch und Konserven. Wasser darf natürlich ebenfalls nicht fehlen.
Ich persönlich ergänze diese Liste mit Mehl, Quinoa und Linsen – selbstverständlich aus Schweizer Produktion. Die Grösse und Zusammensetzung des Haushalts sowie die Ernährungsgewohnheiten und allfällige Unverträglichkeiten müssen natürlich berücksichtigt werden. Idealerweise reichen die Vorräte für eine Woche.
Empfohlen werden auch einige Dinge, die keine Lebensmittel sind: ein batteriebetriebenes Radio, eine Taschenlampe, Ersatzbatterien, Kerzen, Streichhölzer oder ein Feuerzeug sowie ein Gaskocher. Nicht vergessen sollte man Masken, Desinfektionsmittel, persönliche Medikamente und notwendige Hygieneartikel, einschliesslich Toilettenpapier. Auch etwas Bargeld gehört dazu. Und schliesslich sollte man an die Haustiere denken und Futter für Hund und Katze bereithalten.
Wer einen Gemüsegarten besitzt oder gerne selbst Konserven aus regionalen Produkten herstellt, kann seine Ernte oder eingekaufte Lebensmittel auch in sorgfältig sterilisierten Einmachgläsern konservieren oder einfrieren. So lassen sich die Aromen des Sommers und der einheimischen Früchte und Gemüse auch ausserhalb der Saison geniessen.
Lange Haltbarkeit bedeutet allerdings nicht, dass man die Tür zum «Cabuzon» ein für alle Mal schliessen und hoffen kann, sie nie wieder öffnen zu müssen. Auch wenn sich die eingelagerten Lebensmittel an einem kühlen und dunklen Ort gut und relativ lange halten, ist es sinnvoll, die Vorräte zu bewirtschaften, regelmässig zu erneuern und rechtzeitig zu verbrauchen. So lassen sich Verluste und Lebensmittelverschwendung reduzieren.
Für Haushalte eine Empfehlung, für den Staat eine Pflicht
Ein kürzlich teilweise revidiertes Bundesgesetz, das Landesversorgungsgesetz (LVG), verpflichtet die Schweiz, die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen im Fall schwerer Mangellagen sicherzustellen. Dafür ist die Organisation der wirtschaftlichen Landesversorgung (WL) zuständig.
Diese setzt sich aus dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL), Vertretern der Privatwirtschaft, der Kantone und weiterer Bundesstellen zusammen. Die wirtschaftliche Landesversorgung ist in sechs Bereiche gegliedert, darunter Ernährung, Heilmittel und Energie. In vier dieser Bereiche gibt es Pflichtlager, in denen lebenswichtige Güter für Krisenzeiten gelagert werden.
Gerade in Bereichen, die von Importen abhängig sind, etwa bei Lebensmitteln oder Energie, wird deutlich, wie wichtig solche Vorräte sind, um Versorgungsengpässe zu überbrücken. Sie tragen zur Sicherheit und Stabilität des Landes bei.
In den vergangenen Wochen wurde angesichts des niedrigen Rheinpegels, der geopolitischen Lage und reduzierter Lieferungen vorübergehend die Freigabe von Pflichtlagerbeständen an Protein-Futtermittel, Dieselöl und Flugpetrol.
Eine Bestätigung und eine Frage
Daraus ziehe ich zunächst eine Schlussfolgerung: Die Notwendigkeit, Vorräte anzulegen – welcher Art auch immer, insbesondere aber Lebensmittelvorräte –, wird dadurch bestätigt. Wir können nicht wissen, ob wir diese Notreserven jemals brauchen werden. Doch wenn es so weit ist, sind wir froh, sie zu haben.
Gleichzeitig stellt sich mir eine Frage, in der es darum geht, Klartext zu reden und Diskussionen anzustossen: Wie bestimmen wir, wann und weshalb wir unsere Reserven anzapfen sollen? Wenn der Rückgriff auf Vorräte eine strategische Massnahme sein kann, um auf einen Bedarf zu reagieren, darf man sich bisweilen fragen, wie dieser Bedarf beurteilt wird? Wo ziehen wir die Grenze zwischen dem Notwendigen und dem Verzichtbaren? Und wie einfach oder überhaupt möglich wird es sein, die entnommenen Vorräte wieder aufzufüllen?
Als Denkanstoss stelle ich der Entscheidung, die Kerosin-Pflichtlager anzuzapfen, die Flugangebote für die Herbst- und Weihnachtsferien gegenüber. Flüge zu weit entfernten, warmen Reisezielen – nach Wochen mit hohen Temperaturen – oder in europäische Städte, die sich auch sehr bequem mit dem Zug erreichen lassen.
Ich will damit niemanden verurteilen, moralisieren oder Vorschriften machen. Es ist lediglich ein erster Denkanstoss …
