Sechs Bundesräte beschwören den Zusammenhalt – einer provoziert mit seiner Rede
Der 1. August ist jedes Jahr aufs Neue ein Mysterium. Landauf, landab beschliessen Dutzende Würdenträgerinnen und Würdenträger in totaler Unabhängigkeit, dass der Zusammenhalt das geeignetste Thema für die Festansprache sei. Auf den Dorfplätzen der Schweiz besingen sie dann noch vor der Nationalhymne das Milizsystem, die Direktdemokratie und vor allem das Brückenbauen – um sich dann den Rest des Jahres gegenseitig aufs Dach zu geben.
Dieser Urkraft können sich auch der Bundesrat und seine redeschreibenden Fachreferenten nicht entziehen. «Der 1. August ist der Tag, an dem wir gemeinsam…» beginnt Verteidigungsminister Martin Pfister. Man könnte nahtlos fortfahren mit Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider: «Ich möchte meine Rede dem Zusammenhalt widmen.»
Und Bundespräsident Guy Parmelin schafft sogar bei einem Besuch einer Fahnenfabrik in Luzern den Bogen: «So wie die Fahne am Nähtisch Schritt für Schritt entsteht, wächst auch der Zusammenhalt der Schweiz.» Er beweist: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.
Parmelin war es aber auch, der nicht nur die prägnanteste (vulgo: kürzeste) Rede hielt, sondern auch den liberalsten Satz des Abends sagte: «In einer von Unruhen geprägten Welt darf unsere Fahne jedoch nicht zu einem Symbol der Abschottung werden.» Das ist nicht nur schärfer, sondern auch unerwarteter als bei Justizminister Beat Jans, der sagte: «Unsere Geschichte ist keine Geschichte der Abschottung, sondern eine Geschichte der Vielfalt, der Offenheit und des Zusammenhalts.»
Humor bei Jans, Zuversicht bei Keller-Sutter
Jans gelang es zudem, eine Prise Humor in seine Ausführungen einzustreuen. Im Baselbieter Therwil nahm er etwa die Animositäten zwischen den beiden Halbkantonen auf die Schippe: «Früher lagen zwischen Genf und St. Gallen Welten – heute nur noch zwischen Basel-Stadt und Baselland.»
Auch Finanzministerin Karin Keller-Sutter gab sich locker. Anhand der Entstehungsgeschichte des Schweizerpsalms zeichnete sie das Bild eines Landes, das zwar ein bisschen länger an Lösungen herumwerkelt – diese dann aber Beständigkeit haben. Das schaffe Vertrauen angesichts der vielen Herausforderungen, von Wirtschafts- bis Klimakrisen. Sie sei zuversichtlich, dass die Schweiz diese meistern könne. Es war ein kleiner «Wir schaffen das»-Moment von Keller-Sutter.
Bei Albert Rösti wechselt die Tonlage
Deutlich anders klang das bei Parmelins Parteikollegen Albert Rösti, der zu einer Generalinventur der Geopolitik ansetzte. An fünf Auftritten von Fehraltorf bis Val Müstair hielt er die längste und auch düsterste Ansprache. Ukraine, Gaza und die Strasse von Hormus, Krisen und Kriege sind Röstis Leitmotiv: «Gewissheiten werden brüchig, Vertrautes verliert seine Selbstverständlichkeit.»
In dieser neuen Weltordnung müsse sich die Schweiz auf ihre Werte besinnen, darunter die bewaffnete Neutralität. Zumindest eigenwillig mutet seine Interpretation eines Volksentscheids von 1920 an: dem Beitritt der Schweiz zum Völkerbund. Der Vorläufer der Uno hatte die kollektive Sicherheit zum Ziel und festigte Genfs Rolle als diplomatisches Zentrum.
«Das erwies sich bald als schwerer Fehler», sagte Rösti. Der Beitritt habe fast zu einem Krieg mit Italien geführt, weil dieses wegen seiner «Eroberung Äthiopiens» sanktioniert wurde. Die Schweiz habe diese Sanktionen mittragen müssen.
Was Rösti nicht sagt: Italienischer Befehlshaber war damals ein gewisser Benito Mussolini. Die wirtschaftlichen Sanktionen waren dazu gedacht, eine Ausweitung militärischer Handlungen zu verhindern. Dass sie nicht überall durchgesetzt wurden, anerkennen Historiker heute als wesentlichen Faktor, weshalb es zu einem Zweiten Weltkrieg kam. «Das ist eine harte, schlimme Aussage von Albert Rösti», urteilt der emeritierte Geschichtsprofessor Philipp Sarasin.
Es ist kaum Zufall, dass Rösti ausgerechnet die Neutralität zum Kern seiner Rede macht: Im September stimmt das Land über die Neutralitätsinitiative der SVP ab, welche eine Übernahme internationaler Sanktionen – etwa gegenüber Russland – verunmöglichen will. Bricht Rösti da etwa eine Hellebarde für das Anliegen von Christoph Blocher, obwohl der Bundesrat dieses ablehnt?
Vielleicht.
Gerade noch rechtzeitig besann sich Rösti dann aber auf den wichtigsten Wert der Schweiz: «Die Eintracht; heute würden wir sagen, der Zusammenhalt der Bevölkerung.» So funktioniert eben die Konkordanz: Man darf über fast alles streiten – solange man am 1. August die Gemeinsamkeit beschwört.
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