Schweiz
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CSS-Versicherung will, dass wir die Physio zu Hause machen – mit einem virtuellen Helfer

Über die Hälfte der Physiotherapie-Patienten führen die Übungen entweder gar nicht oder falsch aus. Die CSS als grösster Grundversicherer will diesem Problem mit einer digitalen Innovation entgegenwirken.

Gregory Remez / CH Media



Mehr Patienten, längere Behandlungen, höhere Tarife: Physiotherapien florieren – und schlagen sich zu einem immer grösseren Teil in den Gesundheitskosten nieder. Alleine zwischen 2011 und 2016 sind die Kosten der Physiotherapie in der Grundversicherung von 660 auf 940 Millionen Franken gestiegen. Von den 30 Milliarden Franken Gesundheitskosten in der Schweiz macht die Physiotherapie zwar nur einen kleinen Teil aus. In Anbetracht der dauernd steigenden Krankenkassenprämien können diese Kosten jedoch nicht mehr als Marginalie behandelt werden. Die Zeiten, in denen die Physiotherapie unter dem politischen Radar segelte, sind vorbei.

Der Kostendruck macht sich nicht zuletzt auch bei den Krankenkassen bemerkbar. Die CSS, der grösste Grundversicherer der Schweiz, will sich nun mit einem kreativen Ansatz für die Zukunft der steigenden Physiotherapie-Kosten wappnen. Um zumindest einen Teil der Ausgaben für die teuren Behandlungen in der Grundversicherung einsparen zu können, hat das Unternehmen mit Sitz in Luzern kürzlich in die Entwicklung eines virtuellen Physiotherapeuten für zu Hause investiert.

Mindestens zwei Jahre bis Marktreife

Ein Prototyp wurde am zweiten Schweizer Digitaltag am vergangenen Donnerstag in Zürich präsentiert. Am Montag konnte unsere Zeitung diesen exklusiv testen. Die Idee hinter der Innovation ist ziemlich simpel: Auf einer semitransparenten MixedReality-Brille, die einen klaren Blick auf die Umgebung erlaubt, wird ein Avatar eingeblendet, der den Patienten bei der Ausführung der Physio-Übungen helfen soll.

Matthias Heuberger, Leiter des CSS Health Lab, das den Prototypen in Zusammenarbeit mit dem Berner Physiotherapiezentrum Applied Health Care und der US-amerikanischen Mixed-Reality-Firma Magic Leap entwickelt hat, begründet die Unternehmung wie folgt: «Die Physiotherapie hat grundsätzlich mit zwei Problemen zu kämpfen: Entweder die Leute machen ihre Übungen gar nicht oder sie machen sie falsch. Das kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken oder zumindest den Heilungsprozess verzögern.» Der virtuelle Trainer soll die Patienten nicht nur dazu motivieren, regelmässig ihre Übungen zu machen, er soll sie auch darauf hinweisen, falls sie die Übungen falsch ausführen. Hält man den Rücken gekrümmt oder den Nacken im falschen Winkel, erkennen dies die Sensoren an der Brille und schlagen Alarm – so zumindest die Vision.

Innovation: Mixed Reality in der Medizin

Die CSS ist nicht der einzige grosse Schweizer Versicherer, der im Bereich Mixed Reality investiert. Helsana beispielsweise unterstützt derzeit ein Pilotprojekt namens Avatar Kids. Dies soll es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, bei einem langen Spitalaufenthalt mithilfe eines Avatar-Roboters mit der Schule und den Eltern zu Hause verbunden zu bleiben. Hersteller des Roboters ist die Firma Avatarion Technology mit Sitz in Zürich. In der Rehabilitation wird in der Schweiz seit längerem mit neueren Technologien wie Mixed oder Virtual Reality gearbeitet. In der Rehaklinik Cenero im luzernischen Vitznau etwa werden spezielle Behandlungen nach einem Schlaganfall, einem Schädel-Hirn-Trauma oder einer Verletzung des Rückenmarks angeboten. Mit Hilfe von Spielen in virtuellen Umgebungen erlernen Patienten dort wieder die Ausführung bestimmter Bewegungen. In Schweizer Spitälern trainieren Ärzte und Chirurgen ausserdem seit Jahren an sogenannten Virtual-Reality-Trainern den Ernstfall. (gr)

Noch ist man in Luzern allerdings noch nicht so weit. Mindestens zwei Jahre soll es bis zur Marktreife noch dauern. Erst dann sollen die ersten virtuellen Physiotherapeuten in den Wohnzimmern der Patienten zum Einsatz kommen. Ob das finale Produkt den Realitätstest besteht – ob die Brille also tatsächlich erkennt, wenn eine Übung falsch ausgeführt wird oder nicht –, wird sich zeigen. Auch wie viele Patienten bereit wären, mit einem virtuellen Coach zu trainieren, ist noch ungewiss. «Die ersten Reaktionen am Digitaltag waren zwar grösstenteils gut, aber klar muss man bei einem derart neuen Produkt immer erst abwarten, wie die Leute darauf reagieren», sagt Heuberger. «Die meisten haben noch gar keine Erfahrungen mit Mixed Reality.»

Therapeuten nicht ersetzen

Das Potenzial für die Technologie sei aber riesig, glaubt Heuberger. Die Zahl der Physiotherapie-Patienten nehme schweizweit seit Jahren zu. Alleine bei der CSS seien es aktuell über 180'000 Personen. «Gleichzeitig stellen wir intern fest, dass der Therapieerfolg teilweise sehr gering ist. Wir glauben, dass sich die niedrige Erfolgsquote mit einem virtuellen Helfer für zu Hause nach oben treiben liesse.»

Ganz darauf verlassen möchte man sich bei der CSS aber nicht. Und so appelliert man angesichts der stetig steigenden Physiotherapie-Kosten gemeinsam mit anderen Schweizer Versicherern auch an die Selbstverantwortung von Ärzten und Therapeuten. Denn: Physiotherapien dürfen nur über die Krankenkasse abgerechnet werden, wenn die Behandlung von einem Arzt verordnet wurde. Dank Physiotherapie kann unter gewissen Voraussetzungen eine teure Operation vermieden werden. Andererseits wird gleichzeitig immer mehr operiert, was wiederum zu mehr Physiotherapien führt. Jede Behandlung kostet – aber nicht jede ist zielführend oder nötig.

Das älteste «Schmetterlingskind» der Schweiz

Video: watson/nico franzoni

Parallelwelten mit Virtual Reality:

Video: srf

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Satox 01.11.2018 08:22
    Highlight Highlight Wenn wir doch schon über diese ach so dramatische Kostenexplosion der Physiotherapieleistungen sprechen - sprechen wir doch auch mal die gestiegenen Kosten für Administrative Aufwände der Kassen an. Richtig! Diese stiegen nämlich um ein Mehrfaches davon an... Ah und noch dazu: dafür schreiben Physiotherapeuten völlig gratis Berichte und können auch Telefonate etc. nicht abrechnen.
  • Greententacle 31.10.2018 18:21
    Highlight Highlight Damit die arme CSS-Geschäftsführerin Colatrella eventuell endlich ein wenig mehr zum Leben hat als die lächerlichen CHF 743'766.- jährlich?
  • einmalquer 31.10.2018 12:10
    Highlight Highlight Spart sicher Kosten.

    China macht es vor, da operieren sich die Leute selbst, lästige, weil teure, Ärzte sind da gar nicht mehr nötig.

    http://time.com/3308073/china-healthcare-crisis-amputation-health-insurance-zheng-yanliang/

    Und sich selbst den Blinddarm raus nehmen, ist eine seit hundert Jahren erprobte Behandlungsmethode.

    https://www.zeit.de/2017/43/medizin-blinddarm-operation-stimmts

    So gesehen bleibt die CSS weit hinter den Möglichkeiten zurück.

    Mit solchen Eigenoperationen gibt man den Leuten die Eigenverantwortung wirklich zurück.
  • w'ever 31.10.2018 09:16
    Highlight Highlight geehrte CSS
    sie dürfen mir gerne einen Hometrainer nach hause schicken um bei den kosten der physio etwas zu sparen.
    • Sakura84 31.10.2018 11:56
      Highlight Highlight Genau, meine Worte... nach den ersten zwei, drei Konsultationen schicken dich die Therapeuten sowieso an die Fitnessgeräte... hallo? Ins Fitnessstudio kann ich selber gehen, habe ein eigenes Abo... Pyysio hat mir persönlich leider noch nie viel gebracht...
    • Satox 01.11.2018 08:19
      Highlight Highlight Die Instruktion an den Geräten und die korrekte Durchführung wäre aber einen Teil der Behandlung gewesen. Sich massieren zu lassen und zu sagen „machen Sie mich gesund!“ ist leider zu einfach gestrickt! Für die Genesung sind Sie genauso verantwortlich wie der Therapeut!
  • kafifertig 31.10.2018 08:37
    Highlight Highlight Als nächstes muss man sich den Blinddarm mit dem Sackmesser selber rausschneiden, Augmented Reality sei Dank.

Kommentar

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