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Armeepistole: Bürgerliche Mehrheit im Nationalrat will SIG Sauer P320

Gerhard Andrey, GP-FR, rechts, diskutiert mit Armeechef Benedikt Roos, waehrend der Debatte um die Armeebotschaft, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 15. September 2026 im N ...
Grünen-Nationalrat Gerhard Andrey diskutiert mit Armeechef Benedikt Roos (l.).Bild: KEYSTONE
Analyse

Vom Papierflieger zur Papierpistole: Wie der Nationalrat die P320 durchdrückte

Nach dem Ständerat will auch der Nationalrat eine Armeepistole beschaffen, die es noch gar nicht gibt. Begründete Bedenken und einen linken Gegenvorschlag wischte die Parlamentsmehrheit beiseite.
16.09.2026, 10:3716.09.2026, 19:48

Die Debatte über die Armeebotschaft 2026 im Nationalrat war am Dienstag von einer grundsätzlichen Übereinstimmung geprägt: Die Schweizer Armee muss sich schnell auf die realen und wahrscheinlichsten Bedrohungen des 21. Jahrhunderts ausrichten. Dazu zählen Kamikaze-Drohnen, Lenkwaffen, Cyberangriffe und elektronische Kriegsführung, wie uns Russland und der Ukraine-Krieg gelehrt haben.

Bei der konkreten Verteilung der Steuergelder zeigte sich jedoch ein vertrautes Muster der Schweizer Rüstungspolitik: Traditionelle Denkweise und Standortinteressen setzten sich gegen konsequente Modernisierung durch.

Und mittendrin, die neue Armeepistole.

«Was für Grossprojekte wie die neuen Flugzeuge gilt, gilt auch für Kleinprojekte wie die neue Pistole. Wenn es Mängel in den Beschaffungsverfahren gibt, dann opfern wir für unsere Verteidigung das Langfristige zugunsten des Kurzfristigen.»
Benoît Gaillard

Das Beschaffungsrisiko der «Pistole 26»

Im Zentrum der nationalrätlichen Debatte um die persönliche Bewaffnung der Schweizer Soldaten und Soldatinnen stand die geplante Ablösung der 50-jährigen Dienstpistole durch die SIG Sauer P320. Sie wird armeeseitig als «Pistole 26» bezeichnet.

SP-Nationalrat Benoît Gaillard brachte die Bedenken der Ratslinken auf den Punkt: Die Armee brauche eine neue Dienstpistole, doch das Auswahlverfahren von Armasuisse sei von Anfang an mit Mängeln behaftet gewesen.

«Bei der durchgeführten Bewertung wurden zahlreiche Probleme festgestellt – was übrigens niemand bestreitet. Es sei daran erinnert, dass die Logistikbasis der Armee im Herbst 2025 abgelehnt hat, dieser Pistole die berühmte Zertifizierung der militärischen Einsatztauglichkeit – ‹Truppentauglichkeit› – zu erteilen.»

Um dennoch an der Wahl der P320 festzuhalten – «entgegen jeder Logik bei einer derartigen Bewertung» –, verlasse man sich auf Zusicherungen von SIG Sauer, dass die Mängel vor der Serienproduktion behoben werden.

Diese Vorgehensweise sei nicht seriös. Sie untergrabe einmal mehr das Vertrauen in die Fähigkeiten von Armasuisse und des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), Beschaffungsprojekte durchzuführen.

Benoit Gaillard, SP-VD, hoert einem Votum zu, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 15. September 2026 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
Benoît Gaillard hört einem Votum zu den budgetierten Armee-Ausgaben zu.Bild: KEYSTONE

Der Waadtländer SP-Politiker verwies auch auf die neuesten Erkenntnisse, die watson am Dienstag publik machte.

«Das Parlament soll im Sommer 2026 über einen Kredit für eine nicht zertifizierte Pistole abstimmen, von der eine neue Variante vielleicht erst im Sommer 2027 als konform erklärt wird? Falls Ihnen die Parallelen zu anderen Fällen noch nicht auffallen, ist es an der Zeit, sie zu erkennen.»

Vom Papierflieger zur Papierpistole

Statt der bislang nur auf dem Papier existierenden eingeschweizerten Armee-P320 gäbe es eine Alternative, die sich bereit bei der Schweizer Armee bewährt hat: Der österreichische Hersteller Glock ging mit seinem Modell Glock 45 auch als eigentlicher und klarer technischer Sieger aus dem Evaluationsverfahren von Armasuisse hervor.

Der globale Marktführer bei Behörden- und Armeepistolen könnte die benötigten 50'000 Stück (für 50 Millionen Franken) in wenigen Monaten produzieren und ausliefern. Stattdessen wird nun die P320-Beschaffung vorangetrieben.

Die P320 hat die Truppentauglichkeit nicht bestanden, die finalen Anpassungen sind nicht getestet, eine Zertifizierung steht in den Sternen.

Hier drängen sich unweigerlich historische Parallelen auf, die in der Debatte mitschwangen:

  • Das Gripen-Syndrom: 2014 scheiterte der Saab Gripen E in der Volksabstimmung am Argument des «Papierfliegers» – eines noch unfertigen Systems. Die Schweizer Konfiguration der P320 wird erst Mitte 2027 getestet, der Verpflichtungskredit jedoch heute schon gesprochen. Der endgültige Entscheid fällt aber später (siehe unten):
  • Der F-35-Schatten: In einem ebenfalls am Dienstag debattierten GPK-Bericht attestiert die parlamentarische Aufsichtsbehörde dem VBS schwere Mängel bei Vertragsprüfung und Risikomanagement. Die Bereitschaft, sich bei der P320 auf Herstellergarantien zu verlassen, schürt das Misstrauen in die Lernfähigkeit der Beschaffungsbehörden zusätzlich.

Falsches Narrativ

In der nationalrätlichen Debatte war erneut das nachweislich falsche Narrativ zu hören, das der Rüstungschef, Armasuisse-Direktor Urs Loher, sowie Armeechef Benedikt Roos seit Ende 2025 wiederholen: Im Evaluationsverfahren hätten alle getesteten Pistolen «nahezu gleich» abgeschnitten.

Gemäss Beurteilung der Fachleute gab es keineswegs drei praktisch gleichwertige Bewerber. Nur der österreichische Hersteller Glock erfüllte die technischen Muss-Kriterien.

Widerlegt wurden in der nationalrätlichen Debatte auch die Bedenken, dass es bei einem aktuellen Nein zur P320 zu einer riskanten Verzögerung gekommen wäre.

Benoît Gaillard erklärte:

«Wir wollen nicht darauf verzichten, sondern den Beschluss zur Bewilligung des Kredits für den Ersatz dieser Waffe aufschieben. Die erforderlichen 50 Millionen Franken können bereits im nächsten Jahr in der Botschaft zur Armee beantragt werden, sofern die besagte Konformität gewährt wird und die Kommissionen sowie das Parlament in der Lage sind, diese auf der Grundlage eines konkreten Modells, konkreter Tests und einer konkreten Zertifizierung zu genehmigen.»

Linke scheitert mit Rochade zur Drohnenabwehr

Die linke Ratsminderheit verfolgte am Dienstag eine pragmatische Taktik: Statt pauschaler Streichungen beantragte sie eine gezielte Umschichtung der für die P320 vorgesehenen Gelder. Die 50 Millionen Franken aus dem Pistolen-Kredit sollten in die Abwehr von Kamikazedrohnen oder weltraumgestützte Aufklärungskapazitäten fliessen.

Das strategische Argument dahinter: Die Ordonnanzpistole sei im modernen Gefecht nahezu bedeutungslos. Einfach erhältliche Mini-Drohnen stellten die grösste Bedrohung für die Schweiz und ihre Infrastrukturen dar.

Dass dieser Vorstoss deutlich scheiterte, lag an der festen bürgerlichen «Front» in der grossen Parlamentskammer. Die P320-Befürworter brachten zwei Kernargumente ein:

  • Die Vollausrüstung sei zu gewährleisten: Jeder Angehörige der Armee (AdA) habe Anspruch auf eine moderne persönliche Verteidigungswaffe.
  • Die inländische Wertschöpfung: Mit einer versprochenen Schweizer Wertschöpfung von rund 90 Prozent und einer Lizenzproduktion im Inland wurde die Pistole 26 rüstungs- und wirtschaftspolitisch als unverzichtbar dargestellt.

Gegen das wirtschaftspolitische Argument vermochte der Verweis auf die sofort lieferbaren Glocks ebenso wenig auszurichten wie die Dringlichkeit der Drohnenabwehr.

Wie stimmten die Parteien im Nationalrat ab?

Das Stimmverhalten folgte dem klassischen Links-Rechts-Schema, wobei sich die bürgerliche Mehrheit geschlossen hinter das VBS und den Bundesrat stellte:

Die P320-Befürworter:

  • SVP: Die grösste Fraktion stimmte geschlossen für die Beschaffung. Thomas Hurter und Walter Gartmann argumentierten mit dem Grundsatz der Vollausrüstung der Armeeangehörigen und betonten die Schweizer Lizenzproduktion zur Stärkung der Unabhängigkeit.
  • FDP: Sie stimmte geschlossen für die Beschaffung. Sprecher Heinz Theiler hob insbesondere die inländische Wertschöpfung von rund 90 Prozent sowie die tiefsten Lebenswegkosten aller evaluierten Modelle hervor. Mängel seien behebbar und beträfen nicht die Sicherheit.
  • Die Mitte: Sie folgte geschlossen der Linie ihres Bundesrates Martin Pfister und der Kommissionsmehrheit. Die Erneuerung nach fast 50 Jahren sei unumgänglich, da der Bestand der Pistole 75 in vier Jahren erschöpft sei.
  • GLP: Auch die Grünliberalen votierten trotz deutlicher Vorbehalte für den Kredit. Fraktionssprecher Matthias Samuel Jauslin bezeichnete die Waffe und das Fehlen der Truppentauglichkeit als kritikwürdig, man vertraue aber den Zusicherungen von Armasuisse und Bundesrat, dass die Schwachstellen nachgebessert werden.

Die P320-Gegner

  • SP: Die sozialdemokratischen Nationalratsmitglieder stimmten geschlossen für die Streichung. Neben Benoît Gaillard kritisierten unter anderem auch Fabian Molina und Andrea Zryd das Vorgehen des Bundes scharf: Es sei unverantwortlich, 50 Millionen Franken für eine Waffe zu sprechen, die im Evaluationsverfahren durchgefallen sei und deren verbesserte Version erst Mitte 2027 getestet werde. Sie forderten erfolglos, das Geld stattdessen in die Minidrohnen-Abwehr umzuleiten.
  • Grüne: Auch sie stimmten geschlossen für die Streichung. Sprecher wie Gerhard Andrey argumentierten, dass die Dringlichkeit fehle. Der Bund solle das Geld vorzugsweise in die Abwehr moderner Bedrohungen wie Drohnen verschieben.

Das Abstimmungsresultat

Zur Abstimmung stand der Minderheitsantrag Benoît Gaillard, der verlangte, den Verpflichtungskredit von 50 Millionen Franken für die Pistole 26 ersatzlos zu streichen, gegenüber dem Antrag der Mehrheit, der den Kredit beibehalten wollte.

  • Für den Antrag der Mehrheit (Festhalten an der P320): 132 Stimmen.
  • Für den Antrag der Minderheit Gaillard (Streichung der P320): 63 Stimmen.
  • Enthaltungen: 1 Stimme

Aber: Beschafft wird die Armee-P320 nur, wenn es SIG Sauer Schweiz gelingt, mit dem verbesserten Modell die Anforderungen von Armasuisse und Armee zu erfüllen. Die technische Nachqualifikation der sogenannten Nullserie und die Überprüfung durch die Truppe soll Mitte 2027 erfolgen.

Quellen

Die P320-Recherche

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134 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Liberato
16.09.2026 10:52registriert September 2025
Dies verstehe ich jetzt auch nicht ganz.
Die Glock oder CZ sind erprobte Faustfeuerwaffen und werden in x Armeen und Polizeicorps weltweit eingesetzt.
Die Schweiz muss immer ein Sonderzügli fahren, welches am Ende einfach zum Rohrkrepierer wird. Schade um die Steuergelder.
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maruhu
16.09.2026 10:50registriert Januar 2021
Die zuständigen Departemente/Stellen sind schlicht UNFÄHIG, das richtige Material für unsere Armee zu beschaffen und werden noch mit unheiligen politischen Allianzen unterstützt. Von unnützen russischen Initiativen von Rechts, wollen wir gar nicht sprechen... dieses Resultat sehen wir dann am 26. September👌
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stucki_mäxu
16.09.2026 11:20registriert Mai 2022
Die rechtsbürgerliche Bundesrats- und Parlamentsmehrheit verursacht einen Flop nach dem anderen. Deren Vetterliwirtschaft und Lobbyismus kostet uns Milliarden.
Diese Leute gehören nächsten Herbst abgewählt.
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