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Care-Farming: Inklusion auf Bauernhöfen wird als Business-Zweig gestärkt

Neues Konzept Care-Farming: Lea fühlt sich auf dem Haldihof wohl - die Alpakas gehören zu ihrem Aufgabenbereich.
Lea fühlt sich auf dem Haldihof wohl - die Alpakas gehören zu ihrem Aufgabenbereich.Bild: Schweiz heute

Der neue Business-Zweig der Bauern floriert: Care Farming

Der Druck auf die Landwirtinnen und Landwirte steigt, neue Betriebszweige sind gefragt. Jetzt wird die Betreuung von Jugendlichen oder beeinträchtigten Menschen auf den Höfen professionell.
12.07.2026, 21:1912.07.2026, 21:19
Stefan Müller / ch media

Das Bauernhofsterben hält unvermindert an. So gaben allein letztes Jahr täglich rund zwei Betriebe auf, wie aus der jährlichen Strukturerhebung des Bundesamtes für Statistik hervorgeht. Die verbleibenden Betriebe werden dabei immer grösser und zugleich wächst der wirtschaftliche Druck auf die kleinen und mittleren Betriebe. Kreativität und Überlebenswille sind gefragt.

Care Farming, also betreuende Landwirtschaft, ist eine solche Lösung. Das Konzept, das in anderen europäischen Ländern schon bekannter ist, fasst auch immer mehr in der Schweiz Fuss. Mittlerweile haben gemäss dem Bundesamt für Statistik 1000 Betriebe ein solches Angebot. Green Care in der Landwirtschaft, wie es mancherorts auch genannt wird, umfasst alle therapeutischen, pädagogischen oder sozialen Angebote in Landwirtschafts- und Gartenbetrieben.

Die Familie Iten betreibt in Unterägeri einen 24 Hektar grossen Betrieb mit Milch- und Mutterkühe sowie 150 Obstbäumen: «2019 stand die Sanierung des alten Stalls an, was sehr teuer ist», sagt Franz Iten. «Wir diskutierten intensiv unsere künftige Ausrichtung – vielleicht mit Hühnern?» Mithilfe einer landwirtschaftlichen Beratung beschloss das Ehepaar, was sie bisher auf freiwilliger Basis taten, zum zweiten Standbein zu machen: Betreuen von Menschen mit Beeinträchtigung.

Wie soll es auf dem Hof weitergehen?

Eine ziemliche Umstellung für den Rietlihof, den der 51-jährige Franz Iten bereits in der vierten Generation führt, zusammen mit seiner neun Jahre jüngeren Ehefrau Cathrin. Auf dem Hof leben auch noch ihre drei Kinder (9/13/12) sowie Franz' 87-jährige Mutter.

Die Itens begannen mit Behinderten- und Jugendeinrichtungen vertraglich geregelt zusammenzuarbeiten, zuerst nur mit einer betreuten Person. Inzwischen hat die Familie bis vier Betreute wöchentlich auf dem Hof. Es handelt sich um Jugendliche oder kognitiv beeinträchtigte Erwachsene.

Die Betreuten können nicht als vollwertige Arbeitskräfte gerechnet werden. Sie helfen in ihrem Tempo und nach ihren Möglichkeiten mit. «Es geht um eine sinnvolle Tagesstruktur», erklärt Cathrin Iten. «Sie helfen bei unseren alltäglichen Arbeiten wie Misten, Obst-Ernten oder Haushalten.» Manchmal würden sie einfach «mitlaufen» oder nur reden, was für einzelne Betreute wichtig sei. Im Rietli gebe es noch viele kleine Handarbeiten, was auf einem vollautomatisierten Betrieb nicht mehr der Fall sei.

Die Betreuung kann sehr anspruchsvoll sein, weshalb Cathrin Iten den Ausbildungslehrgang «Betreuung im ländlichen Raum ABL» am Berner Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum Inforama gemacht hat und regelmässig an einem Arbeitskreis teilnimmt. Betreuungen erfordern zudem seitens der Familie hohe Flexibilität. «Darum geht es nur mitenand – und mit Humor», sagt Cathrin Iten. Dennoch haben die Itens schon gehadert, nach einer äusserst anspruchsvollen Betreuung. Sie mussten sich damals Unterstützung von aussen holen.

Neben dem Betreuerischen gibt es auch Administratives zu erledigen, etwa Ende Monat die Rechnungen an Institutionen oder Beistände zu verschicken. Die Kosten sind meistens durch Sozialversicherungen gedeckt und richten sich nach dem Betreuungsaufwand, durchschnittlich um 120 Franken pro Tag, inklusive Mittagessen.

Platz für Jugendliche mit Startschwierigkeiten

Ganz anders die Geschichte vom Haldihof in Weggis (LU), einem fünf Hektar grossen Obstbaubetrieb mit 500 Hochstammobstbäumen am malerischen Vierwaldstättersee. Bruno und Rebecca Muff übernahmen vor zwanzig Jahren als Quereinsteiger den verwaisten Hof. Heute führen sie einen florierenden Biohof.

Von Anfang an kümmerten sie sich sporadisch um Menschen, denen der Einstieg in die Arbeitswelt Mühe bereitete. «Aus dem heraus hat sich die Idee entwickelt, diese Betreuung strukturierter und professioneller anzugehen», sagt Bruno Muff. Anstoss dafür gab seine Tochter, die mit ihrem Partner in den Hof einstieg, um diesen Betriebszweig auszubauen. Bruno Muff: «Für diese Aufgabe muss man offen sein und jeden so nehmen, wie er ist!»

Seit vergangenem September bietet der Haldihof professionell Care Farming an. Den Auftakt macht die 18-jährige Lea, die aufgrund einer IV-Massnahme auf den Haldihof gekommen ist. Die vielfältigen Aufgabenbereiche in der Natur und mit Tieren hätten sie angesprochen. Aufgrund einer ADHS und Autismus-Diagnose tat sie sich in der Schule und mit dem Berufseintritt schwer. Lea, die eigentlich anders heisst, beschäftigt sich mit den Alpakas, dem Garten und dem Verkauf im Hofladen. «Im Hofladen ist es cool», findet Lea, die unterdessen die Kasse selbst führt. Es gefällt ihr hier so gut, dass sie eine Lehrstelle auf diesem Gebiet gesucht hat – mit Erfolg: Im August beginnt sie eine Verkaufslehre.

«Hofperspektive», so heisst das Angebot auf dem Haldihof, bietet Platz für maximal sechs Jugendliche mit Startschwierigkeiten und versteht sich auch als Anschlussangebot für Kliniken. Mit Hilfe einer stabilen Tagesstruktur sollen Menschen in einer Lebenskrise oder mit einer psychischen Beeinträchtigung wieder eine neue Perspektive fürs Leben und den Beruf finden. «Wir können hier sehr individuell auf die Jugendlichen eingehen und ihr Potenzial ausschöpfen, was in einer stationären Einrichtung nicht möglich wäre», sagt Silvan Koch. Er ist der Ehemann von Bruno und Rebecca Muffs Tochter.und auf dem Haldihof der Jobcoach und Geschäftsführer der «Hofperspektive». Geschäftlich sind der Landwirtschaftsbetrieb und das Betreuungsangebot getrennt.

Der Haldihof erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Der gelernte Kinderkranken- und Psychiatriepfleger Koch erhält unterdessen Anfragen aus immer mehr Kantonen. Auf dem Hof arbeitet aktuell ein rund fünfköpfiges Team, das sich um die Landwirtschaft und die Betreuung kümmert.

Betreuung als zusätzliche Einnahmequelle

Care Farming wird immer professioneller. Der Schweizer Ausbildungslehrgang «Betreuung im ländlichen Raum ABL» des landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrums Inforama in Bern ist daher stark nachgefragt. Simone Hunziker, Geschäftsführerin Green Care Schweiz, der Dachorganisation von sozialen Dienstleistungen in der Landwirtschaft oder Gartenbetrieben, beobachtet die zunehmende Professionalisierung ebenfalls: «Zurzeit werden die ersten Betriebe zertifiziert», sagt sie. Eine externe Firma prüfe nach vorgegebenen Qualitätskriterien die Betriebe. Die Aufsicht über die Betriebe liege in der Regel bei den zuweisenden Stellen respektive den Kantonen. Die Betriebe sollen für ihre Leistung fair entlöhnt werden, und die Betreuten ein qualitativ gutes und ihnen entsprechendes Angebot bekommen.

Es gibt aber auch Risiken durch Care Farming. «Neben der täglichen Arbeit auf dem Bauernhof können die Betreuungen zu Stress und Überforderung oder zusätzlichen Kosten führen, sagt Dorit van Meel, die an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW forscht. Auf Seiten der Betreuten können auch körperliche oder seelische Probleme entstehen, wenn es an der nötigen Ausbildung oder Unterstützung fehle.

Trotzdem ist Jobcoach Silvan Koch vom volkswirtschaftlichen Nutzen von Care Farming überzeugt: «Wir können hier professionelle Betreuung anbieten, die ungleich günstiger und individueller ist als in einer stationären Einrichtung.» So kann eventuell auch das Gesundheitssystem entlastet werden, sagt Dorit van Meel. Gleichzeitig kann Care Farming zum wichtigen Standbein für die Betriebe werden – neben Schlafen im Stroh, Erdbeeren zum Selberpflücken und was kleineren landwirtschaftlichen Familienbetrieben sonst noch beim Überleben hilft.

www.carefarming.ch und www.greencare.ch. Der nächste Lehrgang Ausbildung Betreuung im ländlichen Raum (ABL) startet am 30. Oktober: www.inforama.ch/abl (schweizheute.ch)

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