Klima, Kriege, KI: Möchte ich noch einmal jung sein?
Die Bundesfeier wird dieses Jahr ruhig ablaufen. Mit wenigen Ausnahmen gilt überall ein Feuerwerksverbot. Grund ist die Trockenheit, die seit Monaten andauert und bei der kein Ende in Sicht ist. Ganz ohne Knallerei wird es trotzdem nicht gehen, wegen jener Pyromanen, die sich nicht vom Abfeuern von Böllern und Raketen abhalten lassen.
Insgesamt aber verhält sich die Bevölkerung bemerkenswert diszipliniert. Die Schweiz wurde bislang von Waldbränden wie in Frankreich oder Spanien verschont. Liegt es daran, dass rechtzeitig Feuerverbote verhängt wurden und wir sie auch beachten? Das kann sein, aber vielleicht hatten wir einfach Glück in diesem Sommer der Serien-Hitzewellen.
Sie trocknen nicht nur die Landschaft aus, sondern schlagen auch auf Gemüt und Gehirn. Wo führt das noch hin, fragt man sich. Und wird das Gefühl nicht los, dass gerade in diesem Jahr einiges schiefläuft.
Kriege ohne Ausweg
Der Ukraine-Krieg dauert bereits länger als der Erste Weltkrieg, ohne dass die russischen Invasoren einem entscheidenden Durchbruch nähergekommen wären. Im Gegenteil: Die Ukrainer tragen den Krieg erfolgreich ins russische Kernland. Die Reaktion des Autokraten Wladimir Putin wirkt wie ein Amalgam aus Trotz und Realitätsleugnung.
Gleichzeitig hat sein «Bruder im Ungeist» Donald Trump einen idiotischen Krieg gegen den Iran losgetreten. Nun sucht er einen gesichtswahrenden Ausweg und laviert zwischen Eskalation und Angst vor den Folgen, vor allem in der Strasse von Hormus, diesem Nadelöhr der Weltwirtschaft, das er vor Kriegsausbruch nicht «eingepreist» hatte.
Gefühl der Unverwundbarkeit
Mit den Folgen muss die ganze Welt klarkommen. Sie machen auch vor der Schweiz nicht halt, und das betrifft nicht nur die Benzinpreise. Unsere Wirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten als bemerkenswert resilient gegenüber Krisen erwiesen. Das führt zu einem gewissen Gefühl der Unverwundbarkeit, das hierzulande rasch in Überheblichkeit übergeht.
Hinzu kommt eine problematische Tendenz zur Realitätsverdrängung. Klar, die Zuwanderungsinitiative der SVP hat ihre verdiente Abfuhr erhalten. Der Neutralitätsinitiative dürfte es Ende September ähnlich ergehen. Sie vereinigt Pazifismus-Schwärmerei mit Nostalgie nach der Zeit der «geistigen Landesverteidigung» und ist gleich doppelt rückwärtsgewandt.
Streit um Armeebudget
Doch selbst bei einem Scheitern der Initiative tun sich viele schwer mit den Herausforderungen der Gegenwart. Selbst der Gesamtbundesrat scheint immer noch nicht erkannt zu haben, wie dringlich eine Stärkung der Verteidigungsfähigkeit ist. Wer jetzt nicht bestellt, wird später beliefert und erst noch eine höhere Rechnung erhalten.
Gleichzeitig findet gemäss Umfragen immer noch rund ein Drittel der Stimmberechtigten, die Schweiz müsse gar nicht mehr Geld für die Armee ausgeben. Das kann nicht gut gehen. Dabei werden die Verteilkämpfe härter, man denke nur an die unverschämte Forderung des Bauernverbands für eine Zustimmung zum Mercosur-Freihandelsabkommen.
Kleinliche Rappenspalterei
Die finanzpolitischen Herausforderungen bleiben auch so enorm, doch insbesondere die Bürgerlichen versteigen sich in kleinliche Rappenspalterei, statt sich zur Erkenntnis durchzuringen, dass es Mehreinnahmen braucht. Und dass der Hitze- und Dürresommer zu einer griffigeren Klimapolitik führen wird, glauben wohl nur unverbesserliche Optimisten.
Dabei ist die vielleicht grösste Herausforderung der Gegenwart gar nicht angesprochen: die fulminante Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz (KI). ChatGPT, Gemini und Co. sind längst Teil unseres Lebens geworden, und das nicht nur zum Vorteil. Manche Firmen haben KI übereilt eingeführt und müssen nun versuchen, den Schaden zu begrenzen.
Angst vor Killer-Erreger
Mittel- bis langfristig aber dürfte aus KI eine Superintelligenz entstehen. Die Folgen werden unterschiedlich beurteilt. Zu den Optimisten gehört Meta-Chef Mark Zuckerberg. Man müsse die Superintelligenz allen zur Verfügung stellen, schrieb er im «Wall Street Journal». Dann eröffneten sich unendliche Möglichkeiten, etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente.
Genau dies aber hat eine hässliche Kehrseite, wie eine Umfrage des Portals Axios bei KI-Entwicklern und -Unternehmern zeigt. Auf die Frage nach dem grössten Risiko hätten praktisch alle die gleiche Antwort gegeben: Ein Übeltäter könnte einen Killer-Erreger erschaffen, der sich zu leise, weit und schnell verbreitet, um gestoppt werden zu können.
KI ausser Kontrolle
Man kann sich fragen, was damit bezweckt werden soll, doch die Menschen sind nun einmal zum Guten wie zum Schlechten fähig. In einer Studie des MIT und der University of Queensland bezifferten 272 KI-Forscher das Risiko, dass die Gefahren von KI bis 2030 zu einer Katastrophe führen, auf zwölf Prozent. Das ist nicht viel, aber auch nicht nichts.
Bedenkt man den jüngsten Vorfall, bei dem ein KI-Agent von OpenAI ausser Kontrolle geraten ist und nach neuesten Erkenntnissen nicht nur einen, sondern mindestens fünf Online-Dienste gehackt hat, fragt man sich, ob diese Einschätzung nicht zu blauäugig ausfällt. Von den möglichen Folgen von KI für den Arbeitsmarkt ganz zu schweigen.
Ist der Zug abgefahren?
Mit KI bewegen wir uns in unerforschten Sphären. Vielleicht gelangen wir in eine schöne neue Welt, aber man tut gut daran, Schwadroneuren wie Elon Musk und Mark Zuckerberg zu misstrauen. Denn auch China sorgte gerade erst mit Open-Source-Modellen für Furore, die günstiger und kaum weniger leistungsfähig sind als die geschlossenen Ökosysteme der US-Konkurrenz.
Vieles spricht dafür, dass sich die Schweiz und die Welt derzeit an einem Scheideweg befinden. Man fragt sich, ob in der Klimapolitik und bei der KI-Entwicklung der Zug nicht längst abgefahren ist, und zwar in die falsche Richtung. Als Mensch, der sich dem Rentenalter nähert, weiss ich jedenfalls nicht, ob ich noch einmal jung sein möchte.
Solche Gedanken sind ketzerisch und geradezu beleidigend für jene, die ihr Leben tatsächlich noch vor sich haben. Aber gerade junge Menschen würden häufig gerne den verschwenderischen und alles andere als nachhaltigen Lebensstil unserer Generationen nachahmen. Was zur unbequemen Frage führt: Haben wir es nicht anders verdient?
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