Schweiz
International

Gedanken zum 1. August: Ist der Zug bei Klima und KI abgefahren?

KEYPIX - Des enfants d�filent avec des lampions aux couleurs de la Suisse dans ls parc La Grange, lors du 1er aout, jour de la fete nationale suisse, ce vendredi 1 aout 2025 a Geneve. (KEYSTONE/Salvat ...
Kinder mit Lampions am 1. August 2025 in Genf. Dieses Jahr sind sie fast überall verboten.Bild: keystone
Analyse

Klima, Kriege, KI: Möchte ich noch einmal jung sein?

Eine instabile Weltlage, ein Hitzesommer mit einer Trockenheit, die nicht enden will, und beunruhigende Nachrichten zur Künstlichen Intelligenz: Derzeit läuft ziemlich viel schief.
01.08.2026, 10:0001.08.2026, 10:00

Die Bundesfeier wird dieses Jahr ruhig ablaufen. Mit wenigen Ausnahmen gilt überall ein Feuerwerksverbot. Grund ist die Trockenheit, die seit Monaten andauert und bei der kein Ende in Sicht ist. Ganz ohne Knallerei wird es trotzdem nicht gehen, wegen jener Pyromanen, die sich nicht vom Abfeuern von Böllern und Raketen abhalten lassen.

Insgesamt aber verhält sich die Bevölkerung bemerkenswert diszipliniert. Die Schweiz wurde bislang von Waldbränden wie in Frankreich oder Spanien verschont. Liegt es daran, dass rechtzeitig Feuerverbote verhängt wurden und wir sie auch beachten? Das kann sein, aber vielleicht hatten wir einfach Glück in diesem Sommer der Serien-Hitzewellen.

KEYPIX - Wenig Wasser fliesst am Limmatspitz, dem Zusammenschluss von Limmat, Reuss und Aare, am Montag, 27. Juli 2026 in Gebenstorf. (KEYSTONE/Andreas Becker)
Selbst im Wasserschloss bei Brugg (AG), wo sich Aare, Reuss und Limmat vereinigen, sieht es bedenklich trocken aus.Bild: keystone

Sie trocknen nicht nur die Landschaft aus, sondern schlagen auch auf Gemüt und Gehirn. Wo führt das noch hin, fragt man sich. Und wird das Gefühl nicht los, dass gerade in diesem Jahr einiges schiefläuft.

Kriege ohne Ausweg

Der Ukraine-Krieg dauert bereits länger als der Erste Weltkrieg, ohne dass die russischen Invasoren einem entscheidenden Durchbruch nähergekommen wären. Im Gegenteil: Die Ukrainer tragen den Krieg erfolgreich ins russische Kernland. Die Reaktion des Autokraten Wladimir Putin wirkt wie ein Amalgam aus Trotz und Realitätsleugnung.

Gleichzeitig hat sein «Bruder im Ungeist» Donald Trump einen idiotischen Krieg gegen den Iran losgetreten. Nun sucht er einen gesichtswahrenden Ausweg und laviert zwischen Eskalation und Angst vor den Folgen, vor allem in der Strasse von Hormus, diesem Nadelöhr der Weltwirtschaft, das er vor Kriegsausbruch nicht «eingepreist» hatte.

Gefühl der Unverwundbarkeit

Mit den Folgen muss die ganze Welt klarkommen. Sie machen auch vor der Schweiz nicht halt, und das betrifft nicht nur die Benzinpreise. Unsere Wirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten als bemerkenswert resilient gegenüber Krisen erwiesen. Das führt zu einem gewissen Gefühl der Unverwundbarkeit, das hierzulande rasch in Überheblichkeit übergeht.

epa13141025 Iranian missiles 'Zolfaghar' on display at the Azadi square in Tehran, Iran, 30 July 2026. The US completed a 'heavy wave of strikes' against dozens of Islamic Revoluti ...
Am Donnerstag demonstrierten die Iraner in Teheran ihre Kampfbereitschaft mit einer klaren Botschaft an Donald Trump.Bild: keystone

Hinzu kommt eine problematische Tendenz zur Realitätsverdrängung. Klar, die Zuwanderungsinitiative der SVP hat ihre verdiente Abfuhr erhalten. Der Neutralitätsinitiative dürfte es Ende September ähnlich ergehen. Sie vereinigt Pazifismus-Schwärmerei mit Nostalgie nach der Zeit der «geistigen Landesverteidigung» und ist gleich doppelt rückwärtsgewandt.

Streit um Armeebudget

Doch selbst bei einem Scheitern der Initiative tun sich viele schwer mit den Herausforderungen der Gegenwart. Selbst der Gesamtbundesrat scheint immer noch nicht erkannt zu haben, wie dringlich eine Stärkung der Verteidigungsfähigkeit ist. Wer jetzt nicht bestellt, wird später beliefert und erst noch eine höhere Rechnung erhalten.

Gleichzeitig findet gemäss Umfragen immer noch rund ein Drittel der Stimmberechtigten, die Schweiz müsse gar nicht mehr Geld für die Armee ausgeben. Das kann nicht gut gehen. Dabei werden die Verteilkämpfe härter, man denke nur an die unverschämte Forderung des Bauernverbands für eine Zustimmung zum Mercosur-Freihandelsabkommen.

Kleinliche Rappenspalterei

Die finanzpolitischen Herausforderungen bleiben auch so enorm, doch insbesondere die Bürgerlichen versteigen sich in kleinliche Rappenspalterei, statt sich zur Erkenntnis durchzuringen, dass es Mehreinnahmen braucht. Und dass der Hitze- und Dürresommer zu einer griffigeren Klimapolitik führen wird, glauben wohl nur unverbesserliche Optimisten.

Federal Councilor Martin Pfister knocks on a side panel of a Skyranger air defence system during an official visit on Monday, July 6, 2026, in the Competence- and Manufacturing Center of the Rheinmeta ...
Martin Pfister wollte im Eilverfahren ein zusätzliches Luftabwehrsystem beschaffen. Der Gesamtbundesrat bremste ihn aus.Bild: keystone

Dabei ist die vielleicht grösste Herausforderung der Gegenwart gar nicht angesprochen: die fulminante Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz (KI). ChatGPT, Gemini und Co. sind längst Teil unseres Lebens geworden, und das nicht nur zum Vorteil. Manche Firmen haben KI übereilt eingeführt und müssen nun versuchen, den Schaden zu begrenzen.

Angst vor Killer-Erreger

Mittel- bis langfristig aber dürfte aus KI eine Superintelligenz entstehen. Die Folgen werden unterschiedlich beurteilt. Zu den Optimisten gehört Meta-Chef Mark Zuckerberg. Man müsse die Superintelligenz allen zur Verfügung stellen, schrieb er im «Wall Street Journal». Dann eröffneten sich unendliche Möglichkeiten, etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente.

Genau dies aber hat eine hässliche Kehrseite, wie eine Umfrage des Portals Axios bei KI-Entwicklern und -Unternehmern zeigt. Auf die Frage nach dem grössten Risiko hätten praktisch alle die gleiche Antwort gegeben: Ein Übeltäter könnte einen Killer-Erreger erschaffen, der sich zu leise, weit und schnell verbreitet, um gestoppt werden zu können.

KI ausser Kontrolle

Man kann sich fragen, was damit bezweckt werden soll, doch die Menschen sind nun einmal zum Guten wie zum Schlechten fähig. In einer Studie des MIT und der University of Queensland bezifferten 272 KI-Forscher das Risiko, dass die Gefahren von KI bis 2030 zu einer Katastrophe führen, auf zwölf Prozent. Das ist nicht viel, aber auch nicht nichts.

FILE - The OpenAI logo is displayed on a cell phone in front of an image generated by ChatGPT's Dall-E text-to-image model, Dec. 8, 2023, in Boston. (AP Photo/Michael Dwyer, File)
OpenAI
Die Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz gibt Anlass zur Besorgnis.Bild: keystone

Bedenkt man den jüngsten Vorfall, bei dem ein KI-Agent von OpenAI ausser Kontrolle geraten ist und nach neuesten Erkenntnissen nicht nur einen, sondern mindestens fünf Online-Dienste gehackt hat, fragt man sich, ob diese Einschätzung nicht zu blauäugig ausfällt. Von den möglichen Folgen von KI für den Arbeitsmarkt ganz zu schweigen.

Ist der Zug abgefahren?

Mit KI bewegen wir uns in unerforschten Sphären. Vielleicht gelangen wir in eine schöne neue Welt, aber man tut gut daran, Schwadroneuren wie Elon Musk und Mark Zuckerberg zu misstrauen. Denn auch China sorgte gerade erst mit Open-Source-Modellen für Furore, die günstiger und kaum weniger leistungsfähig sind als die geschlossenen Ökosysteme der US-Konkurrenz.

Vieles spricht dafür, dass sich die Schweiz und die Welt derzeit an einem Scheideweg befinden. Man fragt sich, ob in der Klimapolitik und bei der KI-Entwicklung der Zug nicht längst abgefahren ist, und zwar in die falsche Richtung. Als Mensch, der sich dem Rentenalter nähert, weiss ich jedenfalls nicht, ob ich noch einmal jung sein möchte.

Solche Gedanken sind ketzerisch und geradezu beleidigend für jene, die ihr Leben tatsächlich noch vor sich haben. Aber gerade junge Menschen würden häufig gerne den verschwenderischen und alles andere als nachhaltigen Lebensstil unserer Generationen nachahmen. Was zur unbequemen Frage führt: Haben wir es nicht anders verdient?

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Neue Armee-Pläne des Bundesrats
1 / 6
Neue Armee-Pläne des Bundesrats

Der Bundesrat verkündete seine neuen Armee-Pläne.

Auf Facebook teilenAuf X teilen
Braune Wiesen, trockene Seen – so macht die Hitze der Natur zu schaffen
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
184 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
The Real Tonald Dump
01.08.2026 10:08registriert März 2025
Nein, ich möchte nicht wieder jung sein. Aber nicht aus den im Artikel benannten Gründen, sondern einfach weil ich seit 10 Jahren zufrieden und glücklich mit meinem Leben bin und Gelassenheit und Frieden mit mir selber gefunden habe, welche ich in jungen Jahren nicht hatte. Das möchte ich nicht mehr eintauschen, auch wenn das Alter sich manchmal schon etwas bemerkbar macht und man etwas mehr tun muss um die Gesundheit und Fitness zu bewahren.
697
Melden
Zum Kommentar
avatar
Big Ghän
01.08.2026 10:21registriert Januar 2024
Nein ich will nicht mehr Jung sein, aber die Schweiz von damals die hätte ich sehr, sehr gerne wieder.
9030
Melden
Zum Kommentar
avatar
mike2s
01.08.2026 10:27registriert September 2016
Als 70er bin ich in den 80er jung gewesen. Der Eiserne Vorhang schien unverrückbar. Der 3-Weltkrieg war nur eine Fehlbedienung entfernt. Im Nachhinein wurde bekannt dass 1..2 mal nur wenig fehlte und Fiktion im Film des "The Day After" wäre Dokumentation geworden. Vor diesem Hintergrund muss man die "No-Future" Bewegung sehen.
Danach kam vom Fall der Mauer bis zum 911 im 2001 eine gutes Jahrzehnt.
5510
Melden
Zum Kommentar
184
Erdbeben der Stärke 4,7 unweit von Supervulkan bei Neapel
Das Gebiet rund um die süditalienische Grossstadt Neapel ist von einem starken Erdbeben erschüttert worden.
Das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie gab die Stärke mit 4,7 an und verortete das Epizentrum in den Phlegräischen Feldern, einem Supervulkan. Aus bestimmten Gegenden gab es Berichte über Schäden und Leichtverletzte.
Zur Story