Hydrologin zu Trockenheit: «Wir haben jetzt noch einen wichtigen Hebel»
Im Lauf der nächsten Woche könnten die Temperaturen auf bis zu 40 Grad ansteigen. Flächendeckende Niederschläge sind weiterhin keine in Sicht. Was machen diese Prognosen mit Ihnen?
Manuela Brunner: Ich habe lange gehofft, dass wir in diesem Sommer noch die Kurve kriegen und auf den Pfad vom letzten Sommer einbiegen. Damals waren die Vorzeichen ähnlich, im Juli und August kühlte es dann jedoch ab und die Niederschläge kamen, die Speicher konnten sich wieder auffüllen. In diesem Jahr jedoch ist kaum Besserung in Sicht.
Mit ähnlichen Vorzeichen meinen Sie einen schneearmen Winter?
Die Ausgangslage war im letzten Jahr fast gleich. Wir hatten einen tiefen Schneestand Ende Winter und ein Niederschlagsdefizit im Frühling. Ende Mai und Anfang Juni hatten wir ebenfalls sehr tiefe Pegelstände bei den Seen und Flüssen. Nur konnten sich damals die Pegelstände wieder erholen, das sehen wir in diesem Jahr nicht.
Wie angespannt ist die Situation aktuell?
Die meisten Wasserspeicher sind entweder sehr tief oder aufgebraucht. Wir haben keine Schneedecke mehr, gleichzeitig haben sind die Grundwasserstände tief, ebenso wie die See- und Flusspegelstände, die stellenweise sogar sehr tief sind. Das führt dazu, dass sich das gesamte System nicht erholen kann. Mit den Speichern ist also nicht mehr zu rechnen.
Mit welchen Konsequenzen?
Die Folgen sind schon heute spürbar: Es gibt Nutzungseinschränkungen beim Wasser, etwa Bewässerungsverbote oder Wasserentnahmeverbote für die Landwirtschaft. Die Speicherseen sind sehr tief, was die Stromproduktion im nächsten Winter beeinträchtigen könnte. Zudem sind die Wälder sehr trocken, die Waldbrandgefahr steigt und es herrschen grossflächige Feuerverbote. Fische und weitere Wasserlebewesen sind durch die hohen Wassertemperaturen bedroht. Dies sind nur einige Beispiele. Wenn es so weitergeht, dann werden die Einschränkungen zunehmen und auch Regionen betreffen, die im Moment noch nichts davon spüren.
Welche Möglichkeiten bleiben uns noch, Einfluss zu nehmen?
Beim Niederschlag können wir nicht ansetzen, das haben wir nicht in der Hand. Die Speicher sind auch leer, das haben wir auch nicht mehr in der Hand. Jetzt haben wir noch einen wichtigen Hebel: der Wasserverbrauch. Dort haben wir einen sehr direkten Einfluss auf die gesamte Situation. Wir können Wasserentnahmen aus Flüssen zurückfahren und mit Bedacht mit dem Wasser umgehen, das wir noch haben.
Sie erwähnten auch, dass der Grundwasserpegel sinkt. Welche Folgen hat das für die Bevölkerung?
Vom Grundwasser werden unsere Wasserquellen gespiesen. Geht der Grundwasserspiegel also stark zurück, könnten Quellen stillgelegt werden oder nicht mehr fliessen. Weiter kann in Regionen, die sich für die Bewässerung aufs Grundwasser verlassen, nicht mehr so viel Wasser dafür rausgepumpt werden. Ausserdem steigt die Wassertemperatur des Grundwassers an, was die Trinkwasserqualität negativ beeinflusst.
Oft ist die Rede vom «Wasserschloss Schweiz». Verfügen wir über genügend Reserven, um auch auf zukünftige Trockenperioden vorbereitet zu sein?
Durch den generellen Niederschlagsreichtum und die Schneedecke des Winters verfügen wir im europäischen Quervergleich sicher über mehr Wasserressourcen als andere Länder. Dieser Schneespeicher geht zukünftig aber zurück. Durch den Klimawandel gibt es weniger Niederschlag im Sommer, gleichzeitig verdampft durch die Hitze immer mehr Feuchtigkeit aus den Böden und von Wasseroberflächen. Wir können uns nicht mehr auf die Wasserspeicher verlassen, die in der Vergangenheit so zuverlässig waren.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Wir werden von Jahr zu Jahr abhängiger von den Schwankungen hinsichtlich der Niederschlagsmengen. Wir müssen uns auf Situationen einstellen, in denen diese Speicher nicht mehr gefüllt sind. Wir müssen uns überlegen, wie wir mehr Wasser speichern können, auf das wir in Situationen wie der heutigen zugreifen können.
Gibt es diesbezüglich bereits Ansätze?
Es gibt einige Ideen, zum Beispiel die künstliche Grundwasseranreicherung: dass also in Zeiten mit hohen Flusspegeln Wasser aus den Flüssen in das Grundwasser eingespeist werden kann. Bezüglich der Landwirtschaft gibt es Überlegungen für dezentrale Bewässerungsteiche, in denen im Winter Regenwasser für den Sommer gesammelt werden kann. Auch Mehrzweckspeicher sind ein Ansatz, dass in existierenden Speicherseen also nicht das gesamte Wasser für die Wasserkraft genutzt wird, sondern ein Teil auch zur Bewässerung im Sommer genutzt werden kann.
Werden sich solche Trockenperioden in der Zukunft häufen?
Die Daten deuten klar darauf hin. All entscheidenden Faktoren werden sich in Zukunft durch die Klimaerwärmung verschärfen.
In einer Studie forderten Sie mit anderen Wissenschaftlern einen Paradigmenwechsel im Dürrenmanagement, was meinen Sie damit?
Wir müssen vorausschauender handeln, anstatt nur zu reagieren. Ein wichtiger Schritt in der Schweiz ist beispielsweise die neue Trockenheitsplattform, mit welcher der Bund Warnungen herausgeben kann, aber auch Prognosen liefert. Wir müssen uns einfach gewisse Fragen stellen, wie: Wo können wir zusätzlich Wasser speichern? Wie priorisieren wir die Wassernutzung, wenn es eng wird? Wem steht wie viel Wasser zu, auch im Kontext der Schweizer Kantone, in dem Wasser über Kantonsgrenzen hinweg fliesst.
Ist der Schweizer Föderalismus diesbezüglich eine Hürde?
Die Entscheidungshoheit beim Wassermanagement liegt oft bei Gemeinden und Kantonen. Jeder Kanton und jede Gemeinde hat da andere Regeln. Eine nationalere Perspektive, die über Grenzen hinwegschaut, wäre sicher wünschenswert. Damit könnte die Situation gesamtheitlicher angegangen werden.
Ist eine Normalisierung der Situation durch Niederschläge überhaupt noch möglich?
Das ist eine gute Frage. Vom April bis zum heutigen Zeitpunkt ist gerade mal die Hälfte der Niederschläge gefallen, die sonst in dieser Zeit erwartet werden können. Wir bräuchten nun über mehrere Tage verteilt konstante Regenfälle. Die Intensität der Niederschläge darf aber auch nicht zu hoch sein, ansonsten kann das Wasser nicht versickern, was zu Hochwasser führen würde. Ideal wären einige dutzend Millimeter Regen, über mehrere Tage hinweg. Das würde die aktuelle Lage deutlich entspannen.
