Die Biodiversität in der Schweiz ist vielerorts in schlechtem Zustand
Nach starken Verlusten im letzten Jahrhundert hat sich der Rückgang der Biodiversität in der Schweiz in den letzten Jahren verlangsamt. Gestoppt ist das Artensterben aber nicht, wie ein neuer Bericht zeigt. Insgesamt steht es um die Biodiversität in der Schweiz schlecht.
Noch sei eine Trendwende aber möglich, betonten Expertinnen und Experten der Schweizer Akademie für Naturwissenschaften (SCNAT) am Donnerstag vor den Medien. Und sie sei auch notwendig. «Es geht nicht um Tierchen und Pflänzchen, es geht um unsere Lebensgrundlage», betonte Jodok Guntern von der SCNAT. Er war Projektleiter des neuen Berichts. Wann es zu spät werde, um eine solche Trendwende zu schaffen, könne nicht vorhergesagt werden. «Wir müssen versuchen, keine weiteren Arten mehr zu verlieren», fügte der am Bericht beteiligte Antoine Guisan, Professor an der Universität Lausanne, an.
Um die Jahrtausendwende seien in der Schweiz verschiedene Programme zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität eingeführt worden. Nun sei es Zeit für eine Bilanz. 50 Expertinnen und Experten arbeiteten an dieser Bilanz mit. Der über 150-seitige Bericht wurde am Donnerstag veröffentlicht.
Erheblicher Verlust an Biodiversität
«Die Fakten sind klar», schrieben die Expertinnen und Experten im Bericht. Die historischen Verluste an Biodiversität sind demnach erheblich. Der Rückgang hat sich zwar seit der Jahrtausendwende verlangsamt, er geht aber weiter. Insgesamt sei der Zustand der Biodiversität in der Schweiz schlecht, so die Expertinnen und Experten.
Etwa ein Drittel der Tiere, Pflanzen und Pilze in der Schweiz gelten als bedroht. «Wir verlieren nicht nur einzelne Arten»; fügte Marco Moretti von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hinzu. Die Artengemeinschaften würden sich auch immer ähnlicher. «Es gibt eine Banalisation der Lebensräume», erklärte er. In der Vergangenheit gab es ein Mosaik an verschiedenen Lebensräumen, in denen Arten lebten, die auf diese Lebensräume spezialisiert waren. Diese «Spezialisten» gingen zunehmend verloren.
Hoher Konsum schadet der Umwelt
Ein grosser Treiber für diese Verluste sei der grosse Konsum in der Schweiz, sagte Guisan. Ein hoher Konsum führe zu intensiver Landnutzung, Umweltverschmutzung, invasiven gebietsfremden Arten und Klimawandel. So hat dem Bericht zufolge die Landschaftszerschneidung zwischen 2014 und 2020 um 7 Prozent zugenommen und die Lichtverschmutzung hat sich zwischen 1994 und 2020 verdoppelt.
Demgegenüber haben die menschenverursachten Stickstoffeinträge über die Luft seit 1990 zwar abgenommen. Es gelangt jedoch immer noch zu viel Stickstoff in zahlreiche Lebensräume.
Wo die Biodiversität am stärksten leidet
Die Bestände gewisser Arten, insbesondere wärmeliebender, mobiler und bereits häufiger, entwickeln sich demnach positiv. Zudem konnten mehrere grosse Tierarten wie Reh und Biber die Gebiete, aus denen sie einst verschwunden waren, wieder besiedeln.
In Gewässern, im Siedlungsraum und im Landwirtschaftsgebiet in den Tal- bis unteren Bergzonen stuft der Bericht den Zustand der Biodiversität als «schlecht» ein. Im Wald hat sich der Zustand auf «mittel» verbessert. Hingegen ist in den oberen Bergzonen des Landwirtschaftsgebiets der Zustand von «gut» auf «mittel» zurückgegangen. Nach wie vor als «gut» wird der Zustand der Biodiversität in alpinen Lagen oberhalb der Waldgrenze eingestuft.
Die ganze Gesellschaft ist gefordert
Um eine Trendwende zu erreichen, braucht es den Expertinnen und Experten zufolge einen stärkeren Einsatz der gesamten Gesellschaft. Dazu gehörten auch Privatpersonen. Als Beispiel nannten sie dabei ökologisch wertvolle Siedlungsräume. Man könne sehr viel in den Gärten machen. So könne man etwa die Flächen besser vernetzen, igelfreundlichere Gärten gestalten oder Nistplätze für Fledermäuse zur Verfügung stellen
Damit sich der Zustand der Biodiversität verbessern könne, müssten zudem bestehende Gesetze konsequenter vollzogen werden. Bestehende Fördermassnahmen zeigen laut Bericht eine messbare Wirkung – jedoch meist nur lokal oder regional. «Da gibt es Luft nach oben», sagte Eva Spehn von der SCNAT. Bestehende Programme müssten ausserdem ausgebaut, gut finanziert und besser mit anderen Politikbereichen abgestimmt werden. (sda)
