Mehr Events wie der «Donnschtig-Jass»: So will der neue SRF-Chef das Programm verändern
Sie führen das Schweizer Radio und Fernsehen seit rund 100 Tagen. Was hat Sie am meisten überrascht, seit Sie die Funktion übernommen haben?
Roger Elsener: Es gibt Themen und Eigenheiten, die anders sind als bei den Privaten. Um zwei zu nennen: SRF ist ein Unternehmen, das dezentral als Verein organisiert ist und dadurch einen hohen Rückhalt in der Bevölkerung geniesst. Die SRG und SRF gehören ein Stück weit jedem. Wir sind zweitens kein Unternehmen, das einen Gewinn erzielen muss. Jeder letzte Franken wird für den Service public und unser Publikum investiert.
Von Ihrem Profil her gelten Sie als Experte für Unterhaltung. Jetzt finden viele, beim Schweizer Fernsehen müsste man vor allem bei der Information ansetzen. Haben Sie dafür das falsche Profil?
Nein. Ich habe über zehn Jahre konzessionierte Sender mit Leistungsauftrag geführt, im Fernseh- und im Radiobereich. Ich bin gut vorbereitet, auch auf die Weiterentwicklung der Information. Unser Grundziel ist, dass wir SRF zu einem modernen digitalen Leitmedium weiterentwickeln. Das heisst, dass wir auch in zehn Jahren relevant sind und eine Plattform für fundierten Journalismus bieten.
Ist Ihnen im Informationsbereich etwas aufgefallen, positiv oder negativ, bei dem Sie dachten: Da müsste man etwas verändern?
Ich bin jemand, der Strategien und Weiterentwicklungen grundsätzlich immer mit dem Team zusammen erarbeitet. Da kommt keine Doktrin vom Direktor nach dem Motto: Jetzt machen wir genau das. Klar ist: Heute denken wir stark in Formaten, sei es für Radio oder Fernsehen. Dabei haben wir grosse und starke Marken entwickelt – etwa die «Tagesschau», «Echo der Zeit», «10 vor 10», den «Kassensturz» und die «Rundschau». Solche Marken gilt es zu bewahren.
Aber?
Der Medienkonsum verändert sich in einer Weise, die wegführt vom Gedanken: Ich konsumiere live ein Format. Mit der Digitalisierung steigt die Bedeutung zeitversetzter Inhalte und des sogenannten Short-Form-Content, also kürzerer Inhalte. Das Ziel ist es, unsere starken Brands weiterzuentwickeln, sodass sie auf allen Plattformen funktionieren: live, zeitversetzt, auf den Apps und den Streamingdiensten.
Die Informations-Struktursendungen sind seit Jahrzehnten die gleichen. Ist es nicht Zeit für etwas Neues?
Diese Formate sind nach wie vor sehr stark. Es sind prägende Struktursendungen, die dazu beigetragen haben, dass SRF im ersten Halbjahr 2026 einen Rekordmarktanteil erzielen konnte.
Grund sind die Übertragungen grosser Sportveranstaltungen.
Der Sport, zuletzt die Fussball-WM, hat sicher zum sehr guten Ergebnis beigetragen. Aber auch Infosendungen über die Brandkatastrophe in Crans-Montana und den Krieg im Nahen Osten oder Formate wie «Happy Day» oder DOK stiessen auf grosses Interesse.
Sie sprechen von kürzeren Inhalten auf den sozialen Medien. Dort werden laufend Ausschnitte aus deutschen Talkshows zum nationalen und internationalen Zeitgeschehen gezeigt. Das Schweizer Fernsehen hat jedoch kein solches Format.
Das ist genau das, was ich mit Short-Form-Content meine: dass man mit kürzeren Clips und Ausschnitten auf eigenen und Drittplattformen ein grosses Publikum erreicht. Das ist auch das, was wir mit speziell kreierten Newsclips schon machen. In diese Richtung geht es.
Plant SRF eine neue Talkshow?
Neue Formate werden wir zusammen mit den Teams entwickeln. Da sind wir im Moment dran. Man wird von uns hören.
Es ist seit «10 vor 10», das unter Peter Schellenberg eingeführt wurde, keine neue lineare Informationssendung mehr dazugekommen. Ist das nicht mehr Ihr Fokus?
Im Gegenteil. Mit diesen Formaten möchten wir den Weg einer Weiterentwicklung, einer Erneuerung und einer digitalen Kompatibilität gehen, damit sie als Kern, als Programmsäulen, stärker in unserem Ökosystem leben können. Die digitale Welt dreht schneller. Das bedingt, dass wir mehr testen, mehr versuchen und diese Welt so noch besser kennenlernen.
Wird sich SRF künftig noch stärker um Live-Sport bemühen, um seine Marktanteile zu halten? Der Sender erreicht damit im Gegensatz zu anderen Formaten auch die Jungen.
Live-Sport wird ein sehr wichtiger Bestandteil von SRF bleiben. Daneben wollen wir die Erlebbarkeit unserer Inhalte stärken. Wir möchten stärker auf Events setzen, wie das beim «Donnschtig-Jass» geschieht. Mit einem solchen Format schaffen wir es, ganze Regionen zu aktivieren und für Jung bis Alt ein Volksfest zu kreieren.
In Ihrer früheren Rolle haben Sie immer gefordert, dass das Schweizer Fernsehen und die SRG gerade bei den Sportrechten den Privaten etwas mehr überlassen. Wie sehen Sie das jetzt?
Wir wollen partnerschaftlich mit den Privaten kooperieren. Eines der kontrovers diskutierten Themen waren die Eishockeyrechte, die CH Media zu meiner Zeit gewonnen hat. Das ist jetzt hier im Haus bei SRF und bei der SRG akzeptiert. Wir sind bereit, mit den Privaten über alle Themen zu sprechen, wenn es um neue Kooperationsmodelle geht.
Fussball zum Beispiel? Das ist die Königsdisziplin.
Ja, auch im Fussball. So haben wir uns ab der Spielzeit 2027/28 nicht mehr um die Liverechte für die Champions League beworben.
SRF muss Mittel einsparen. Mit den hohen kommerziellen Einnahmen könnte es aber weniger schlimm kommen als befürchtet.
Der Sparauftrag, den wir haben, beträgt 17 Prozent des Budgets. Die SRG wird bis Ende Jahr 300 Stellen abgebaut haben. Wir rechnen damit, dass es am Ende 900 sein werden. Wir kämpfen jeden Tag dafür, dass es weniger sind. Wir kämpfen dafür, dass ein möglichst grosser Teil des Abbaus über frühzeitige Pensionierungen und die natürliche Fluktuation aufgefangen wird.
Jetzt sind diverse Führungskräfte um die 60 faktisch aufs Abstellgleis geraten, etwa Chefredaktor Tristan Brenn. Sind das nicht teure personelle Massnahmen?
Tristan Brenn hat sich freiwillig nicht auf die neue Rolle als Leiter der Information beworben. Das war sein eigener Entscheid.
Aber vielleicht auch, weil es etwas unwürdig ist: Wenn man so lange dabei ist, muss man sich plötzlich neu bewerben. Hätte man das nicht anders lösen können?
Viele Führungspersonen müssen sich neu bewerben, das ist keine einfache Situation. Aber das ist der grossen Transformation geschuldet. Die Jobprofile verändern sich. Darum ist es auch richtig, dass man Führungspositionen ausschreibt und einem breiteren Kandidatenkreis zugänglich macht. Es gibt dann Mitarbeitende, die sagen: Das nehme ich jetzt zum Anlass, mich umzuorientieren oder mich nicht mehr zu bewerben.
Viel Unmut löste intern die Freistellung von vier Sprechausbildnern aus. Warum diese Härte? Damit spart SRF doch nur sehr wenig.
Die Entscheidung ist Teil der übergeordneten Transformations- und Sparstrategie und fällt in diesem konkreten Fall in die Verantwortung der Personalabteilung, die für Aus- und Weiterbildung zuständig ist. Für SRF ist und bleibt es wichtig, dass die Qualität der Sprechausbildung weiterhin hoch ist. Das ist gesichert.
Die Halbierungsinitiative wurde im Frühling klar abgelehnt. Es gibt SRF-intern Stimmen, die sagen: Es ist falsch, jetzt trotzdem zu sparen.
Wir sind froh, dass die Vorlage so deutlich abgelehnt worden ist. Wir haben einen deutlichen Rückhalt in der Bevölkerung gespürt. Man merkt auch, dass das bei den SRF-Mitarbeitenden zu einer Erleichterung geführt hat. Aber es wissen alle: Wir müssen einen politischen Sparauftrag umsetzen, die Gebühren sinken schrittweise ab 2027 bis 2029 auf 300 Franken.
Medienminister Albert Rösti wünscht sich eine grössere Ausgewogenheit in der politischen Berichterstattung von SRF. Was sagen Sie dazu?
Was ich jeden Tag erlebe: Alle Mitarbeitenden sind unseren publizistischen Leitlinien in höchstem Masse verpflichtet. Dazu gehören Qualität, Unabhängigkeit, Fairness. Wir wollen die Stimmen aller Lager hören, wenn wir berichten. Ich glaube nicht, dass wir uns mangelnde Meinungsvielfalt vorwerfen lassen müssen. Es gibt verschiedene Studien, die das stützen.
Warum kommt der Vorwurf der Linkslastigkeit immer wieder?
In der Post von Zuschauerinnen und Zuschauern auch an mich kommt Kritik genauso von links wie von rechts. Es gibt mit der Ombudsstelle und der UBI unabhängige, neutrale Gremien, welche die Sachgerechtigkeit und die Vielfalt einzelner Sendungen beurteilen. Und sie stützen uns in den meisten Fällen. Gleichzeitig finde ich: Wir dürfen mutig sein. Es war für unsere Redaktionen in den letzten Jahren nicht immer einfach, wenn sie politisch unter Druck standen. Ich animiere alle im Unternehmen, mutigen Journalismus im Rahmen der publizistischen Leitlinien zu praktizieren.
Zum aussergewöhnlichen Hitzesommer ist SRF wenig Originelles eingefallen. Man holt Thomas Bucheli vom Dach als Experte ins gekühlte «10 vor 10»-Studio. Hatte man Angst vor dem Vorwurf der Klimahysterie?
Das sehe ich anders. Das Thema ist bei uns breit präsent, über alle Genres hinweg. Neben Thomas Bucheli im Studio gab es eine umfassende, facettenreiche Abdeckung. Wenn es in der fünften, sechsten, siebten, achten Woche heiss ist, nimmt der Newswert aber ab.
Wo braucht SRF denn mehr Mut?
Es ist schwierig, das an einem einzelnen Beispiel zu erklären. Aber den journalistischen Weg auch in Zukunft konsequent zu gehen, selbst wenn er mit Widerstand verbunden ist. Das gehört für mich zu unserem Auftrag.
Haben Sie selber denn diesen Mut? Zum Beispiel, um ein Signal für mehr politische Relevanz zu setzen und die «Arena» in die Primetime zu verschieben?
Wir werden den Mut haben, bestehende Programmstrukturen zu hinterfragen.
Und in der Unterhaltung? Bei Ihren früheren Arbeitgebern sind Sie vor Trash-Formaten nicht zurückgeschreckt. Schicken Sie bald ein paar Leute auf eine Insel?
Zu SRF passt Unterhaltung, die Lebensrealitäten abbildet, auf Augenhöhe mit dem Publikum ist – und nie die Würde des Menschen verletzt, wie das teilweise in internationalen Formaten vorkommt. Unterhaltung darf und soll auch Information und Kultur sein. Diese Bereiche darf man nicht als Silos sehen.
Was planen Sie Neues?
Beispielsweise ein WG-Format, bei dem wir eine elfköpfige Wohngemeinschaft in St.Gallen begleiten. Es startet Ende August und heisst «Für immer WG».
«Big Brother» für gebührenfinanziertes Fernsehen?
Keineswegs. Es ist eine reale WG. Wir bilden diese sehr schweizerische Wohnform ab und zeigen, was die Leute in ihrer jeweiligen Lebensphase umtreibt.
Solche Formate sind darauf angelegt, dass es zu Konflikten kommt.
Unsere Sendung ist nicht darauf angelegt, aber natürlich kann es Konflikte geben, die gehören zu unserem Leben.
Vielleicht mutig, aber in der Wirkung sehr negativ war die Enthüllung über Patrick Fischer, der dann als Eishockey-Nationaltrainer kurz vor der WM zurücktrat. Er wirft SRF vor, Off-the-Record-Regeln verletzt und sein Vertrauen missbraucht zu haben. Suchen Sie sich mit ihm eine Versöhnung?
Mir ist wichtig, dass man gut trennen kann: Was ist eine Causa, die uns journalistisch beschäftigt? Und wie geht man als Menschen miteinander um? Da sind wir wieder beim Mut und der journalistischen Unabhängigkeit, diese sind zentral, Fairness ebenfalls.
Muss SRF mit Fischer ins Reine kommen?
Der Fall hatte seinen Anfang noch vor meiner Zeit. Jetzt beginnt eine neue Ära. Ich würde mit Fischer jederzeit einen Kaffee trinken.
«Fertigmacherjournalismus» lautete ein Vorwurf.
Das wäre ganz sicher nicht unser Stil. Aber man muss journalistisch immer eine klare Linie behalten. Man darf nicht auf irgendeine Weise bestechlich sein, sondern muss «straight» sein, auch wenn es schmerzt. Geschmerzt hat auch, dass wir den eigentlich geplanten Dok-Film nicht fertigstellen konnten.
Man hätte die Enthüllung ja in die Doku einbauen können, statt eine separate Story zu machen.
Das wäre der Idealfall gewesen. Aber um offen darüber zu sprechen, braucht es beide Seiten, es sind Menschen und Emotionen im Spiel.
Sie sind nicht zuletzt als Digitalisierer gewählt worden. Ist die neue App Play Plus das entscheidende Mittel für die Digitalisierung von SRF?
Sie ist für SRF und die ganze SRG sehr wichtig. Um sich zu einem modernen digitalen Leitmedium zu entwickeln, braucht es entsprechende Kanäle und Plattformen. Sonst erreichen wir einen Teil unseres Publikums nicht mehr, insbesondere die Jungen. Der Medienkonsum entwickelt sich in zwei Richtungen: Kurzform- und Langform-Inhalte. Letzteres – also Sendungen von 30, 60 oder 90 Minuten – wird nicht verschwinden. Aber Ersteres nimmt online zu, Wir müssen hier noch mehr bieten.
Damit macht sich SRF noch breiter und engt die Privaten zusätzlich ein. Im Abstimmungskampf klang es anders.
Nein, die neue App Play+ ersetzt mehrere andere, konkret Play Suisse und die sprachregionalen Play-Apps wie zum Beispiel Play SRF. Wir machen aus fünf Apps im Grunde eine. Das ist eine Fokussierung und – wie auch Susanne Wille schon mehrfach gesagt hat: Die SRG ist bereit, Play+ auch für andere Medien zu öffnen. Auch bei der Präsenz auf Drittplattformen werden wir uns fokussieren, wie das versprochen wurde.
In der neuen App haben Sie potenziell endlos viele Kanäle, etwa für Sportübertragungen – braucht es dann den linearen Kanal SRF info noch?
Der Sender hat in gewissen Altersgruppen eine hohe Nutzung. Diese Menschen würde man möglicherweise verlieren. Darauf nehmen wir in unseren Diskussionen Rücksicht. (schweizheute.ch)

