Die Schweiz ist tolerant – ausser wenn zwei Männer sich küssen
Viele Menschen würden vehement verneinen, homophob oder queerfeindlich zu sein. Schliesslich haben 64,1 Prozent der Schweizer Bevölkerung die Ehe für alle 2021 angenommen. Und doch: Laut einer GFS-Studie von 2024 findet es fast jede zweite Person in der Schweiz unerfreulich, wenn sich zwei Männer auf offener Strasse küssen.
Hier wird sichtbar, wie brüchig diese Akzeptanz ist.
Die Mehrheit ist zwar nicht gegen Rechte für queere Menschen. Aber im Alltag hat sie sich noch nicht an diese Minderheit gewöhnt. Ihre Toleranz schrumpft, sobald queere Menschen sich zeigen: auf der Strasse, in den Medien, in der Schule, in politischen Debatten.
Und genau das ist es, was gefährlich ist.
Queerfeindlichkeit gewinnt an Zustimmung, wenn sie anders daherkommt: als Unbehagen über einen Kuss. Als Vorwurf, queere Themen bekämen zu viel Aufmerksamkeit. Als Ruf nach Politik für «die Mehrheit», weil Minderheiten eine Ablenkung von den «wirklichen Problemen» seien, von steigenden Krankenkassenprämien und Mieten.
Gesellschaftliche Akzeptanz ist reversibel. Das zeigen die USA: Die Unterstützung für gleichgeschlechtliche Ehen ist laut Gallup von 71 auf 65 Prozent gefallen.
Akzeptanz kippt, wenn Gleichstellung dauerhaft als Übertreibung gerahmt, gegen vermeintlich wichtigere Probleme ausgespielt und politisch instrumentalisiert wird.
So sind aktuell laut ACLU für 2026 über 500 Anti-LGBTQ-Gesetzesvorlagen in US-Bundesstaaten hängig, darunter Einschränkungen bei der Gesundheitsversorgung, Ausweisdokumenten, der Meinungsäusserung und in Schulen.
Die Schweiz sollte darin eine Warnung für sich selbst erkennen.
Kein «Ausländer-Problem»
Im Zürcher Kantonsrat wurde zuletzt über Stellenprozente für eine Fachstelle Gleichstellung debattiert. Was folgte, war ein Kulturkampf. Die SVP verlagerte die Debatte auf Migration und importierte Feindlichkeit. Linke warfen ihr wiederum Rassismus vor.
Die eigentliche Frage, um die sich die Diskussion hätte drehen sollen, rückte in den Hintergrund:
Die Importthese ist politisch bequem. Sie erlaubt, auf andere zu zeigen. Aber: Fast jede zweite Person in der Schweiz findet es unerfreulich, Zeuge oder Zeugin davon zu werden, wie sich zwei Männer küssen. Diese Zahl lässt sich nicht auf eine Minderheit abwälzen.
Queerfeindlichkeit hat keine Religion. Sie wächst aus konservativen Weltbildern, aus autoritärem Denken, aus einem sehr alten Bild davon, wie Männer zu sein haben.
Doch wer gewisse Gruppen pauschal verdächtigt, treibt sie oft tiefer in jene Räume, in denen Feindbilder wachsen können. Ja: Wir müssen Queerfeindlichkeit klar benennen. Gleichzeitig brauchen wir konkrete Wege aus ihr heraus.
Sichtbarkeit schafft Normalität
Eine im Fachjournal «Sex Roles» publizierte Metaanalyse von 41 Studien zeigt: Mehr Kontakt zu lesbischen und schwulen Menschen führt zu weniger Vorurteilen.
Persönlicher Kontakt. Menschen, die im eigenen Umfeld sichtbar werden. Kolleginnen, Familienmitglieder, Nachbarn.
Das ist wichtig für die aktuelle Debatte. Denn einer der häufigsten Sätze gegen queere Sichtbarkeit lautet:
Ja, muss man.
Sichtbarkeit schafft Normalität. Akzeptanz wächst, wenn queere Menschen im Alltag vorkommen. Sie schrumpft, wenn sie dauerhaft als Problem oder Zumutung für die Mehrheit dargestellt werden.
Denn das sind queere Menschen nicht. Sie sind Teil der Mehrheit.
Sie zahlen Krankenkassenprämien und Miete. Schwule und migrantische Jugendliche suchen Lehrstellen. Lesbische Mütter arbeiten in Spitälern. Trans Menschen sitzen in Schulzimmern, Büros, Trams und Cafés.
Wer Politik für die Mehrheit fordert, muss zuerst anerkennen, wer alles zu ihr gehört.
