Balkonpinkler und gestellte Zugfahrten: So ist das Leben in einer Touristenstadt
Ferien für die Kamera
Ich lebe in Luzern und bin wohl schon auf Tausenden Fotos von Menschen aus aller Welt zu sehen. Irgendwo im Hintergrund, während der eigentliche Fokus auf die Kapellbrücke, das Bergpanorama, das Löwendenkmal oder verzierte Fassaden gerichtet ist. Es ist schlicht nicht möglich, immer und überall anzuhalten oder aus dem Weg zu gehen, wenn Touristen ihre Ferienfotos schiessen. Das ist auch okay und mir ist bewusst, dass ich das Privileg habe, an einem wunderschönen Ort zu leben, den auch andere sehen und erleben sollen. Als Einheimische kennt man die Hotspots, die man Jahr für Jahr meidet. Doch allmählich wird es absurd.
Es ist absurd, wenn Menschen plötzlich völlig lasziv mit ausgeprägten Hüftbewegungen durch die Einkaufsstrassen schlendern, den Blick irgendwo in die Höhe gerichtet, während sie von einer weiteren Person aus rund zehn Metern Entfernung gefilmt werden. So geht einfach niemand durch Einkaufsstrassen. Auch sonst nirgends. Es sieht schlicht gestellt und bescheuert aus.
Ein anderes Beispiel: Während ich wie jeden Tag frühmorgens meinen Zug besteige, lässt sich eine junge Frau filmen, wie sie sich einer S-Bahn-Tür auf der Gegenseite des Perrons nähert. Den Blick in die Kamera gerichtet, ein Getränk in der Hand, drückt sie den Türknopf, als hätte sie gerade die Pforte nach Narnia gefunden. Alles für Social Media. Und weil beim ersten Anlauf nicht alles perfekt war, braucht es einen zweiten, der wirkt, als wäre alles superspontan. Nochmals zurück, nochmals auf die S-Bahn-Tür zugehen und den Knopf drücken. Ob sie schliesslich tatsächlich Zug gefahren ist, kann ich nicht sagen – ich wollte meinen schliesslich nicht verpassen.
Ob am See, in der Altstadt, in der Migros oder im Wohnquartier: Offenbar ist alles im Alltag von uns Schweizerinnen und Schweizern so spektakulär, dass man es sich nicht einfach ansehen und geniessen kann, sondern für Social Media auf Video festhalten muss. Dass das für Aussenstehende völlig absurd aussieht, ist Nebensache. Die Realität ist Nebensache. Nur der digitale Fame zählt.
Die Rückzugsorte verschwinden
Und der Tourismus in Luzern konzentriert sich längst nicht mehr nur auf die Plätze in der Altstadt und um das Seebecken. Waren Wohnquartiere ausserhalb des Stadtkerns früher noch angenehme Rückzugsorte, trifft man heute immer öfter auf Rollkoffer, Camper und ausländische Fahrzeuge oder Mietautos mit von Verkehrsregeln überforderten Insassen.
Kurzzeitvermietungen von Wohnraum an Touristinnen und Touristen sind in Luzern schon länger ein Ärgernis. Deshalb gelten seit Anfang 2025 neue Regeln: Die Anzahl der Nächte, in denen Räume als Ferienwohnungen vermietet werden können, ist begrenzt. Und doch breiten sich Touristinnen und Touristen Jahr für Jahr immer weiter in die Quartiere aus. Geschichten darüber kann ich etliche erzählen.
Wie etwa dieser eine DJ, der einmal für eine Woche in meiner Nachbarschaft untergekommen ist. Auf der Terrasse organisierte er einen 24-Stunden-Rave. Genau, 24 Stunden lang Elektromusik in voller Lautstärke im ganzen Quartier. Wer in einer Stadt lebt, hat eine höhere Toleranzgrenze. Lärm gehört eben auch manchmal dazu, das ist okay. Doch irgendwann reisst auch der stärkste Geduldsfaden. Das passierte in diesem Fall etwa nach 20 Stunden, als ein Anwohner wütend aus dem Fenster schrie.
Oder ein anderes Mal, als eine Gruppe Touristen auf einer Terrasse einer Wohnung eine Party feierte. Einem Betrunkenen war der Gang zur Toilette wohl nicht aufregend genug. Er kletterte lieber über das Geländer auf die Terrasse einer leerstehenden Wohnung und pinkelte von dort rund fünf Stockwerke in die Tiefe. An den Küchenfenstern von Langzeitmietenden vorbei.
Und auch die Ruheoasen, die dann noch bleiben, sind mittlerweile nicht mehr tourifrei. Am Waldrand begegnet man Gästen mit Drohnen und Rollkoffern, auf dem Friedhofsparkplatz stehen Reisecars, die wohl darauf warten, ihre Tagesgäste im Zentrum wieder einzusammeln.
Aufatmen im Herbst
Und dann ist es plötzlich wieder vorbei. Die Menschen in der Stadt, die mit dem Handy in der Hand und mit einheitlichen Hüten einem bunten Schirm oder Fähnchen folgend durch die Stadt ziehen und Gehwege verstopfen, werden weniger. Velofahrende müssen weniger Cars und Touristengruppen ausweichen, die Camper machen in den Quartieren wieder Platz für einheimische Fahrzeuge.
Im Zug ist es morgens wieder ruhig, nur die täglichen, schweigsamen Pendlerinnen und Pendler bleiben übrig. Die Bänkli entlang des Sees in der Stadt bieten wieder Platz für Stadtbewohnerinnen und -bewohner, die die Aussicht geniessen. Auf Social Media geraten die Schweizer Touristen-Hotspots für eine kurze Weile in Vergessenheit, andere Städte sind jetzt the place to be.
Da denke ich: Eigentlich war es ja gar nicht so schlimm. Eigentlich brauchen wir viele dieser Gäste ja. Eigentlich ist es egoistisch zu finden, dass andere diesen schönen Ort nicht auch erleben dürfen. Eigentlich wäre diese Stadt nicht so schön, wenn all das fehlen würde. Und eigentlich gibt es viele Orte, die noch viel mehr überrannt werden. Und schliesslich habe ich in der Stadt noch ein paar Rückzugsorte, in die der Tourismus noch nicht vorgedrungen ist. Welche verrate ich nicht – sonst landen sie noch auf Social Media.
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