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Tourismus in Luzern: Warum das im Sommer nervt

Touristen der 4'000 Personen grossen chinesischen Reisegruppe der Kosmetikfirma "Jeunesse Global" treffen auf dem Inseli in Luzern ein, am Montag, 13. Mai 2019. (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Alles für Social Media: Um die Sehenswürdigkeiten einen Moment zu geniessen, bleibt kaum Zeit.Bild: KEYSTONE
Kommentar

Balkonpinkler und gestellte Zugfahrten: So ist das Leben in einer Touristenstadt

In den Sommerferien sind überall Menschen unterwegs. Schweizer in der Schweiz, Schweizer im Ausland, ausländische Touristen in der Schweiz. Und viele von ihnen mit dem Handy in der Hand.
16.08.2026, 09:5716.08.2026, 10:12

Ferien für die Kamera

Ich lebe in Luzern und bin wohl schon auf Tausenden Fotos von Menschen aus aller Welt zu sehen. Irgendwo im Hintergrund, während der eigentliche Fokus auf die Kapellbrücke, das Bergpanorama, das Löwendenkmal oder verzierte Fassaden gerichtet ist. Es ist schlicht nicht möglich, immer und überall anzuhalten oder aus dem Weg zu gehen, wenn Touristen ihre Ferienfotos schiessen. Das ist auch okay und mir ist bewusst, dass ich das Privileg habe, an einem wunderschönen Ort zu leben, den auch andere sehen und erleben sollen. Als Einheimische kennt man die Hotspots, die man Jahr für Jahr meidet. Doch allmählich wird es absurd.

Tagesbesucher und Touristen geniessen das tolle Fruehlingswetter am See und Reussufer in der Stadt Luzern am Vierwaldstaettersee am Ostersonntag, 5. April 2026 in Luzern. (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Menschenmassen am Rathausquai bei der Kapellbrücke.Bild: KEYSTONE

Es ist absurd, wenn Menschen plötzlich völlig lasziv mit ausgeprägten Hüftbewegungen durch die Einkaufsstrassen schlendern, den Blick irgendwo in die Höhe gerichtet, während sie von einer weiteren Person aus rund zehn Metern Entfernung gefilmt werden. So geht einfach niemand durch Einkaufsstrassen. Auch sonst nirgends. Es sieht schlicht gestellt und bescheuert aus.

Tourists feed swans on lake Lucerne and take selfies, in Lucerne, Switzerland, on August 15, 2017. The city of Lucerne counts between 8 and 10 million day visitors a year. (KEYSTONE/Alexandra Wey) 

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Auch die Schwäne im Seebecken werden gerne für Selfies benutzt.Bild: KEYSTONE

Ein anderes Beispiel: Während ich wie jeden Tag frühmorgens meinen Zug besteige, lässt sich eine junge Frau filmen, wie sie sich einer S-Bahn-Tür auf der Gegenseite des Perrons nähert. Den Blick in die Kamera gerichtet, ein Getränk in der Hand, drückt sie den Türknopf, als hätte sie gerade die Pforte nach Narnia gefunden. Alles für Social Media. Und weil beim ersten Anlauf nicht alles perfekt war, braucht es einen zweiten, der wirkt, als wäre alles superspontan. Nochmals zurück, nochmals auf die S-Bahn-Tür zugehen und den Knopf drücken. Ob sie schliesslich tatsächlich Zug gefahren ist, kann ich nicht sagen – ich wollte meinen schliesslich nicht verpassen.

Ob am See, in der Altstadt, in der Migros oder im Wohnquartier: Offenbar ist alles im Alltag von uns Schweizerinnen und Schweizern so spektakulär, dass man es sich nicht einfach ansehen und geniessen kann, sondern für Social Media auf Video festhalten muss. Dass das für Aussenstehende völlig absurd aussieht, ist Nebensache. Die Realität ist Nebensache. Nur der digitale Fame zählt.

Die Rückzugsorte verschwinden

Und der Tourismus in Luzern konzentriert sich längst nicht mehr nur auf die Plätze in der Altstadt und um das Seebecken. Waren Wohnquartiere ausserhalb des Stadtkerns früher noch angenehme Rückzugsorte, trifft man heute immer öfter auf Rollkoffer, Camper und ausländische Fahrzeuge oder Mietautos mit von Verkehrsregeln überforderten Insassen.

Kurzzeitvermietungen von Wohnraum an Touristinnen und Touristen sind in Luzern schon länger ein Ärgernis. Deshalb gelten seit Anfang 2025 neue Regeln: Die Anzahl der Nächte, in denen Räume als Ferienwohnungen vermietet werden können, ist begrenzt. Und doch breiten sich Touristinnen und Touristen Jahr für Jahr immer weiter in die Quartiere aus. Geschichten darüber kann ich etliche erzählen.

Wie etwa dieser eine DJ, der einmal für eine Woche in meiner Nachbarschaft untergekommen ist. Auf der Terrasse organisierte er einen 24-Stunden-Rave. Genau, 24 Stunden lang Elektromusik in voller Lautstärke im ganzen Quartier. Wer in einer Stadt lebt, hat eine höhere Toleranzgrenze. Lärm gehört eben auch manchmal dazu, das ist okay. Doch irgendwann reisst auch der stärkste Geduldsfaden. Das passierte in diesem Fall etwa nach 20 Stunden, als ein Anwohner wütend aus dem Fenster schrie.

Bruchquartier Luzern
Auch im Luzerner Bruchquartier wimmelt es mittlerweile von Touristen, die oft auch in Airbnb-Wohnungen absteigen.Bild: Keystone

Oder ein anderes Mal, als eine Gruppe Touristen auf einer Terrasse einer Wohnung eine Party feierte. Einem Betrunkenen war der Gang zur Toilette wohl nicht aufregend genug. Er kletterte lieber über das Geländer auf die Terrasse einer leerstehenden Wohnung und pinkelte von dort rund fünf Stockwerke in die Tiefe. An den Küchenfenstern von Langzeitmietenden vorbei.

Und auch die Ruheoasen, die dann noch bleiben, sind mittlerweile nicht mehr tourifrei. Am Waldrand begegnet man Gästen mit Drohnen und Rollkoffern, auf dem Friedhofsparkplatz stehen Reisecars, die wohl darauf warten, ihre Tagesgäste im Zentrum wieder einzusammeln.

Aufatmen im Herbst

Und dann ist es plötzlich wieder vorbei. Die Menschen in der Stadt, die mit dem Handy in der Hand und mit einheitlichen Hüten einem bunten Schirm oder Fähnchen folgend durch die Stadt ziehen und Gehwege verstopfen, werden weniger. Velofahrende müssen weniger Cars und Touristengruppen ausweichen, die Camper machen in den Quartieren wieder Platz für einheimische Fahrzeuge.

Sommerliche Stimmung am See in Luzern, aufgenommen am 16. Juli 2015. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Summerly atmosphere at the lake side in Lucerne, Switzerland, on July 16, 2015. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Auch Luzernerinnen und Luzerner sitzen gerne am See und geniessen das Panorama.Bild: KEYSTONE

Im Zug ist es morgens wieder ruhig, nur die täglichen, schweigsamen Pendlerinnen und Pendler bleiben übrig. Die Bänkli entlang des Sees in der Stadt bieten wieder Platz für Stadtbewohnerinnen und -bewohner, die die Aussicht geniessen. Auf Social Media geraten die Schweizer Touristen-Hotspots für eine kurze Weile in Vergessenheit, andere Städte sind jetzt the place to be.

Da denke ich: Eigentlich war es ja gar nicht so schlimm. Eigentlich brauchen wir viele dieser Gäste ja. Eigentlich ist es egoistisch zu finden, dass andere diesen schönen Ort nicht auch erleben dürfen. Eigentlich wäre diese Stadt nicht so schön, wenn all das fehlen würde. Und eigentlich gibt es viele Orte, die noch viel mehr überrannt werden. Und schliesslich habe ich in der Stadt noch ein paar Rückzugsorte, in die der Tourismus noch nicht vorgedrungen ist. Welche verrate ich nicht – sonst landen sie noch auf Social Media.

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Mirabella
16.08.2026 10:11registriert November 2020
"Eigentlich wäre diese Stadt nicht so schön, wenn all das fehlen würde."
Doch, die Stadt wäre genau so schön, wenn diese überbordenden Touristenströme fehlen würden.

Wie beschrieben nerven vorallem jene Menschen, die einen Ort nur als Kulisse brauchen, um sich wichtig zu machen.
Fast niemand mehr, der einfach schaut und staunt, die Welt wir nur noch durch das Handy und dessen verwertbare Bilder wahrgenommen.
Alles wird zum Disneyland.
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TheHawk
16.08.2026 11:03registriert März 2020
Ich kann das Geschilderte bestätigen. In die Altstadt gehe ich schon lange nicht mehr. Das ist nur noch ein Disney Land und wenn ich meine Kinder mitnehme, werden die teils sehr agressiv-fotografierenden asiatischen Gäste zum Ärgernis.
Grundsätzlich stören mich die Touris nicht - Luzern ist halt schön und war schon immer eine Touri-Stadt. Womit ich aber ein Problem habe, ist das Verdrängen des Wohnraums zu Gunsten von Ferienwohnungen. DAS geht gar nicht und die bisherigen Massnahmen genügen nicht. Die profitgeilen Anbieter gehören so hart zur Kasse gebeten, dass es sich nicht mehr lohnt.
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Die Lauchin
16.08.2026 11:10registriert Oktober 2015
Ich geniesse es, mit einem Bierli in der Hand den Posierenden zuzusehen, wie sie sich der - für mich gefühlten - Lächerlichkeit preisgeben. Ist die Linse wieder zu, verschwindet das Lächeln und das Tänzeln so schnell wie ein Wurstzipfel in einem Labrador.

Täusch ich mich oder leben Personen aus dem asiatischen Raum das noch exzessiver aus als andere? Ich bin nicht sicher, ob es schon jemals ein Foto eines Asiaten gegeben hat, wo nicht eine grinsende Person im Vordergrund das eigentliche Motiv grossflächig abdeckt.
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