Galt einst als Pflichtlektüre: Darum verschwindet der «SonntagsBlick»
Der «SonntagsBlick» war eine Institution in den Neunzigerjahren. Die Lektüre der Zeitung gehörte in den Deutschschweizer Haushalten zum Sonntagsritual. Und das Blatt war lukrativ. Nahm man es aus dem Briefkasten, fielen mehrere Werbeprospekte heraus.
Die negative Entwicklung wurde von Faktoren beeinflusst, mit denen die ganze Presse zu kämpfen hat: Die Konsumentinnen und Konsumenten lesen auch am Sonntag zunehmend kürzere Nachrichten auf Online-Portalen statt längerer Texte in gedruckten Zeitungen. Die Werbung wandert ab zu digitalen Plattformen. Für die Sonntagsblätter sind die hohen Kosten der Zustellung in die Briefkästen der Haushalte eine zusätzliche Belastung.
Dazu beigetragen haben Änderungen auf dem Medienmarkt. Ringier beschleunigte den Niedergang des SonntagsBlicks aber mit einer Reihe von Fehlentscheiden.
Das Produkt wurde 1969 viel früher lanciert als die spätere Konkurrenz von Tamedia und der NZZ. Der «SonntagsBlick» erschien jedoch 13 Jahre nach seinem deutschen Vorbild, der «Bild am Sonntag». Der Sonntag galt als Ruhetag, an dem man die Messe besuchte. Boulevardpublizistik am Tag des Herrn empfanden sowohl Kirchenvertreter als auch Politiker als störend.
Linke Ausrichtung passte nicht zum ländlichen Publikum
Der erste Sobli-Chefredaktor, Hans Jürg Deutsch, liess sich in München von Journalisten beraten, die Erfahrungen mit der «Bild am Sonntag» gesammelt hatten. Heraus kam eine Zeitung mit zwei Schwerpunkten. Der eine richtete sich an Leserinnen, der zweite an Leser.
Den Männern der Sportteil, den Frauen der Gesellschafts- und Unterhaltungsteil. Das war das anfängliche Konzept des «SonntagsBlicks». Politik kam nur am Rand vor. Die Redaktion musste sich das Handwerk eines Sonntagstitels erst erarbeiten. Für die Frontseite war eine Meldung zur Samstagsaktualität vorgesehen. Am Samstag geschieht in der Schweiz aber wenig bis nichts. Der erste Sobli verkündete darum zuvorderst das Resultat einer Sportveranstaltung. Ein bescheidener Anfang.
Dem Erfolg des Titels tat das keinen Abbruch. Ringier investierte in die Recherche und in die politische Berichterstattung. Der «SonntagsBlick» erreichte in seinen besten Zeiten eine Million Leserinnen und Leser.
Die Mischung stimmte: Eigenrecherchen, die von anderen Medien aufgegriffen wurden. Anrührende Schicksalsstorys. Tratsch und Klatsch. Ein ausgebauter Sportteil.
Deutsche Chefs ohne Gespür für die Schweiz
Dann kam Frank A. Meyer. Er schreibt seit den Achtzigerjahren eine Kolumne im Sobli. In blumiger, oft pathetischer Sprache verfasst, stärkte sie die Wahrnehmung der Zeitung als meinungsbildendes Medium. Doch dieser Anspruch hatte auch eine Kehrseite.
Meyer stieg in der Ringier-Hierarchie auf und gab dem SonntagsBlick eine deutlich linke Ausrichtung. Die Zeitung erreichte aber vor allem ein ländliches, eher bürgerlich geprägtes Publikum. Es kam zu einer Entfremdung. Viele Abonnenten fanden, dass das Blatt politisch zu einseitig sei. «Den Sobli lese ich nur noch wegen des Sportteils» – diesen Satz hörte man unter enttäuschten bürgerlichen Lesern oft.
Frank A. Meyer nahm auch Einfluss auf Personalentscheide. Die Chefredaktoren des «SonntagsBlicks» wechselten in kurzer Folge. Einige von ihnen hatten sich gutgestellt mit dem Ringier-Chefpublizisten, erwiesen sich aber schon nach wenigen Monaten als Fehlbesetzungen. Bis zur Abberufung dauerte es aber normalerweise zwei Jahre – diese Frist gab dem Verlagsmanagement Zeit, die Missgriffe zu relativieren.
Weil Meyer seinen Wirkungskreis nach Deutschland ausweitete, landeten bald deutsche Journalisten auf Ringier-Chefposten. Sie wussten wenig von Schweizer Politik, lernten wenig hinzu – und konzentrierten sich auf unverfängliche Unglücksfälle und Verbrechen. Die Publikationen verloren an Kontur. Dann geschah eine Katastrophe.
Desaster in Berlin beschädigt die Glaubwürdigkeit
Der «SonntagsBlick» veröffentlichte 2002 einen Text über eine Liebesaffäre des damaligen Schweizer Botschafters in Berlin. Die angeblich involvierte Frau widerrief ihre Aussagen. Verleger Michael Ringier entschuldigte sich auf der ersten Seite des Blattes beim Botschafter und zahlte ihm eine hohe Entschädigung.
Das Blatt büsste an Glaubwürdigkeit ein. Die Chefredaktoren kamen und gingen. Ringier-Chef Marc Walder konzentrierte sich auf den Ausbau digitaler Marktplätze und schenkte publizistischen Belangen keine grosse Aufmerksamkeit.
Die Auflage und die Leserzahl des «Sonntagsblicks» erodierten schnell. Heute zählt das Blatt noch knapp 260'000 Leserinnen und Leser – rund ein Viertel der früheren Reichweite. Damit ist der Sobli hinter die «SonntagsZeitung» und die «NZZ am Sonntag» zurückgefallen.
Die negative Entwicklung wurde von Faktoren beeinflusst, mit denen die ganze Presse zu kämpfen hat: Die Konsumentinnen und Konsumenten lesen auch am Sonntag zunehmend kürzere Nachrichten auf Online-Portalen statt längerer Texte in gedruckten Zeitungen. Die Werbung wandert ab zu digitalen Plattformen. Für die Sonntagsblätter sind die hohen Kosten der Zustellung in die Briefkästen der Haushalte eine zusätzliche Belastung.
Es sind aber interne Gründe, die den Niedergang des «SonntagsBlicks» beschleunigten. Der Titel hat nicht zuletzt wegen des personellen Karussells an der Redaktionsspitze an publizistischem Profil eingebüsst. Zuletzt öffnete sich das Blatt hin zur politischen Mitte und schrieb weniger an den Lesern vorbei. Aber da war es schon zu spät. Auf der Führungsetage des Verlages war der Glaube an die Zukunft des Titels geschwunden. (schweizheute.ch)

