Ein Entscheid beim «Sonntagsblick» könnte die Schweizer Medienwelt erschüttern
Das Medienunternehmen Ringier wälzt Pläne, deren Umsetzung sich auf die ganze Branche auswirken würde.
Mehrere Kadermitglieder von Ringier sind nach Deutschland und Skandinavien gereist, um Modelle zu studieren: Wie lässt sich eine Sonntagszeitung produzieren, deren Redaktionsschluss nicht am Samstagabend liegt, sondern früher?
Es geht um die Zukunft des «Sonntagsblicks.» Das Boulevardblatt, das seit 1969 erscheint, kämpft mit zwei Problemen.
Erstens: Die Zustellung von Printprodukten in die Haushalte ist teuer am Sonntag. Sie kostet wesentlich mehr als werktags. Unter der Woche verteilen die Zustellorganisationen regionaler Zeitungen auch nationale Titel. Am Sonntag stehen diese Netze aber nicht zur Verfügung. Es braucht darum eine eigene Logistik.
Am Sonntag erhalten die Personen, welche die Sonntagsblätter zu den Briefkästen bringen, einen Zuschlag. Das erhöht die Zustellungskosten zusätzlich.
Zahl der Leserinnen und Leser ist stark gesunken
Beim «Sonntagsblick» kommt erschwerend hinzu, dass die Auflage und die Reichweite des Blattes in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich stark gesunken sind. Lange war die Ringier-Zeitung die klare Nummer eins unter den drei Sonntagstiteln in der Deutschweiz. Jetzt ist der «Sonntagblick» die Nummer drei, was die Zahl der Leserinnen und Leser anbelangt. Es waren einmal gegen eine Million und sind nun noch 265'000.
Wie vermeidet man die hohen Zustellungskosten am Sonntag? Es gibt zwei Möglichkeiten: Der Verlag verzichtet auf einen eigentlichen Sonntagstitel und erweitert das Samstagsblatt zur Wochenendausgabe. Die «Süddeutsche Zeitung» macht es so. Auch CH Media mit der «Schweiz am Wochenende» setzt auf dieses Modell und erreicht damit mehr als eine Million Leserinnen und Leser.
Ein anderes Konzept verfolgt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Am Freitag werden sowohl die Samstagsausgabe als auch die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» produziert. Letztere wird am Samstag ausgeliefert, nicht am Sonntag.
Die deutsche Publikation kommt als Wochenzeitung daher. Der frühe Abschluss wirkt sich auf den Inhalt aus: Über das Samstagsgeschehen gibt es keine aktuelle Meldungen. Auch Berichte über die Spiele der Fussball-Bundesliga fehlen.
Für den «Sonntagsblick» wäre dieser Ansatz einschneidend. Die Sportberichterstattung ist wichtig für das Blatt. Dabei geht es nicht allein um Recherchen. Die Zeitung schreibt sowohl über die Samstagsspiele der Schweizer Super League als auch der grossen europäischen Ligen und über die Eishockey-Runden. Mit einem vorgezogenen Redaktionsschluss wäre das nicht mehr möglich.
Das Magazin als dritten Zeitungsbund hat der «Sonntagsblick» bereits eingestellt. Wenn auch der Sportteil Abstriche machen muss – bleibt dann genug im publizistischen Angebot?
Tamedia und die NZZ hätten plötzlich ein Problem
Die Ringier-Führung sträubt sich, den «Sonntagsblick» als Zeitungstitel aufzugeben. Eine frühere Produktion und damit auch Zustellung werden aber gründlich geprüft. Entscheidet sich das Unternehmen dafür, hätte das auch Auswirkungen auf die beiden Konkurrenten: die «Sonntagszeitung» von Tamedia und die «NZZ am Sonntag.»
Bisher teilen sich drei Verlagshäuser die hohen Kosten der Zustellung am Sonntag. Wären es nur noch zwei, würden die Aufwendungen abermals steigen. Steigt Ringier aus mit dem «Sonntagsblick», müssten sich die Verantwortlichen der «Sonntagszeitung» und der «NZZ am Sonntag» überlegen: Ziehen auch wir die Produktion vor? Bringen wir künftig eine Zeitung heraus, die zwar «Sonntag» im Titel trägt, aber am Freitagabend fertiggestellt wird? Oder bauen wir stattdessen die Samstagsausgabe des «Tages-Anzeigers» und der NZZ aus?
Die Entscheidung von Ringier hat darum erhebliches Gewicht. Mediensprecherin Johanna Walser schreibt: «Zu konkreten Produktionsabläufen äussern wir uns nicht. Grundsätzlich gilt: Wir prüfen laufend, was für unsere Titel sinnvoll ist. Ankündigungen machen wir dann, wenn es etwas anzukündigen gibt.»
Das klingt danach, dass Ringier bald etwas zu verkünden hat. Die Mediensprecherinnen von Tamedia und der NZZ erklären übereinstimmend: Zu möglichen strategischen Überlegungen anderer Verlage äussere man sich nicht. Tamedia fügt hinzu: Wie sich eine Änderung am Sonntag auswirken würde, sei sehr schwer abzuschätzen und hypothetisch.
Die NZZ betont derweil: Die Rahmenbedingungen im Printgeschäft veränderten sich seit Jahren. «Die ‹NZZ am Sonntag› ist und bleibt ein zentraler Bestandteil unseres Angebots und ein wichtiger Ertragsbringer. Entsprechend entwickeln wir sie konsequent weiter.» (aargauerzeitung.ch)

