Von Ringier zu Waldier: An Marc Walder führt beim Ringier-Konzern kein Weg mehr vorbei
Verleger Michael Ringier (77), sagte vor zehn Jahren gegenüber dieser Zeitung mit der ihm eigenen Ironie: «Ich bezeichne mich gerne als genetische Bedrohung für diese Firma.» Sein Vater sei 97-jährig gestorben, der Ringier-Konzern müsse sich mit ihm wohl auf ein ähnliches Alter gefasst machen. Doch eine Wachablösung beim Medienkonzern Ringier drängt sich auf.
Theoretisch wurde die Nachfolgeregelung bereits vor acht Jahren festgelegt und kommuniziert: Robin Lingg, damals 38, sollte ihm in der sechsten Generation nachfolgen und die Tradition des familiengeführten Medienunternehmens fortführen. Lingg ist der zweite Sohn seiner Schwester und Mitaktionärin Evelyn Lingg. Aus Familiensicht war er der Einzige, der dafür infrage kam. Doch vor der Übernahme hatte er sich zu bewähren.
Konzernchef Marc Walder, Ziehsohn und Tennispartner von Michael Ringier, sollte den Übergang gewährleisten. Er werde von Michael Ringier zu gegebener Zeit das Verwaltungsratspräsidium übernehmen. Als Zeichen des Vertrauens wurden Walder zehn Prozent der Firma angeboten. Doch nun ist manches anders.
Kurz vor Ostern vermeldet der Ringier-Konzern in warmen Worten, Robin Lingg werde nach 13 Jahren aus dem Unternehmen ausscheiden und sich eigenen Projekten widmen. Die «NZZ am Sonntag», die Walder sogleich das Podium für ein grosses Interview bot, meint gehört zu haben, der Ringier-Verwaltungsrat habe Lingg nicht das nötige Format zugesprochen.
Hoch gepokert, nicht gewonnen
Zweifellos ist für Lingg die Wette nicht aufgegangen, die er vor vier Jahren mit einem Spielgeld in Höhe von 150 Millionen Franken eingegangen ist: den Bereich Sportplattformen und Sportwetten neben dem Publishing und den Onlinemarktplätzen zur global aufgestellten, dritten Ertragssäule im Ringier-Konzern zu entwickeln. Grösstes Teilstück ist eine 50-Millionen-Pfund-Investition bei der britischen Lifescore-Group. Doch dieses Unternehmen hat im zuletzt ausgewiesenen Geschäftsjahr bis März 2025 bei einem Umsatz von 206 Millionen Pfund weiterhin einen Verlust von 26.7 Millionen Pfund eingefahren. Ringiers Anteil beträgt knapp 9 Prozent.
Dass fehlender Geschäftserfolg eine angebahnte Nachfolgeregelung über den Haufen wirft, hat bei Ringier beinahe Tradition. So war Michaels sieben Jahre älterer Bruder Christoph als Familienoberhaupt der fünften Generation vorgesehen. Doch die von Christoph Ringier verantwortete Expansion ins US-Druckereigeschäft floppte existenzgefährdend. Christoph Ringier schied aus dem Unternehmen aus und wurde von seinen Geschwistern ausbezahlt.
Michael Ringier hatte damit seit 1991 freie Fahrt. In der firmeninternen Publikation «Domo» sagte er 2018: «Meine Schwestern haben kaum gedacht, dass ich das halb anständig hinbringen würde. Man lässt einander machen, dann funktioniert es – meistens.» Nur einmal haben sie ihn zurückgebunden, als er damit kokettierte, in einer speziellen Konstellation in Deutschland den Axel-Springer-Verlag zu übernehmen.
Familienbesitz nicht um jeden Preis
Dass sich die Aktien nicht auf zu viele Familienäste verteilen, ist bei Ringier ebenfalls zu einer Tradition geworden. Nachdem Johann Rudolf Ringier 1831 in Zofingen eine Druckerei gegründet hatte, die Publikationen für ihre Maschinen brauchte, wurden die Besitzverhältnisse über drei Generationen hinweg immer unübersichtlicher. In vierter Generation verkaufte Hans Ringier jedoch die zum Familienkonzern gehörende Warenhauskette Jelmoli, um vier von fünf Familienzweige auszuzahlen.
Für Michael Ringier ist Familienbesitz jedoch nie ein Selbstzweck gewesen. Eher ein Privileg. So sagte er in einem Porträt zu seinem 50. Geburtstag, der Vorteil einer Familiengesellschaft sei es doch, dass «ich nicht mit einem 28-jährigen Controller der Pensionskasse über mein Geschäft diskutieren muss». Im «Domo» führte er aus, dass der Familienbesitz es möglich gemacht habe, dass Ringier grosse unternehmerische Risiken eingegangen sei, etwa mit der Expansion nach Osteuropa oder mit der digitalen Transformation.
Ein Börsengang werde es mit ihm nicht geben, betonte Michael Ringier mehrfach. Doch schon heute ist ein Drittel der Aktien aber nicht mehr in Familienhand. Nachdem zuerst Walder ein Paket übernommen hatte, stieg 2020 die Mobiliar-Versicherung ein. Es hatte Kapitalbedarf bestanden, um vom Axel-Springer-Verlag deren Anteile am Schweizer Zeitschriftengeschäft zu übernehmen. Da keine Synergien zu sehen sind, ist deren Engagement beim Medienkonzern allerdings nicht in Stein gemeisselt.
Walder hat den Shitstorm überstanden
Nach dem Tod der Schwester Annette halten noch Michael Ringier und Evelyn Lingg die Familienanteile. Evelyn Lingg lässt sich dabei von ihrem zweiten Sohn Roman Bargezi vertreten, der auch Einsitz im Verwaltungsrat von Ringier und dem Family Office Ribali hat. Weitere Ambitionen scheint der Informatiker mit dem Hobby Fotografie aber nicht zu hegen.
So unklar wie die Aktionärsfrage, so geklärt scheint die Machtfrage: An Marc Walder gibt es kein Vorbeikommen mehr. Als ihn Michael Ringier 2018 als künftigen Verwaltungsratspräsidenten ankündigte, prägte der «Blick» das Wortspiel «Waldier». Ringier nahm es positiv: So verschwinde zumindest das «Gier», vor allem wenn der Name wie in Zofingen üblich als «Rin-gier» ausgesprochen wird.
Doch auch Walder überstand die vergangenen Jahre nicht schadlos. Nach der E-Mail-Affäre im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und seinen engen Beziehungen zum Departement Alain Berset drohte ihm die interne Entmachtung. Michael Ringier übernahm teilweise wieder direkte, operative Verantwortung. Doch die Episode ist vergessen, Walder sitzt fester im Sattel denn je. Und ohne Lingg wird die Zukunft des Ringier-Konzerns ganz in seiner Verantwortung liegen.
Wobei: Nur ironisch war es nicht gemeint, als sich Michael Ringier als genetische Bedrohung für die Firma bezeichnete. (aargauerzeitung.ch)
