Nach 13 Jahren und 33'000 Kilometern (!) ist die Hälfte dieses Monster-Projekts geschafft
«Wirst du weinen?», fragt seine Tochter, kurz bevor Pascal Bourquin die Hälfte seines Monster-Projekts erreicht. Die Hälfte, das sind 33'289 Kilometer. Es ist schwierig, diese Zahl fassbar zu machen. Die Erde hat einen Umfang von 40'000 Kilometern. Aber das kann sich ja auch niemand richtig vorstellen.
33'000 entspricht gemäss Google Maps ungefähr dem kürzesten Weg von Bern nach Peking und zurück. Oder 125-mal auf dem schnellsten Weg mit dem Auto von Schaffhausen nach Lugano.
Aber das Auto, das nutzt Bourquin höchstens, wenn er zu einem Ausgangspunkt fährt. Denn sein Projekt «La vie en jaune» ist unmotorisiert: Er will jeden Wanderweg der Schweiz ablaufen. 66'578 Kilometer sind dies nach seinen Berechnungen – eineinhalbmal um die Welt.
Vor 12 Jahren und 9 Monaten begann er das Unterfangen. Warum er startete und was er damit erreichen will, verriet er uns kürzlich auch im Rauszeit-Podcast. Jetzt wandert er auf seiner 1305. Etappe mit einer Gruppe von rund 30 Mitwandernden durch Wabern zur Aare. In wenigen 100 Metern ist die Hälfte des Giga-Projekts erreicht. Mit dabei ist auch seine Tochter und die wartet auf seine Antwort. Ob er weinen wird? Bourquin zögert kurz: «Nein. Ich weine dann am Ende.»
Wenig später ist die Stelle erreicht. Ein schöner Weg durch den Wald direkt an der Aare. Die Sonne scheint auf einen kleinen Fleck neben einem Baumstrunk. «Hier sind wir», sagt Bourquin, «Kilometer 33'289 meines Projekts.» Dabei bewältigte er unglaubliche 1'682'000 Höhenmeter. Der Vielwanderer hat einen Vorsprung auf den Zeitplan von rund einem Jahr. Er weint nicht. Aber man spürt, dass ihm der Moment einiges bedeutet. Die Mitwanderer aus der ganzen Schweiz (einige kennen ihn schon lange, andere verfolgen sein Projekt auf den sozialen Medien) applaudieren.
«Es ist, als ob ich gestern erst startete. Ans Ende konnte ich damals noch nicht denken. Viele sagten, das sei unmöglich. Auch die Hälfte des Projekts lag so unendlich weit weg. Und jetzt ist es plötzlich da», sagt 60-Jährige.
Pro Woche investiert er rund zwei Tage in sein Wanderprojekt. Die Hälfte davon ist das Wandern. Denn pro Wanderstunde braucht es auch noch eine Stunde Vorbereitung und Planung. «‹La vie en jaune› ist nicht nur ein Wanderprojekt. Es gibt sehr viel Organisatorisches», hält Bourquin fest. Es seien so viele Faktoren, die er nicht beeinflussen kann. Darum plant er fortlaufend und passt sich an.
Anpassen, das müssen wir uns auch kurz darauf. Der Weg führt bei Elfenau über die Aare. Es hat da eine kleine Fähre, die man mit einer Klingel «bestellt». Das Boot quert den Fluss ohne Motor, sondern mit dem gezielten Ausnutzen der Strömung und befestigt an einem Seil, das über den Fluss gespannt ist. Faszinierend. Aber das ist hier nicht das Thema.
Wir warten also auf das Boot. Erlebt Bourquin viele solche Überraschungen? «Ja, sehr viele. Heute haben wir Glück, dass die Fähre in Betrieb ist. Ich stand auch schon an solchen Stellen ausserhalb der Betriebszeiten.»
Und was waren die bisher grössten Überraschungen unterwegs? «Als mir Gämsen in Solothurn begegneten. Und auf der Via Alta Verzasca – einem schwierigen weiss-blau-weissen Abschnitt – kam ich durch die Felsen um eine Kurve und da ging einfach ein alter Mann mit Wanderstab. Keine Ahnung, wie er dahin kam.»
Später wird Bourquin während einer kleinen Präsentation zeigen, was ihm in den bisher rund 13 Jahren sonst noch auffiel. Das sei schwierig gewesen. «Denn eigentlich ist viel zu viel passiert. Aber andererseits wandere ich ja nur», sagt er. Zu den Erkenntnissen gehören:
- Die Zeit rennt
- Viele Schwierigkeiten/Unannehmlichkeiten (Verletzungen, Hundebiss, Wegsperrungen, geschlossene Restaurants)
- Mittelmässiges Essen und unbequeme Übernachtungen
- Sehr viel Arbeit neben dem Wandern (rund 1 Stunde Arbeit für eine Stunde Wandern)
- Die grosse Freude, in der Natur zu sein
- Sehr, sehr viele Momente des Glücks
Diese Momente des Glücks werden ihn auch durch die zweite Hälfte des Projekts begleiten. Die Motivation hat sich aber etwas geändert. Beim Start vor bald 13 Jahren war es noch eher auch «etwas Aussergewöhnliches machen».
Jetzt freut er sich über die Verbindung zur Natur, dass er Orte entdeckt, die er sonst nie besucht hätte, dass er unbekannte Leute kennenlernt, dass Wandern wie Meditieren ist und vor allem: «Ich möchte gut altern. Gesundheit ist wichtig. Dieses Projekt hilft mir, gut zu altern. Und umgekehrt läuft das Projekt gut, wenn ich gut altere.»
Fit war Bourquin schon immer. Zu Beginn des Projektes schon und jetzt auch noch. Natürlich wird auch er nicht jünger. Aber bisher läuft alles gut. Für die zweite Hälfte hofft der 60-Jährige, dass er auch mal «bisschen mehr Zeit» hat, mal zwei bis drei Tage an einem Ort bleiben kann und von dort auch kürzere Etappen wandern kann (aktuell macht er rund 45 Kilometer pro Woche).
Ob das auch alles so eintrifft? Wer weiss das schon? Gelernt hat Bourquin auf den ersten rund 33'000 Kilometern eines: «Ich kann nicht alles beeinflussen. Ich kann viel vorbereiten, die (neuen) Apps sind grosse Hilfen. Aber am Ende entscheidet der Weg, wie es läuft. Es gibt immer Unsicherheiten.»
Geplant ist das Ende des Projekts am 1. August 2041 auf dem Bundesplatz. Ob Bourquin dann weinen wird? Angekündigt hat er es zumindest.
