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Mireille Gobat auf Gleis 1 am Bahnhof Genf Cornavin. Sie versuchte, sich in einer Männerwelt zu behaupten. Und scheiterte. bild: © Sandra Ardizzone 

SBB-Mitarbeiterin wurde sexuell belästigt – und kämpft bis vor Bundesgericht um ihr Recht

Es ist gerichtlich bestätigt: Die Einsatzleiterin, die den härtesten Job der Bahnbranche hatte, wurde sexuell belästigt. Doch das hilft ihr nicht. Die Geschichte einer starken Frau, die keine Kraft mehr hat.

Andreas Maurer / ch media



Mireille Gobat, 41, hat ihr gesamtes Berufsleben bei den SBB verbracht. Mit 17 machte sie eine Lehre als Bahnbetriebsdisponentin in Genf und arbeitete danach in verschiedenen Funktionen, am Schalter, im Stellwerk, in der Telefonzentrale. Als die SBB die Kontaktzentren in den Städten aufhoben und in Brig zentralisierten, musste sie eine neue Stelle suchen. Das kam ihr gelegen, denn sie sehnte sich nach einer grösseren Herausforderung. Und sie wurde fündig. Sie fand die grösste Herausforderung, die es bei den SBB gibt.

Gobat erhielt eine Stelle beim Interventionsteam. Sie war verantwortlich für alles, was mit Sicherheit zu tun hatte. Wenn irgendwo eine Lampe kaputt war, zog sie sich eine orange Weste über und rückte aus. «Wir waren die Augen und die Ohren vor Ort für die Zentrale», erzählt sie. Und diese Augen sahen mehr als kaputte Lampen.

Schweizweit ereignet sich alle drei Tage ein Suizid auf den SBB-Gleisen. Das sagt die offizielle Statistik. Die Mitarbeiter des Interventionsteams führen eine inoffizielle, eine persönliche Statistik. Jeder Tote brennt sich im Gehirn ein. Gobat nennt die Zahl, ohne nachzudenken: 15. So viele Suizide hat sie in vier Jahren erlebt. Die Zahl ist überdurchschnittlich hoch, weil zwei Psychiatrien am Streckennetz liegen.

Gobat und ihre Kollegen waren jeweils als Erste vor Ort. Sie bauten den Sichtschutz auf, sicherten die Unfallstelle und koordinierten den Einsatz der Sicherheitskräfte. Eine spezielle Ausbildung für den Umgang mit dem Erlebten gebe es nicht, sagt sie. Beim ersten Mal gehe man einfach hin und schaue, was man antreffe. Sie entwickelte eine persönliche Strategie und klammerte sich jeweils an ihre Checkliste, Punkt für Punkt arbeitete sie diese ab. So gab sie dem Abgrund eine Struktur und fiel nicht hinein.

Es ist ein einsamer Job. Nur eine Person hatte Pikettdienst und rückte alleine aus. Wieso macht man es nicht zu zweit? Gobat zuckt mit den Schultern, eine Kostenfrage. Sie mochte ihren Job.

Gobat war die erste Frau im Interventionsteam. Sie wusste von Anfang an, dass es hart werden würde. Sie musste sich in einer Männerwelt behaupten. Als Einsatzleiterin kommandierte sie auch den Lösch- und Rettungszug. An Bord sitzen Lokführer, die alle einen Rang bei einer Feuerwehr ausserhalb der SBB haben müssen. Es gab noch nie eine Frau im Lösch- und Rettungszug von Genf.

Auch die Frauen in den anderen Regionen lassen sich an einer Hand zählen. Gobat kennt eine Frau in Lausanne und eine Feuerwehrsoldatin in Bern, mehr nicht. Die älteren Feuerwehrmänner hätten mit ihr gesprochen wie ihr Vater. «Ma petite», sagten sie, «so macht man das nicht bei uns.» Befehle einer Frau konnten sie nicht akzeptieren.

Gobat wehrte sich nicht und redete sich ein, das sei eben die Schwierigkeit ihrer Arbeitswelt. Auch dass es in Nyon keine Frauengarderobe gab, empfand sie nicht als besonderes Problem. Sie zog sich auf dem WC um.

Die Sprüche wurden für sie erst dann unerträglich, als sie von einem Ereignis aus der Bahn geworfen wurde. Als sie in einer Nacht im Büro in Nyon einen Rapport verfasste, brachen drei Kleinkriminelle ein. Die Polizei konnte sie festnehmen, Gobat blieb unverletzt. Doch der Einbruch war für sie ein traumatisches Erlebnis. Sie wollte mit ihren Arbeitskollegen in den Tagen und Wochen danach darüber sprechen, doch diese klopften nur weiterhin ihre Sprüche. Die Männer gaben ihr zu verstehen, sie als Frau sei nicht die richtige für den Job. Dass sie Mühe hatte, den Einbruch zu verarbeiten, bestätige das.

Gobat holte sich Hilfe beim Sozialdienst der SBB. Dort habe man ihr gesagt, es sei normal, dass sie durcheinander sei. Sie solle mit ihrem Pferd darüber sprechen, erhielt sie als Rat. Das Reiten ist Gobats Hobby.

Ein anderer Psychiater gab ihr schliesslich einen besseren Rat. Er sagte zu ihr: «Sie brauchen keinen Psychiater, sondern einen Rechtsanwalt.» Gobat begann, sich gegen die Sprüche zu wehren. Zuerst widersprach sie bei jeder Gelegenheit. Dann setzte sie sich auch juristisch zur Wehr. Sie hielt fest, was sie sich anhören musste.

Sprüche unter der Gürtellinie

Ihr Chef sagte, die Frauen im Büro seien nur dazu da, die Post zu holen und den Kaffee zu servieren.

Ihre Kollegen machten Bemerkungen über ihren Körper. Sie sei zu klein und dick. Und sie stellten Fragen: «Warum ist sie mit 40 immer noch ledig? Warum hat sie keine Kinder?» Wahrscheinlich sei sie verrückt.

Der Chef pflegte in der Kaserne über sich selber zu sagen, er sei ein «beau garçon». Er verstehe nicht, dass sie sich sexuell nicht für ihn interessiere.

Als sie die praktische Prüfung für die Feuerwehr bestanden hatte, bei der man in voller Montur joggen muss, meinten ihre Kollegen: «Elle a couché!» Sie habe mit jemandem von den Behörden geschlafen, anders konnten sie sich das Resultat nicht erklären.

Ihr Chef sagte, Frauen, die reiten, würden auf dem Sattel sexuelle Befriedigung suchen.Ihr Chef zeigte ihr ein Foto der Feuerwehrkollegen aus Genf beim Baden im See. Er meinte, ihrem Team würden derartige Aktivitäten auch guttun. Sie meldete sich bei den Vorgesetzten und fragte, ob es nötig sei, dass sie sich mit dem Chef im Bikini treffen müsse. Sie erhielt keine Antwort.

Mit der Hilfe ihres Anwalts erreichte Gobat, dass die SBB ein externes Beratungsbüro mit einer Untersuchung beauftragten. Diese bestätigte, dass Gobat Opfer von sexuellen Belästigungen geworden war. Das Bundesverwaltungsgericht kam mit Entscheid vom 3. Dezember zum gleichen Ergebnis. Im SBB-Team wurde eine gestörte Kommunikationskultur festgestellt. Die Männer hätten sich sexistisch verhalten, sie hätten Fehler gemacht und einen Mangel an Sensibilität gezeigt. Doch sie hätten der Frau nicht absichtlich geschadet.

Die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts und ihre beiden Kollegen relativierten die Vorfälle. Es handle sich weder um physische Kontakte noch um sexuelle Avancen noch um Gewalt. Deshalb hielt das Gericht die Entschädigung der SBB für angemessen: Gobat erhält einen Monatslohn von 6600 Franken. Sie verlangt viermal mehr. Stattdessen muss sie nun ihr Erspartes für den Rechtsstreit ausgeben, weil ihre Anwaltskosten nur zum Teil gedeckt werden.

Die SBB nehmen die Abweisung der Klage ihrer Mitarbeiterin «mit Genugtuung» zur Kenntnis, wie ein Sprecher sagt. Die SBB würden anerkennen, «dass die Mitarbeiterin Opfer von belästigenden, sexuellen Bemerkungen geworden» sei. Sie hätten sich bei der Frau entschuldigt. Gegen die fehlbaren Mitarbeiter seien arbeitsrechtliche Massnahmen getroffen worden.

Wie viele Fälle sexueller Belästigungen es bei den SBB gibt, ist geheim. Der Sprecher sagt: «Solche statistische Angaben veröffentlichen wir nicht.»

Ein Fall für das Bundesgericht

Gobat sagt: «Ich gehe vor das Bundesgericht. Nur einen Monatslohn als Entschädigung kann ich nicht akzeptieren. Das wäre auch schlecht für alle anderen Betroffenen.»

Besonders übel nimmt sie den SBB, dass ihr Chef dafür zuständig war, wegen des Konflikts ein Coaching mit ihr durchzuführen. Dabei sei er ein Teil des Problems gewesen. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigt zwar, dass dies ungeschickt gewesen sei, doch Grund für eine höhere Entschädigung sei dies nicht.

Gobat sagt: «Es ist gut, dass man wegen #MeToo heute darüber spricht. Aber für mich heisst es nur, darüber zu sprechen. Als ich mich beschwert habe, hat sich nichts verändert.» Sie habe kein Vertrauen mehr in sich und in das System. Sie könne sich derzeit keine gute Zukunft mehr für sich vorstellen.

Als sie die Sprüche nicht mehr aushielt, liess sie sich krankschreiben. Als sie zurück zur Arbeit kam, gab es ihre Stelle nicht mehr. Im Rahmen einer Umstrukturierung wurde sie aufgehoben. Gobat erhielt ein Angebot für einen Job in der Zentrale in Bern. Doch das war ihr zu weit weg. In zwei Jahren habe sie sich für 25 SBB-Stellen beworben. Immer hiess es, ihr Profil entspreche den Anforderungen nicht. Für ihren Anwalt ist klar: Sie steht auf einer schwarzen Liste. (aargauerzeitung.ch)

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